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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1888-12-13 · Heft 50 (13.12.1888) · p. Seite 799

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
52 (1888)
Issue
Heft 50 (13.12.1888)
Date
1888-12-13
Page
Seite 799 (sequence 15)
Language
German
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799 Furchtsamkeit und die erzwungene Nachgiebigkeit einer zwei Jahrtausende lang gequälten und unterdrückten Race naturgemäß bei einbrechender Cültur umschlägt. Wenn Lassalle bei einem seiner Criminalprocesse in seiner Vertheidigungsrede, trotz der Drohungen des Vorsitzenden Richters, ihm das Wort zu entziehen, den Staatsanwalt verhöhnt, und als ihm das Wort wirklich entzogen worden ist, sich das Recht erzwingt, weiter zu reden, indem er jetzt eine Discussion darüber eröffnet, in wie weit es zulässig sei, ihm das Wort zu entziehen, so ist das „Chutzbe". Diese „Chutzbe", welche bei gewöhnlichen Individuen dieser Race in der Gestalt von Aufdringlichkeit oder unberechtigter Sucht, sich hervorzudrängen, mitunter so widerlich, als Unverblüfftheit und Geistesgegenwart mitunter so ergötzlich und gescheit ist, war bei ihm, in dessen Seele so große Gaben schlummerten, nur das Element, aus welchem sein persönlicher Thatendrang sich entwickelte, und dessen Farbe sein Thätigkeitseifer stets behielt." Nicht „Chuzbe" sondern „Chuzpa" (NDU-n) muß es heißen. Das Wort kommt — nicht in der h. Schrift, wohl aber — im Talmud und den Targumim öfters vor. I», Volksmunde spricht man von einem „Chuzpe-Panim". Das erstere Wort bezeichnet die Eigenschaft, der letztere Ausdruck die Person, welche diese Eigenschaft besitzt. Gewöhnlich deutet man sie als „Unverschämtheit, Frechheit", das ist wohl zu viel gesagt, vielmehr ist sie als „Anmaßung, Kühnheit, Verwegenheit" zu deuten. Eine solche Person geht in dem, was sie spricht und thut, vermessen über das hinaus, was ihr zukommt, was anständig und conventionell ist. Eine weitere Stufe wird durch den Ausdruck „Asus-Panim" ausgedrückt, was „Frechheit, Boshaftigkeit, äußerster Trotz von seiner schlimmsten Seite" bezeichnet. Dem „Chuzpe-Panim" kann immer noch eine gute Absicht und ein zweckmäßiger Erfolg einwohnen, so daß er über diesen selbst Lob ernten kann, wenn auch seine Berfahrungsweise mißbilligt wird. Der Asus-Panim aber ist bösartig und hat böse Absichten, seine Nebenmenschen zu kränken und selbst zu schädigen. In diesem Sinne kommt o’JD ry schon Dan. 8, 23 vor. Sanhedrin 105. 7 heißt es: „Die Chuzpa ist eine Herrschaft der Krone," also ohne sittlichen Werth. Wer daher diese Eigenschaft besitzt, kann leicht zum Bösen verleitet werden, namentlich zur Verleumdung, und Arach. 15, 2 werden Chuzpa und Verleumdung („böse Zunge") mit einander verbunden. Recht anschaulich macht sich der sittliche Werth, aber auch der thatsächliche Erfolg in folgendem Gleichniß fühlbar: (Jer. Taan. 66 b): Ein König hatte zwei Töchter, die eine frech (no-tto), die andere gerade und fromm (~Bisn); so oft die freche vor ihn kam, sagte er: man gebe ihr, was sie will, damit sie nur bald fortgehe; so oft aber die fromme vor ihn trat, zog er ihre Angelegenheit in die Länge, weil er Verlangen trug, ihr ihm wohlgefälliges Gespräch recht lange sortzusetzew Belehrend ferner ist es, auf die Wurzel der beiden Ausdrücke zu sehen. Die „Chuzpa" beruht auf einem starken Willen — pn), Asus aus Macht hup —>y), die erstere bringt also eine starke Willenskraft, welche die gewöhnlichen Schranken überspringt, zum Ausdruck, die zweite stützt sich auf die Macht, welche selbst dem Recht und der Sitte Hohn spricht. Wir haben also hier in der jüdischen Volksbezeichnung einen tief gehenden Unterschied in dem Charakter der Keckheit und der Frechheit nach ihrer sittlichen und factischen Unterlage, ihrem sittlichen Werthe, mit einer Feinheit des Gefühls, wie wir es oft im Volkssinne finden, in höheren Kreisen es sich verwischt. Vermischtes. Unglaublich, doch wahr! Aus London, den 27. v. M, schreibt man der „Frks. Ztg.": Der 3. Band der Selbstbiographie des Malers Frith ist soeben erschienen. Er enthält wenig allgemein Interessantes. Von einigem Werthe ist jedoch die Anecdote über den berühmten jüdischen Maler Salomo Alexander Hart, der um 1830 etwa zum Associate der königlichen Academie gewählt wurde. Damals war es die Gepflogenheit der neugewählten Mitglieder, ihren Collegen einen Besuch abzustatten, und Hart sprach dem Usus gemäß bei einem der Unsterblichen vor. Der Maler war als ein überaus frommer Kirchengänger bekannt, hatte aber ein äußerst neidisches und mürrisches Temperament. Als der junge Maler in das Empfangszimmer eintrat, empfing ihn der ältere Herr mit den Worten: „Ich kann Ihnen nicht verhehlen, daß ich Ihre Aufnahme in die Academie gänzlich mißbillige, um so mehr, als Ihre Glaubensgenossen von den Universitäten, vom Parlament und von den Staatsämtern ausgeschlossen sind." Dann rief er seinen Sohn herbei, der im Garten mit einen: Reif spielte und sagte: „Heinrich, ich wünsche, daß Du den neuen Associate sehest. Dieser Herr, mein Sohn, ist ein Jude. Ich hoffe, Du erinnerst Dich an den Religionsunterricht, den Dir Deine liebe Mutter letzten Sonntag gab. Sie werden dort die „bösen Juden" genannt, und böse sind sie, denn sie haben unfern Herrn getödtet. Zu diesem Volk gehört dieser Herr." Als Herr Hart diesen Auftritt dem Maler Frith erzählte, fügte ec bei: „Kann man sich etwas Uuchristlicheres und Grausameres denken, als dieses Benehmen?" Der Knabe des Malers ist jetzt einer der beliebtesten englischen Romanschriftsteller. Sein Name thut nichts zur Sache. (Was kann man von solcher Erziehung erwarten!)

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