Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 52 (1888)
- Issue
- Heft 50 (13.12.1888)
- Date
- 1888-12-13
- Page
- Seite 796 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/3224737-3227717-3227768--45827-3265363- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Jahre 1809 in Reichenau in Böhmen geboren wurde. Er lebte mehrere Jahre als Hauslehrer in Mailand, war Religionslehrer in Hohenems, Reichenau, eine Zeit lang Religionslehrer und Prediger in R-aab, Fünfkirchen und Beßprim und vor 1858 achtzehn Jahre Religionslehrer der hiesigen Gemeinde Mannheim, einer der ältesten Mitarbeiter dieser Zeitung, ist Verfasser einer Biographie des Rabb. Abraham Kohn und einzelner Predigten, sowie verschiedener poetischer Produete; auch lieferte er mehrere Beiträge für das Wiener „Jahrbuch der Israeliten" und andere Zeitschriften. — Den 27. November starb in Varpalota Frau Josephine Neuwelt, die Mutter des verst. Vorstehers der Pester israelit. Gemeinde Armin Neuwelt, im Alter von 106 Jahren. Pest, 2. December. (Literarische Notizen.) Herr Di-. M. Klein, Oberrabbiner in Gr.-Beeskereh der vor mehreren Jahren die Uebersetzung des More Nebuchim ins Ungarische begonnen hat, setzt das Werk rüstig fort; mit dem eben erschienenen stattlichen Hefte ist der zweite Theil vollendet. Hoffentlich wird nun auch die Uebersetzung des dritten Theiles in nicht ferner Zeit erscheinen. — Von den Psalmen, von welchen bereits im Jahre 1841 eine ungarische Uebersetzung erschien, hat Hr. Mor. Stern unter dem Titel Izväel enekei vagyis Zsoltarok eine neue ungarische Uebersetzung veranstaltet. Dieselbe ist zusammen mit dem Texte in schöner Ausstattung jüngst erschienen. (Budapest, M. E. Löwy, 1888.) Dr. Kg. München, 4. Dec. (A. Z.) sNekrolog.j Einer der eigenartigsten und hervorragendsten Vertreter der rabbinischen Gelehrsamkeit in der Gegenwart, der seit mehr als einem Vierteljahrhundert in München lebende Gelehrte Rafael Nathan Rabinowicz, ist am 29. Nov. aus der Reise in Kijew nach nur dreitägigem Krankenlager im 54. Lebensjahre verschieden. Rabinowicz war in Neu-Schagorin (Gouvernement Wilna) in Litlhauen geboren und erregte schon als Jüngling durch seine ungewöhnliche Begabung großes Aufsehen im Kreise seiner Glaubensgenossen. Sein Scharfblick und sein wahrhaft bewunderungswürdiges Riesengedachtniß, dos ihm bis zu seinem Lebensende treu blieb, befähigten ihn, sich in dem weitschichtigen babylonischen Talmud und in den angrenzenden Literaturgebieten mit voller Freiheit zu bewegen. Schon seine erste wissenschaftliche Publication, die Herausgabe der Gutachten des Rabbi Meir ben Baruch aus Rothenburg (VIII. Jahrhundert) bekundete die geschickte Handhabung handschriftlicher Kritik (1860). Im Jahre 1862 kam Rabinowicz nach München, angezogen durch die an hebräischen und rabbinischen Handschriften besonders reiche Hof- und Staatsbibliothek. Hier reifte in ihm der Plan, unter Zugrundelegung der in der Münchener Bibliothek als Unicum bewahrten, einzigen vollständigen Talmud-Handschrift (cod. hebr. 95) den kritischen Apparat für eine neue wissenschaftliche Ausgabe des Talmud vorzubereiten. Ein edelsinniger Mäcen, der vor 3 Jahren dahier verstorbene Numismatiker Abraham Merzbacher, selber im rabbinischen Schriftthum wohl bewandert, stellte ihm zu diesem Zwecke fortgesetzt reichliche Geldmittel und eine auserlesene Fachbibliothek zur Verfügung. Nachdem Rabinowicz noch die meisten größeren Bibliotheken Europa's-zum Zwecke seiner Studien besucht hatte, veröffentlichte er im Jahre 1868 den ersten Band des groß angelegten Werkes „Dikduke Soferim, Variae lectiones in Mischnam et in Talmud babylonicum,“ nebst einer culturgeschichtlich höchst interessanten, 1877 in zweiter bedeutend vermehrter Auflage erschienen Abhandlung über die Druckgeschichte des Talmud. In rascher Folge erschienen weitere 14 Bände, etwa die Hälfte des gesammten babylonischen Talmud umfassend. Mitten in der Drucklegung des 16. Bandes (über den Tractat Chullin) überraschte ihn der Tod. Durch dieses, auch von christlichen Gelehrten vielfach benutzte, für jeden Forscher auf dem Gebiete der rabbinischen Sprach- und Alterthumskuude unentbehrliche Werk hat sich Rabinowicz ein dauerndes Denkmal gesetzt. Rabinowiez's zahlreiche Reisen nach Italien, Frankreich, England, Rußland und der Türkei waren auch in einer anderen Richtung ergebnißreich für die Wissenschaft. Ueberall erschlossen sich ihm die Pforten der öffentlichen und Privatbibliotheken. Selbst in der Benützung der sonst spröden Vaticana wurden ihm durch Vermittelung des Cardinals Hohenlohe die größten Erleichterungen gewährt, und sein scharfes Auge entdeckte nicht wenige uugehobene literarische Schätze: seltene Jncunabeln und Handschriften, auf welche er befreundete Gelehrte aufmerksam machte, und von denen er manche werthvolle der von ihm verwalteten Merzbacher'- scheu Bibliothek und den großen öffentlichen Bibliotheken zuführte. Auch die Münchener Hof- und Staatsbibliothek, zu deren treuesteil Besuchern er gehörte, verdankt seiner Vermittelung manche wesentliche Bereicherung ihrer hebräischen Abtheiluug, beispielsweise die kostbare, unter den Cimelien aufbewahrte Bibelhandschrift (cod. hebr. Nr. 422). Rabinowicz war eine echte Gelehrtennatur, von unermüdlichem Fleiße und scheinbar unversieglicher Arbeitskraft, dem Streben nach Ehre und äußerer Anerkennung abhold, den Lebensgeuüffen entsagend und seine einzige Freude im Studium findend. Seine durch die Erziehung in den östlichen Ländern genährte Einseitigkeit kam seinen Leistungen, auf welche er, ungehemmt durch Ausblicke in andere wissenschaftliche Gebiete, seine ganze reiche Begabung eoncentriren konnte, in gewissem Sinne zu gute. Zahlreichen Gelehrten des Jn- und Auslandes, die sich jahraus jahrein mit wissenschaftlichen Anfragen an ihn wandten, war er ein stets gefälliger Berather und Helfer. Vor kurzer Zeit erst hatte er das Münchener Bürgerrecht erworben, um bald darauf in seiner alten russischen Heimath ein Grab zu finden. P.