Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 52 (1888)
- Issue
- Heft 51 (20.12.1888)
- Date
- 1888-12-20
- Page
- Seite 804 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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804 Verwaltung 20 Pfennig zahlte. In Bockenheim wurde im Frühjahr dieses Jahres ein Milchhändler, der von auswärts die Milch bezog und an das Garnisonlazareth lieferte, zu 100 Mk. Geldstrafe verurtheilt, weil er mehr als 15 Prozent Wasser der Milch zusetzte. Das Merkwürdigste ist, daß dieser Mann am 1. April die Lieferung weiter behalten haben soll. In einem anderen Prozesse stellte sich heraus, daß die Arrneeverwaltung eine Lieferung von Heu zu 1 M. 60 Pf. vergeben hat, für welchen Preis Heu absolut nicht geliefert werden kann. Der betreffende Mann half sich dadurch, daß er Lagerscheine fälschte. Er wurde verurtheilt. In Marburg hat ein Armeelieferant, Namens Simon Oppenheim, für das dortige Jägerbataillon die Lieferung. Er suchte alte abgelagerte Nudeln dadurch für die Soldaten schmackhaft zu machen, daß er sie unter neue mischte. Diese Nudeln sind auch wirklich von den Soldaten verspeist worden; wie sie geschmeckt haben, davon ist nichts bekannt geworden. Auch bei Kaffee mischte er alte abgelagerte Bohnen unter die neuen. Der Mann hat noch heute die Lieferung. Das sind Bilder aus dem Treiben gewisser Armeelieferanten. Ich will nicht hinzufügen, welcher Konfession dieselben angehören. (Heiterkeit.) Man würde sonst sagen, daß ich konfessionelle Hetze treibe. — Ich bitte also die Militärverwaltung, direkte Verbindung mit der Landwirthschaft anzuknüpfen. Die Landwirthe würden, wenn ihnen Entgegenkommen geschenkt würde, gern mit der Militärverwaltung in Verbindung treten. Wir brauchen zu dieser vom Hause kaum angehörten Rede keine Bemerkungen hinzuzufügen, denn es wurde ihr vom Abg. Richter eine genügende Antwort. Abg. Richter: Der Vorredner ist hinter den Erwartungen, welche ich seiner Rede entgegenbrachte, sehr weit zurückgeblieben. (Sehr richtig!) Das Haus ist über seinen Geschichten mehr und mehr unaufmerksam geworden. Betrügereien und Prozesse werden überall bei Lieferungen Vorkommen, mögen diese von Produzenten oder Händlern gemacht werden. Was speziell die Milch anbetrifft, so erinnere ich mich aus meiner Jugendzeit, in Koblenz oft wahrgenommen zu haben, daß es gerade Landwirthe waren, die gefälschte Milch auf den Markt brachten, welche dann von der Polizei weggegossen wurde. Es ist eine Eigenthümlichkeit, daß die größere Zahl der Polizeistrafen gerade auf die Produzenten fällt, die dem Vorredner als besonders ehrlich gegenüber den Lieferanten erscheinen. Ich habe schon darauf hingewiesen, wie ein früherer Offizier auch wegen Milchfälschung zur Verantwortung gezogen worden ist. Es war dies ein Mann, der zu den „Edelsten der Nation" gehörte. Herr Böckel hat zur Vervollständigung der Milchprozesse auch noch Nudelprozesse herangezogen. Es ist mir nicht klar geworden, ob die Produzenten auch die Nudeln direkt zu liefern im Stande sind. Es kommt gar nicht darauf an, wer liefert, sondern wie geliefert wird. Demjenigen ist der Vorzug zu geben, der am besten und billigsten zu liefern im Stande ist, und wer aus irgend einer Abneigung gegen einen Stand oder eine Konfession anders handelt, der handelt dem Interesse der Armee und der Steuerzahler zuwider. (Beifall.) Wenn übrigens Jemand so seinen Scharfsinn auf einen einzigen Punkt seiner parlamentarischen Thätigkeit konzentrirt, so muß man sich wundern, daß er nur Material von so geringer Bedeutung beigebracht hat. Der Abg. Böckel hat sich zudem in dem Etatkapitel vergriffen. Es handelt sich hier gar nicht um Lieferungen für die Armeeverwaltung, sondern um Selbstbewirthschaftung der Truppentheile. Die Truppentheile sind sämmtlich bestrebt, so billig als möglich einzukaufen. Der Vorredner thut so, als ob er mit seinem Rathe etwas ganz Neues sagte. Schon vor 20 Jahren, als ich Genossenschaften leitete, haben die Menageverwaltuugen in Konsumvereinen gekauft. Der Abg. Böckel hat nichts beigebracht, was irgend einer Verwaltung den Anhalt gäbe, besser als bisher zu wirthschaften. Bei dem direkten Berkauf von Produzenten haben gerade in neuerer Zeit die Militärverwaltungen die Erfahrung gemacht, daß die gehegten Erwartungen von der Wirklichkeit nicht erreicht wurden. Wie dürftig das Material des Vorredners ist, zeigt, daß es derselbe Simon Oppenheim ist, den er heute und den er schon vor einem Jahre vorgeführt hat. (Heiterkeit.) Davon lebt der Herr Vorredner parlamentarisch. (Heiterkeit.) Das ist die Grundlage seiner parlamentarischen Wirksamkeit. Nach den großen Erwartungen, die er in Hessen bei seinen Wäh-! lern erregt hat, hüten sie sich, daß der Simon Oppenheim stirbt (Heiterkeit), denn dann wüßten sie gar nicht mehr, was sie hier Vorbringen sollten. (Heiterkeit und Beifall links.) Böckel suchte hierauf zu antworten, wurde aber jedesmal von Richter lächerlich gemacht und konnte vor den scharfen Sarkasmen nicht Stand halten. Richter hat auch! auf die 10,000 Mark angespielt, welche die Kartellparteien | t>ott Bteichröder angenommen, um Cremer von der Kandidatur in Berlin zurückzuhalten. Hierauf nahm Stöcker! Veranlassung, es als eine Unwahrheit hinzustellen, daß die! konservative Partei hieran theil genommen. Es wurde ihm ^jedoch hinlänglich nachgewiesen, daß die Konservativen ebenso j wie die Nationalliberalen darauf eingegangen und daß Stöcker! selbst damals vom Centralkomite der Kartellparteien Mitglied j gewesen. Hieran knüpft sich auch eine Polemik zwischen i „Post", „Kreuzzeiturig" und anderen Blättern, die uns jedoch nicht weiter interessirt. Die Antisemiten haben sich abermals blamirt.