Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 52 (1888)
- Issue
- Heft 50 (13.12.1888)
- Date
- 1888-12-13
- Page
- Seite 795 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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795 Amerika. New Uork, 20. November. (Privatmitth.) Die Agitation für Beschränkung der Einwanderung wird immer lebhafter und ergreift das ganze nordamerikanische Volk. Wie man einst mit allen Kräften gegen die Sklaverei Propaganda machte, so jetzt gegen die Einwanderung. Man giebt zu, daß dieselbe bis 1860 für Nordamerika von größtem Nutzen gewesen sei; seitdem aber habe die Einwanderung Elemente hereingebracht, welche dem amerikanischen Volke zum höchsten Schaden gereichen sollen, und hätten diese seit 1860 über 3 Millionen Seelen betragen. An der Spitze dieser Agitation steht ein gewisser Powderly, der unermüdlich mit Wort und Schrift auf Gesetze gegen die Einwanderung dringt. Als solche gefährliche Elemente führt er zuerst die Chinesen an, welche mit einer außerordentlichen Arbeitsamkeit das niedrigste Maß von Bedürfnissen verbinden, sich abgesondert von allen anderen Bewohnern halten, und sobald sie sich Geld erworben und gespart haben, nach ihrer Heimath zurückkehren. So nähmen sie dem amerikanischen Arbeiter die Arbeitsgelegenheit und einen angemessenen Lohn und entziehen dem Lande große Capitalien. Bekanntlich haben sich die gesetzgeberischen Factoren bereits bewogen gefühlt, der Einwanderung dieser mongolischen Rasse einen Riegel vorzuschieben. Mit gleichen Angriffen geht man gegen die italienischen Einwanderer vor, mit denen es sich ganz gleicher Weise verhalte und die nach fünf oder sechs Jahren nach ihrer Heimath zurückkehren und anderen Landsleuten Platz machen. Nicht minder klagt man über die irische Emigration, die in den großen Städten durch ihre Ueberzahl durch die Wahlen die Herrschaft an sich rissen und jene großartige Corruption in die Beamtenwelt gebracht hätten, welche der Republik so sehr zum Schaden und zur Schande gereicht. Bekanntlich ist nichts schwerer als in einer leidenschaftlichen Erregung stehen zu bleiben, und so wendet man sich selbst gegen die deutsche Einwanderung, weil die Fälle häufig seien, in welchen deutsche Gemeinden, namentlich süddeutsche, verkommene und unverbesserliche Subjecte auf ihre Kosten nach Amerika schicken, um sie für immer los zu werden, oder Gesellschaften zur Fürsorge für entlassene Sträflinge solche über den Ocean verschicken, wie es z. B. von München aus geschehen. Powderly und Genossen haben deshalb einen Gesetzentwurf eingebracht, dessen Einzelheiten hier nicht angeführt zu werden brauchen, weil sie schließlich jede Einwanderung so gut wie unmöglich machen würden und viel einfacher lauten würden: einziger Artikel: „Niemand darf in die Union einwandern." Es ist nicht glaublich, daß dieser unvernünftige Gesetzentwurf von den gesetzgeberischen Körperschaften angenommen werden wird; aber — wer viel fordert, erlangt etwas, und so muß man sich über kurz oder lang auf eine weitere Beschränkung der Einwanderung gefaßt machen. Was uns wahrhaft erfreut hat, ist, daß weder Powderly noch irgend ein Anderer, der über diesen Gegenstand bis jetzt geschrieben hat, der jüdischen Einwanderung, die doch im letzten Jahrzehnt aus Rußland und Rumänien so überaus stark geworden, gedenkt, sie also nicht als bemerkbar und von eigenthümlicher Wirksamkeit erkannt hat. Ein Grund hierfür liegt wohl darin, daß sie der Arbeiterklasse weniger als den Handeltreibenden Concurrenz machen, denn ein Hauptgrund der ganzen Agitation ist, daß den amerikanischen Arbeitern durch die Einwanderer zu große Concurrenz und Lohnherabsetzung bewirkt wird. Vorläufig also wird der jüdischen Einwanderung kein besonderes Hinderniß erwachsen. Bonn, 9. Dez. (Notizen.) Man berichtet von Berlin vom 18. Nov. Unter großem Trauergefolge wurde gestern Bormittag der Geh. Sanitätsrath Dr. Paul Gumbinner auf dem jüdischen Friedhof in Weißensee zur letzten Ruhe bestattet. Zahlreich vertreten waren die Gesellschaft für Heilkunde, die Hufeland'sche Gesellschaft, der Aerztevcrein der Königstadt und andere medizinische Vereinigungen. Als einer der ältesten Freunde des Entschlafenen befand sich unter den Leidtragenden Prof. v. Gneist, ferner waren anwesend die Geheimräthe Dr. Rintel und Dr. Wiesenthal, Sanitätsrath Dr. Brock, Professor Liebreich, der Director des Kunstgewerbemuseums Professor Ihr. Julius Lessing u. a. Nachdem der Sarg in der Leichenhalle aufgebahrt war, stimmte der Synagogenchor Mendelssohn's „Es ist bestimmt in Gottes Rath" an. Der Vorsitzende des Aerztevereins der Königstadt, Di-. Becher, widmete dann in bewegten Worten dem Verstorbenen einen ehrenden Nachruf und legte einen prächtigen Lorbeerkranz am Sarge nieder. — Bezeichnend ist, daß die Familie „im Sinne des Verstorbenen" keinen Rabbiner zur Bestattung berufen hatte. Es giebt eben in unserer Zeit allerhand Käuze! — Aus Mannheim von 4. Dez. schreibt man uns: Am ersten Abend des Chanukafestes wurde die nenerbaute Synagoge der Biele Moses'schen Klausstiftung eingeweiht. Bei dem feierlichen Acte waren die staatl. und städtischen Behörden, sowie die Geistlichkeit und der Synagogenrath zahlreich vertreten. Auch ein Vertreter des Oberraths der Israeliten Herr Regierungsrath Dr. Mayer aus Karlsruhe war zugegen. Der greise Rabbiner Herr Wagner sprach das Schehechijonn in ergreifender Weise, die Weiherede hielt Herr Stadtrabbincr vr. Appel über den Text: „Dieses ist die Pforte des Herrn, Gerechte ziehen da ein" und Herr Rabb. vr. Fürst sprach ein längeres Gebet. Die Feier verlief in der würdigsten Weise und machte auf alle Anwesenden einen nachhaltigen Eindruck. — Aus Pest wird uns geschrieben: Den 29. November verschied hier im 80. Lebensjahre V. F. Mannheimer, der, ein Cousin des sel. Dr. W. A- Meisel, im 50*