Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 52 (1888)
- Issue
- Heft 50 (13.12.1888)
- Date
- 1888-12-13
- Page
- Seite 797 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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797 Jeuilleion. Aus den Erinnerungen eines Arztes, m. Wenn ich aus den nieten Jahren meiner Praxis auf die Fülle von Erscheinungen, Ereignissen, Vorgängen Zurückblicke, die vor meinen Augen sich abspiellen, so finde ich bestätigt, was man öfters hört: feilt Roman- und Novellendichter kann solche sonderbare Situationen, solche wundersame Fügungen erdenken, wie sie das Leben mit sich bringt. Niemand kann dies besser beobachten als der Arzt, der in die intimsten Familienverhältnisse eingeweiht wird und denselben gegenüber doch unparteiisch bleibt. Die Dichtung, meine ich, kann doch nur nach ihren Absichten und Zwecken aus der Wirklichkeit schöpfen und das ihr hier angemessen scheinende znsammenstellen. Und hierin irrt oft der Dichter, indem er Dinge ineinander fügt, die keinen inneren Zusammenhang haben und welche deshalb dem Leser oder Zuschauer unwahrscheinlich, gesucht und gekünstelt erscheinen. Das Leben aber ist immer wahr, d. h. es verbindet stets Ursache und Wirkung folgerichtig; alles in ihm ist consequent und selbst was uns wunderbar erscheint, hat seine natürliche Wurzel, theils in vorangegangenen Zuständen, theils in den Gefühlen und Gesinnungen der Menschen. Blättere ich daher in meinen Aufzeichnungen alles dessen, was mir Ausfälliges im Leben vorgekommen herum, so stellt sich mir oft der Ausgang einer Sache klar vor, wie er sich an den Eingang genau knüpft; nicht selten aber entgehen uns die Mittelglieder und wir müssen uns an die Wege und Rathschlüsse der göttlichen Vorsehung halten, welche die Fäden der menschlichen Geschicke leitet. So im Folgenden, das sich meiner Erinnerung recht lebhaft aufdrängt. — In einem der letzten Häuser, oder sage ich lieber Häuschen meines Standquartiers lebte ein altes Männchen, das bisweilen meine ärztliche Hilfe in Anspruch nahm, es war ein hochbetagter Greis, bereits recht hinfällig, und seine etwas jüngere Frau, welche geschäftig, wohl auch etwas unruhig ihr Haus betrieb. Schlimm wäre es ihnen ergangen, denn sie hätten längst ihr geringfügiges Vermögen aufgezehrt, wenn sie nicht einen Sohn gehabt hätten, wie ich ihn wackerer und liebevoller gegen seine Eltern nicht gekannt habe. Er lebte so zu sagen ganz für sie, arbeitete unermüdlich, um ihnen ihre Bedürfnisse zu befriedigen und hatte selbst dem Wunsche, eine eigene Familie zu gründen, um ihretwillen entsagt. Dies war aber noch nicht alles. Nichts glich seiner Zärtlichkeit für sie, der ruhigen Art, wie er selbst die Launen namentlich der Mutter ertrug, und außer dem Nothwendigen auch herbeizuschaffen trachtete, was den alten Leuten ein Vergnügen bereiten konnte. Das wußte aber auch besonders der Vater zu würdigen, in dessen Augen die Freude und der Stolz aufblitzten, wenn der Sohn ins Zimmer trat. Zufällig war ich einmal dabei, als am Freitag Abend der Sohn aus der Synagoge kam, wohin der kränkelnde Alte nicht gehen konnte und sich vor seinen Vater stellte, das Haupt neigte und sich segnen ließ. Wie wandte der Greis seine Blicke nach oben, wie feuchteten sich seine Augen und zitterten seine Lippen, als er die Worte des Segens murmelte! — Da kam eilt Brief ans Amerika cm, welcher bemeldete, daß ein jüngerer Bruder des Greises, der vor vielen Jahren ausgewandert war, verstorben sei und sein nicht unberrächtliches Vermögen dem Bruder vermacht habe. Die Freude war groß, und die alte Frau eilte sofort auf den Markt, um für den nächsten Sabbath ein recht reichliches Mahl einzukaufen. Allein es war doch ein Haken bei der Sache. Das Vermögen des Erblassers bestand größtentheils in Hypotheken auf Häuser und Farmen, deren Betrag recht schwer einzukassieren war. Die Angelegenheit anterikanischen Advokaten auzuvertraneu, davor wurde nachdrücklich gewarnt. Sie pflegten nach erhaltener Vollmacht einznkassiren, aber die Auszahlung zu vergessen. Wie die Sachen lagen, konnte nur ein persönliches Eingreifen des Sohnes die Enthebung des Vermögens ermöglichen. Lang dauerte es, bevor die Alten dein längst entschlossenen Sohne ihre Einwilligung zur Reise gewährten. Sie verweigerten diese anfangs entschieden und wollten lieber alles aufgeben. Nach und nach gaben sie dem Willen des Sohnes und dem Zureden der Bekannten nach. Der Greis erwägte, daß dadurch die Zukunft des Sohnes erleichtert und gesichert würde. Nun, die Reise ging glücklich von statten. Einen Monat spater kam ein Brief an, der dies den Eltern versicherte. Es währte eine längere Zeit bis zur Abwickelung der Geschäfte. Es waren mauchetlei Opfer uöthig, in vielen Fällen mußte die Hälfte der Forderung erlassen werden, um die andere zu erhalten. Endlich war das Ziel erreicht und die Rückreise angetreten. Da blieben die Nachrichten aus und endlich kam die Meldung, daß der Dampfer, auf welchem der junge Mann sich eingeschifft, bei einem Sturme an den Shetlündischen Inseln gescheitert und die ganze Mannschaft nebst den Passagieren vom Meere verschlungen sei. Wie erschütternd diese Trauerkunde wirkte, brauche ich nicht zu schildern. Der Greis saß stumm da, die Frau schrie und jammerte. Die ganze Judenschaft eilte herbei, um Trost zu spenden und noch irgend welche Hoffnung anzuregen. Da wurde auch obrigkeitlich der Untergang des Dampfers bestätigt. Der Greis, der den Zusammenbruch seiner letzten Kräfte fühlte, dachte nur daran, dem Sohne die vorschriftsmäßigen Trauergebrauche abzuhalten. Er ließ sich den Schnitt und Riß in