Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 52 (1888)
- Issue
- Heft 51 (20.12.1888)
- Date
- 1888-12-20
- Page
- Seite 805 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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805 Sil-er aus dem Leben des Volkes Israel. 4. Bescheidenheit. Es ist sehr bezeichnend, daß, wo das höchste Lob Mosis' ausgesprochen werden soll, es heißt (4. Mos. 12, 3): „Der Mann Moses war sehr bescheiden, mehr denn irgend ein Mensch auf dem ganzen Erdboden." Und da Micha das ganze Siltengesetz in einen Satz zusammendrängen will, sagt er (6, 8): „Verkündet hat er dir, o Mensch, was gut und was der Ewige von dir fordert: Nur Recht zu üben und Huld zu lieben und demüthig zu wandeln mit deinem Gott/' Diese Bescheidenheit oder Demuth yjs, rrr, bw), welche den Menschen ebenso von allen Anmaßungen, von aller Selbstüberhebung über alle andern Menschen fern hält, wie ergeben in den Willen Gottes und von der Barmherzigkeit des höchsten Richters Vergebung seiner Schuldhaftigkeit erhofft, wird durch die ganze heilige Schrift gerühmt als eine der höchsten Tugenden, die der Mensch erreichen kann. Denn diese Bescheidenheit ist stets mit dem Recht verbunden (Psalm 45, 5), und in Bescheidenen ist Weisheit vorhanden (Sprüche 11, 2.) Sehen wir weiter. Der Sänger spricht (Ps. 37, 11): „Die Demüthigen besitzen das Land und freuen sich der Friedensfülle/' während die Bösewichter untergehen. Der Demüthige gewinnt Ehre, welche der Bescheidenheit nachfolgt. (Spr. 15,33. 18, 12.): „Ja Reichthum, Ehre und Leben sind der Lohn der Demuth und Gottesfurcht" (22, 4) d. h. die Erfolge der Bescheidenen im Leben, bei den Menschen und vor Gott, sind sicher, während der Hochmüthige wohl dann und wann etwas zu erreichen vermag, es aber bald wieder verliert. Damm sagt auch der Spruchredner (16, 19): „Besser demüthig mit Bedrängten, als Beutetheilen mit Stolzen/' Denn, sagt der Sänger (2h, 9.) „Demüthige leitet Gott im Rechte und lehrt Demüthige seinen Weg" und endlich (149, 4): „Gott schmücket die Demüthigen mit Sieg." Aus tiefem Herzen ruft der Prophet aus (Jesaias 57, 15): „Der Hohe, Erhabene, Ewigthronende, Heiliger ist sein Name, spricht: Hehr und heilig throne ich, doch auch beim Zerknirschten und Geistesgebeugten, zu beleben den Geist der Gebeugten und zu beleben das Herz der Zerknirschten." Und so rufet Zephanja (2, 3): „Suchet den Ewigen, all ihr Demüthigen des Landes, die ihr sein Recht geübt, suchet Gerechtigkeit, suchet Demuth, dann werdet ihr geborgen werden." — Wo Solches gelehrt und dem Volke immer wiederholt worden, ergibt sich von selbst, daß es der Volksseele entsprach und aus deren innerstem Grunde entsprang. Mit diesem stimmt ja auch die ganze Geschichte Israels überein. Ein Jahrtausend hindurch vertheidigt es sich gegen seine es umgebenden Feinde, mächtige und schwächere, große und kleine Staaten, bis es vor den Weltmächten der Assyrer und Chaldäer zusammen brach. Aber auch von diesem Falle erhob es sich wieder und gründete einen neuen Bestand auf sechs Jahrhunderte und kämpfte auch hier gegen übermüthige Feinde, bis es, uneinig und zerrissen in sich, vor den römischen Legionen, in blutigem Todeskampfe ringend, zu Boden sank. So hat es ferne Kraft, seinen Muth, seine Tapferkeit auch auf zahlreichen Schlachtfeldern erwiesen. Aber es begnügte sich stets mit seinem bescheidenen Binnenlande, und trug über die Grenzen, die ihm schon in der Thora angewiesen waren, niemals das Schwert hinaus, um andere Völker zu unterwerfen und Andersgläubigen seine Lehre gewaltsam aufzudrängen. In seinem Innern sollte es Heidenthum und Götzendienst streng ausrotten,! gegen andere Völker, deren Heidenthum und Götzendienst mit Gewalt auszuziehen, war ihm nicht auferlegt. Man muß also anerkennen, daß der Charakter dieses Volkes die Bescheidenheit war, da es, energisch in seinem Innern, — wie auch sein Strafgesetz bezeugt — nicht über die ihm gesetzten Schranken hinausging und duldsam war gegen Nahe und Ferne. — Mustern wir die Reihe der Männer aus seiner Mitte, von welchen uns Nachrichten überkommen sind, so zeigen die meisten von Ihnen offenbar denselben Charakter. Die Heroen des Volkes haben niemals nach Herrschaft und Prunk gestrebt. Moses und Josua haben ihre Söhne und Nachkommen nicht für die höchsten Aemter bestimmt, und des letzteren Söhne kennen wir nicht einmal dem Namen nach. Von den Richtern hat kein einziger einen Sohn hinterlassen, der sein Ansehen und seine Macht geerbt. Die einzige Ausnahme, Abimelech, wird als ein unehelicher, brudermörderischer, verworfener Mensch geschildert, der doch nur eine sehr beschränkte Macht, und diese auf nur kurze Zeit erlangte. Barak will sogar nicht ins Feld ziehen, wenn Deborah ihn nicht begleite und das Heer begeistere. Jephta weigert sich sogar längere Zeit, die Heerführerrolle zu übernehmen. Auch Simson benutzt seine Stärke und seinen Heldenmuth nicht, um sich zum Fürsten seines Volkes emporzuschwingen, sondern verbleibt bescheiden in seinen Bemühungen, die Philister aus den Grenzen des Landes herauszudrängen und zwar nur durch seine persönlichen Thaten. Obschon Samuel in seinem Alter seinen Söhnen Spielraum gewährt hatte, stand er doch keinen Augenblick an, einen anderen hervorragenden Mann zum Könige über Israel zu salben. Dieser erste König war aus dem kleinsten Stamme und verbarg sich hinter der Wagenburg, als er dem Volke vorgestellt werden sollte. Der zweite König wurde „von hinter der Herde" genommen. Bon aristokratischen Geschlechtern und deren Ansprüchen auf die Macht war also keine Spur. Welche Bescheidenheit bethätigt Jonathan, der Königssohn, der in David den höheren Geist erkennt und die Ansprüche auf den Thron seines Vaters im Vollbewußtsein seines Thuns aufgiebt und David dafür nur