Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 52 (1888)
- Issue
- Heft 50 (13.12.1888)
- Date
- 1888-12-13
- Page
- Seite 798 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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798 den Gewändern machen, zündete ein Seelenlicht an und setzte sich auf eine niedrige Bank, wo er wortlos, den Körper nur hin und her wiegend, saß. Neben ihm die Frau, die ihrem Schmerz, nachdem sie ihre Kräfte erschöpft fühlte, nur in Stöhnen und Seufzen Luft machte. Nahrung nahm der Greis so gut wie garnicht an. Ich wurde herbeigerufen, und da ich erkannte, daß es mit dem alten Manne zu Ende ging, ließ ich ihn wider seinen Willen zu Bett bringen. Von begüterten Glaubensgenossen erhielt ich alte Weine und selbst Champagner und flößte ihm fast mit Gewalt stundenweise einige Löffel ein. Einige Tage später saß ich am Bette des in stetes Schweigen versunkenen Greises, da polterte etwas die Stiege herauf. Plötzlich erhob sich der Greis und schrie: „Mein Sohn, mein Isaak!" Die Thüre öffnete sich und wirklich trat Isaak ein, todtenbleich und abgezehrt. Der Greis rief: „Ist es dein Geist. Isaak, der kommt, mich hinüber zu holen?!" Doch es war Isaak selbst, der die entgegeneilende Mutter umarmte und dann am Lager des Vaters niederstürzte und dessen zitternde Hände mit Küssen bedeckte. Nach einer Weile erzählte er, daß auch er ins Meer gestürzt wie alle Anderen, beim Wiederauftauchen sich dicht an einem gekenterten Boote befand, sich in der Todesangst daran geklammert und nach kurzer Zeit von einer Sturzwelle mit dem Boote auf den Strand geschleudert worden sei. Mitleidige Fischer hatten den Bewußtlosen da gefunden und in eine Hütte getragen. Als er erwachte, fühlte er sich gänzlich zerschlagen; schwere Contusionen an Armen und Beinen machten ihm den Gebrauch derselben unmöglich. Aerztliche Hilfe war nicht zur Stelle, denn die wenigen Fischerhütten standen auf einer kleinen, von der Küste entfernten Insel. So war es ihm unmöglich, Nachricht von seiner Rettung zu geben und es währte mehrere Wochen, bis er wieder aufstehen und sich langsam bewegen konnte. Die eingenommenen Gelder hatte er in einem Cheque auf die Londoner Bank angelegt, diesen unmittelbar an seinem Körper verborgen und war er so mit gerettet. Ein vorübergehendes Schiff, das durch eine Nothflagge zum Anhalten gebracht worden, nahm ihn auf, nachdem er seinen Rettern einen klingenden Dank zu hinterlassen vermochte. So war er nach London gekommen und nach der Heimath zurückgekehrt. — Die Freude, die so überwältigend auf den Greis gewirkt, ließ sein Lebenslicht nur noch eine kurze Zeit aufflammen. Seine Kräfte nahmen ab und nachdem er wiederholt den tief empfundenen Dank der Vorsehung und seinem Sohne ausgesprochen, entschlief er sanft in dessen Armen. Jetzt aber kam der leidende Zustand des Sohnes zum Ausbruch. Monate lang litt er fast unbeweglich auf seinem Lager; der angestrengtesten Sorgfalt bedurfte es, um ihn wieder herzustellen und hier bewährte die alte Frau die ganze Kraft ihres Gemüthes und die Ausdauer einer mütterlichen Liebe. Er behielt jedoch eine Schwäche in den Armen und Beinen zurück, die selbst dem Gebrauche von Bädern nicht ganz wich. Glücklicherweise konnte ihm das erlangte Vermögen die nöthige Enthaltung von allen Arbeiten möglich machen — aber wie theuer war es erkauft! Ja, in diesem Erdenleben muß der Mensch Alles, was er erreicht, bezahlen; in den meisten Fällen gereicht das, was dem Menschen in den Schoß fällt, eher zum Schaden als zum Nutzen. Ein Eharakteyug Lassalle's. Wir erhielten jüngst die zweite Auflage von: „Ferdinand Laffalle, Ein literarisches Charakterbild von Georg Brandes. (Leipzig, Barsdorf, 1889)." Die Schrift bietet uns eine meisterhafte Charakteristik oder auch eine Apologie Lassalle's. Der Autor verhehlt auch die Schwächen dieses Agitators nicht, aber er sieht sie durch dessen große Gaben gedeckt. Solche Apologeten stellen ihren Gegenstand unter die Sonne, wenn sie am Zenithe steht, so daß er, von Licht umflossen, nur einen geringen Schatten wirft. Wir entnehmen seiner Darstellung aus deren Anfang Folgendes: „Lassalle war in Breslau geboren; sein Vater war ein nicht hervorragend begabter, aber braver und rechtlicher Kaufmann, beide Eltern israelitisch.') Der Sohn war ursprünglich für den Handelsstand bestimmt; da er jedoch auf der Handelsschule zu Leipzig nur geringe Fortschritte machte, beschloß man, ihn durch Privatunterricht in seiner Vaterstadt sich auf die Universität vorbereiten zu lassen. Lassalle war sein ganzes Leben hindurch der liebevollste Sohn, und das Verhältniß zwischen ihm und seiner Familie nach jüdischer Weise ein sehr inniges und festes. Die Mutter hing während Lassalle's ganzer Laufbahn mit größter Begeisterung an dem Sohne, fand sich in Alles, was er unternahm und fand zuletzt Alles gut. In dem Alter, wo alle Knaben naseweis sind und sich gern aufspielen, war Lassalle ein ungewöhnlich naseweiser und vorlauter Junge. Was er selbst in seinem späteren Leben so oft als seine „Frechheit" bezeichnete, verrieth sich schon damals. Wir stehen hier vor einem Racenmerkmal in seinem Gemüthe, der Grundform seines Temperaments, bei der Eigenschaft in ihm, deren Keim am treffendsten durch das jüdische Wort „Chutzbe" bezeichnet wird, das zugleich Geistesgegenwart, Frechheit, Dummdreistigkeit, Unverschämtheit und Unerschrockenheit bezeichnet und das sich leicht als das Extrem begreifen läßt, in welches die 1) Lassalle ist auch aus dem jüdüchen Friedhofe in Breslau begraben, hat also das Judenthum nicht verlassen. Der Autor der oben angeführten Schrift, der ausgezeichnete Essayist Georg Brani des in Kopenhagen, ist ebenfalls Jude.