Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 52 (1888)
- Issue
- Heft 51 (20.12.1888)
- Date
- 1888-12-20
- Page
- Seite 802 (sequence 2)
- Language
- German
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802 gegen Alle, die von Juden abstammen, also auch gegen die getauften Juden; in den öffentlichen Carritzren wurden dieselben hintangesetzt und der gesellige Verkehr mit ihnen nachhaltig vermieden-, die gehässigsten Angriffe häuften sich in der Literatur und gingen selbst von Männern aus, welche den gemeinen Wühlereien der Antisemiten fern standen; Verleumdungen wurden geglaubt, welche schon zahllose Male widerlegt worden, und irgend ein Fehler oder ein Vergehen eines Juden wurde der Gesammtheit aufgebürdet; man übertrieb ins Krasseste den Einfluß der Juden und sah diesen als verderblich als der Nation und dem Staat Gefahr bringend an; kurz es gelang, in vielen Geistern die Juden als Fremde, ja als Feinde hinzustellen. Da fragt man sich, wieso dies unter der Herrschaft der Gleichberechtigung, welcher doch auch die Haltung der Juden tatsächlich entsprach, möglich war? . . . Die Lösung liegt in der Beobachtung, daß zwar ihre staatsrechtliche Gleichberechtigung anerkannt, die Ebenbürtigkeit aber ihnen nicht zugestanden wurde. Man hielt sie nicht für ebenbürtig; man fühlte und nährte gegen sie von vornherein eine gewisse Nichtachtung. Man sprach ihnen bewußt oder unbewußt dasselbe Sittengesetz, dieselbe Gesittung, dieselbe Bildung, denselben Patriotismus ab oder doch nicht zu. Deshalb sah man sie jetzt ungern, ja unwillig, in die öffentlichen Carriären eintreten. öffentliche Aemter bekleiden, im öffentlichen Leben, in Literatur, Kunst, Wissenschaft, Gewerbe, Industrie und Landwirthschaft Stellen einnehmen. Im Grunde glaubte man, die Stelle, die ein Jude ein nahm, und .das Stück Brod, das er gewann, käme einem Christen zu. Man hat vielfach -die antisemitische Gesinnung aus Concurrenzneid erklärt. Nun hat doch der Nichtjude unter seinen Glaubensgenossen stets Concurrenten genug; aber Juden darunter zu finden, ging wider den Strich. — Daß aber eine derartige Gesinnung von dem schwefelgelben Feuer des Antisemitismus wieder entzündet werden konnte, ist leicht erklärlich. Anderthalb Jahrtausende hatte man die Juden vom öffentlichen, wie bürgerlichen Leben und aus der geistigen Atmosphäre ausgeschlossen, zuerst aus religiösem Gegensatz, dann aus Fanatismus uub endlich aus Verachtung. Man hatte sie nicht blos verfolgt und blutig mißhandelt, man hatte sie in den Staub getreten und sie in jeder Weise in die äußersten und elendesten Winkel des menschlichen Lebens verbannt. Mit der Aufklärung der Geister, mit den Fortschritten der Civilisation, mit der Entwickelung des gesellschaftlichen und staatlichen Lebens, mit dem erwachten Bewußtsein des Volkes und der Menschenrechte konnte es nicht ausbleiben, daß auch diese Fesseln gesprengt, diese Schranken niedergerissen und der Grundsatz der Gleichberechtigung anerkannt und verwirklicht wurde. Damit aber waren die Gefühle der Mißachtung gegen die Juden, die Gewohnheit, sie als untergeordnete Wesen anzusehen, und ihr Eindringen in lalle Kreise des Lebens, die man ihnen doch selbst geöffnet ^und in welche einzutreten man sie aufgefordert hatte, als unzukömmlich und lästig zu betrachten, mit einem Worte, ihnen die Ebenbürtigkeit abzusprechen, noch lange nicht überi wunden, und leider! ist dies noch heute nicht der Fall. Ja,! es gab Zeiten, wo das Gefühl der Ebenbürtigkeit sich gel-! tend machte. Es waren die Zeiten der Gefahr und der j Aufregung. In Frankreich ging jene Mißachtung in den | Stürmen der Revolution unter und konnte daselbst nicht! wieder aufkommen, weil das Princip der Gleichheit bei den Franzosen allgemein vorherrschend wurde. In Deutschland war die Zeit der Ebenbürtigkeit aller Bürger zuerst in den Freiheitskriegen angebrochen. In dem Aufschwung der Nation im Jahre 1813 verschwand jedes Gefühl von Klassenunterschieden, Christ und Jude kämpften neben einander für Vaterland und Befreiung von fremdem Joch. Schreiber dieses erinnert sich noch mit Befriedigung, mit welcher Liebe und Achtung von seinen Kampfgenossen ein Oheim, der als Freiwilliger von Leipzig bis Waterloo den Befreiungskampf mitgemacht, zum Sergeanten avancirt, das eiserne Kreuz gewonnen hatte — seine Ehrenzeichen hängen noch in der Synagoge zu Magdeburg — behandelt wurde. Das währte aber nicht lange. Der Geist der Romantik, der alle Verhältnisse durchdrang, trat der Aufklärung und Humanität entgegen. Eine unparteiische Würdigung der „romantischen Schule" finden wir in den „Jugendeindrücke und Erlebnisse von Georg Weber" (Leipzig, Engelmann 1887), dem Verfasser der rühmlich anerkannten „Allgemeinen Weltgeschichte" (S. 43 ff.). Er sagt: „Sie äußerte sich in drei Richtungen: in der Verherrlichung des Mittelalters, in der Hinneigung!zum Katholicismus und in der Bewunderung für den orientalischen Quietismus: es war das wichtigste Anliegen der romantischen Schule, alles Alte und Ueberlieferte zu erhalten, zu Pflegen und wiederherzustellen u. s. w." Bor Allem rief sie auch den teutonischen Sinn zurück, der sich dann nicht blos in der Zurückweisung der Gleichberechtigung der Juden, sondern auch in handgreiflichen Angriffen gegen die letzteren Luft machte. Erklärte doch alsbald Friedrich Wilhelm III., daß die jüdischen Soldaten, die sich ein Anrecht auf Civilversorgung erworben hätten, diese nicht erhalten sollten, wenn sie sich nicht taufen ließen. — Ein zweiter Elan in der besprochenen Weise, fand in noch größerem, ja vollständigem Maße während der Bewegung und Aufregung von 1848 statt. Wer dachte damals an einen confessionellen und Ktassenunlerschied? Wer musterte wohl die Partei nach den Religionsbekenntnissen? Wer würdigte nicht Leistungen und Verdienst, ob eines Christen oder Juden? Wer glaubte wohl, daß ein solcher Unterschied jemals wiederaufkommen werde? Aber er kam doch, und schon 1856 wagte die conservative Partei, auf Beseitigung des Paragraphen über die Gleichbe-