Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 52 (1888)
- Issue
- Heft 51 (20.12.1888)
- Date
- 1888-12-20
- Page
- Seite 803 (sequence 3)
- Language
- German
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803 rechtigung aus der preußischen Verfassung im Abgeordnetenhause anzutragen, und die Staatsregierung erklärte, daß trotz dieses Verfassungsparagraphen die vom Gesetze vom 23. Juli 1847 aufgestellten Beschränkungen für die Juden aufrecht erhalten würden. — Es kam der französisch-deutsche Krieg vom 1870/71. In dieser Zeit der Gefahren und des Kampfes fühlte sich die ganze deutsche Nation „als ein Volk von Brüdern." Jeder kleinliche und engherzige Kasten- und Klassengeist war verschwunden. Nicht blos unter den Kämpfenden war die unbedingte nationale Bruderliebe unbedingt thätig, sondern auch in der Opferwilligkeit zu „Liebesgaben", in der Pflege der Kranken und Verwundeten, in der Sorge für die Zurückgelassenen der im Feindeslande Kämpfenden. In alledem war kein Unterschied zwischen den Bekennern der verschiedenen Religionen bemerkbar; zeichneten sich doch auch viele jüdische Frauen in der Hingebung für Krankenpflege aus. Ja, die Ebenbürtigkeit war erkannt, anerkannt, bethätigt, und diese Gesinnung herrschte einige Jahre vor. Aber der allgemeine Geist erfuhr abermals tiefgehende Umwandlungen. Der Culturkampf brachte den confessionellen Hader wieder auf; der Socialismus sonderte große Theile aus der Nation aus und stellte sie auf einen kampfbegierigen Standpunkt; der Jnteressenkampf erhob sich um die Schutzzölle; die Parteien erbitterten sich und kämpften um die Gunst im Volke. Da verschwand auch das Gefühl der Brüderlichkeit in der Nation, die Gesinnung der Ebenbürtigkeit, die den Menschen nach seinen Begabungen und Leistungen beurtheilt, nicht aber nach vorausgefaßten Meinungen und Vorurtheilen betrachtet. . . . Unter diesen Wirren, in solcher Zerfahrenheit konnte es nicht schwer fallen, auch die alte Mißachtung, das alte Mißtrauen, ja den alten Haß gegen die Juden wieder zu erwecken. Es ging aus von Strebern, die auf den Wogen der Volksleidenschaften in die Höhe kommen wollten, und von verkommenen Subjecten, die ihre Lage zu verbessern dachten. Dies war der Ursprung des Antisemitismus und die Folge war die abermalige Anschauung von der Unebenbürtigkeit der Juden. — Wir haben obige Beispiele angeführt, um zu zeigen, was es ist, was uns jetzt wieder fehlt, was wir zu erreichen und damit zu erstreben haben; daß es aber auch nicht unmöglich ist, dahin zu gelangen. Die Gleichberechtigung haben wir erlangt, jetzt gilt es die Ebenbürtigkeit. Gewiß können auch wir dazu beitragen, zu diesem Ziele zu gelangen. Durch unser Streben, unser Verhalten, unsere Lebens- und Handlungsweise, durch unseren Eifer für echte Bildung und wahre Gesittung, durch die stete Bethätigung eines aufrichtigen Patriotismus, durch Ruhe und Bescheidenheit mit Charakter und Festigkeit, durch Selbstschätzung ohne Ueberschätzung, durch Würde ohne Anmaßung — durch all' diese Tugenden oder doch offenbares Streben danach werden wir uns die Achtung erobern, die uns Vorurtheil und angewöhnte Mißachtung als Menschen und Bürger noch immer vorenthalten. Der Antisemitismus im Deutschen Reichstage. Wenn wir des an sich unbedeutenden Vorganges in der Sitzung des Reichstages vom 5. Dezember besonders erwähnen, so geschieht dies aus folgendem Grunde. Wenn eine Partei, die sich als solche gerirt und in Wort und Schrift Anmaßung und Selbstüberhebung in reichstem Maße kund giebt und den Widerspruch gegen die öffentliche Meinung nicht scheut, in einer gesetzgebenden Körperschaft vor den Augen nicht uur der ganzen Nation, sondern der gesammten civilisirten Welt auftritt, so darf sie dies nur thun, wenn sie der Bedeutung ihres Gegenstandes voll ist und! durch die Energie ihrer Haltung Beachtung abzugewinueu i versteht. Beides gelingt aber den deutschen Antisemiten immer weniger und bezeugten sie hierdurch thatsächlich ihre Hinfälligkeit, ihren Niedergang, ihre Ohnmacht. Hiervon giebt der Vorgang in der gedachten Sitzung einen vollen Beweis. Die Verhandlung über den Militär-Etat stand auf; der Tagesordnung und man war bei dem Kapitel 25 „Naturalverpflegung" angelangt. Der Abg. Böckel nahm das Wort. Wir geben seine ganze Rede wieder. Abg. Böckel: An dem Lieferantenwesen ist die deutsche Landwirthschaft in höchstem Maße interessirt. Der Absatz ihrer Produkte ist erschwert durch das Schmarotzerthum von Lieferanten, die mehr und mehr dem Landwirth den Rahm von der Milch abschöpfen. Es wäre eine hohe ethische Aufgabe der Armeeverwaltung, wenn sie ihre Bedürfnisse direkt von dem Landwirth bezöge. Die laudwirthschaftlichen Genossenschaften würden gern mit der Armeeverwaltung in Verbindung treten. Welcher Art das Lieferantenwesen heute noch in der Armeeverwaltung ist, darauf werken einige Gerichtsverhandlungen ein trübes Licht. Vor der Strafkammer in Koblenz hatten sich Max Salomou und dessen Sohn Aron (Heiterkeit) — es ist nicht lächerlich, sondern traurig, wenn Juden die Armee betrügen — wegen Betrugs, Betrugsversuchs und Bestechungsversuchs zu verantworten. Während Vollmilch kontraktlich vereinbart war, waren 160 Liter als Magermilch festgestellt worden, und Aron Salonwn hatte außerdem den Küchenunterofsizier veranlassen wollen, in dem Küchenbuch eine Aenderung vorzunehmen, als ob thatsächlich Magermilch bestellt worden sei. Vor Gericht hatten die Angeklagten die Stirn, zu behaupten, der Unterschied zwischen Voll- und Magermilch sei ihnen nicht bekannt gewesen; es wurde aber nachgewiesen, daß sie dies wohl gewußt hätten. Außerdem stellte sich heraus, daß die Molkerei das Liter Magermilch zu 7 Pfennig liefert, während die Armee- 5X*