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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1888-12-13 · Heft 50 (13.12.1888) · p. Seite 794

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
52 (1888)
Issue
Heft 50 (13.12.1888)
Date
1888-12-13
Page
Seite 794 (sequence 10)
Language
German
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794 besuchten. Dieses scheinbar ungünstige Verhciktniß ist zum Thcil darauf zurückzuführen, daß viele Juden sowohl in den Städten als ganz besonders solche, die auf den Pußten und den Gütern wohnen, ihre Kinder, die Mädchen zumal, durch Erzieher bezw. Gouvernanten unterrichten lassen. Zum Theil giebt es in manchen Gegenden des Landes noch immer Winkelschulen, welche von vielen Kindern besucht werden, und viele Inden, die in kleinen Gemeinden von 7—8 Familien wohnen, sind in der That nicht in der Lage, Lehrer für ihre Kinder zu halten. Prag, 26. Nov. Die Einberufung einer allgemeinen Volksversammlung mit antisemitischer Tendenz wurde polizeilich verboten. Prag, 2. December. Der mitten in der ehemaligen Prager Judenstadt gelegene alte Judenfriedhof, der sowohl seiner Denkmale wie seines malerischen Aussehens wegen höchst merkwürdig ist und bis auf den heutigen Tag unversehrt erhalten wurde, ist nun in Gefahr, zum Theile einer Straßen-Reguliruug zum Opfer zu fallen. Es soll nämlich entlang desselben eine neue Straße mit Benützung eines Theiles des Friedhofes angelegt werden. Troppau, 27. Nov. Im Landgemeindebezirke Freiwaldan (Schlesien) wurde heute an Stelle des früheren Abgeordneten Siege, welcher dem Deutschen Club angehörte, der Antisemit Kaiser, Professor an einer Ackerbauschule, gegen den Dcutschnationalen vr. Pohl (Couleur Steinwender) mit 182 von 212 Stimmen zum Reichsraths - Abgeordneten gewählt. Frankreich. Paris, 4. Dezember. Tunesische Blätter rühmen die Sympathien, welche die dortigen Israeliten den Franzosen entgegenbringen. Sie sollen französische Tracht und Sitten annebmen und sich besonders der französischen Sprocke befieißigen. — Wir haben jüngst die Einrichtung in den Pariser Synagogen gerühmt, nach welcher am Sabbath Nachniittag ein feierlicher Gottesdienst mit Predigt abgehalten wird. Der Besuch desselben ist außerordentlich zahlreich, namentlich vom weiblichen Geschlecht. Die Arch. isr. tadeln nur, daß er etwas zu spät angestellt ist, so daß das Minchagebet für die Jahreszeit zu spät eintritt und verlangen deshalb, daß die Predigt nach der Schem. isr. gehalten werde. Wir machen wiederholt darauf aufmerksam, weil diese Einrichtung auch in den deutschen Gemeinden uachgeahmt werden sollte. Großbritannien. London, 29. Nov. Im Justizpalast fand gestern Abend nach Schluß der Gerichtshöfe eine Ceremonie statt, die, so j wenig sie von der Presse bemerkt worden ist, verdient, erwähnt zu werden. Der Lordkanzler Halsbury enthüllte in Anwesenheit einer distinguirten Versammlung von Juristen, worunter man den Lord-Oberrichter Coleridge, den Sir Henry James, den Lord Esher rc. bemerkte, die Büste des in 1883 verstorbenen Sir Georg Jessel, des ersten Richters jüdischer Religion. (Er nahm stets den regsten Antheil an den Geschicken seiner Glaubensgenossen. Red. d. Allg. Ztg. d. Jud.) Bon 1873 bis 1883 war er Master of the Rolls. In seiner Rede sagte der Lordkanzler: „Sir George war ein Mann von außerordentlichen Geistesgaben, Schnelligkeit, Schärfe und Thatkraft; er besaß eine unübertreffliche Arbeitskraft, und neben diesen Eigenschaften hatte er ein ungemein scharfes Nrtheil." Das Denkmal steht auf einem Sockel im Corridor neben dem Saal des Lord-Oberrichters und wurde ausschließlich von Mitgliedern der Juristenzunft gestiftet. (Frkf. Z.) Rußland. Petersburg, 30. November. Die englischen Missionäre in Polen befolgen die Methode, Lärmen von ihren Resultaten zu machen, wogegen bei den authentischen Berichten in den Missionsversammlungen in England gerade das Gegentheil sich herausstellt. Sie sind aber jetzt in ihrer eigenen Falle gefangen. Da sie nach ihrer Behauptung in der Umgebung von Wilna viele Juden zum Uebertritt in die protestantische Kirche verleitet hätten, hat der Synod, wie der „Mosk. Vjed." berichtet, die Behörden angewiesen, die englischen Missionäre aus dem russischen Gebiete auszuweisen. Keine Juden und ausgewiesen! Warschau, 2. December. Mit welcher Consequenz die russische Regierung die Ausweisung ausländischer Juden betreibt, dafür dürften folgende aus amtlicher Quelle geschöpften, von der „Kreuz-Ztg." mitgetheilten Ziffern den Beweis liefern. Aus dem Königreich Polen sind in der Zeit vom I. 13. Januar bis 1-/13. Juli d. I. 760 Eingaben auslänbischer Juden um Aufnahme in den russischen Staatsverband beim Ministerium des Innern eingereicht worden. Bon diesen Petenten sind nur vier berücksichtigt, alle anderen haben ablehnenden Bescheid erhalten. Sonst ist einer Anzahl Personen dieser Kategorie eine Fristverlängerung zur Abwickelung ihrer persönlichen Angelegenheiten bewilligt worden. — Jndeß trifft dieses Geschick nicht blos die Juden; es heißt weiter: Gestern passirten unsere Stadt mehrere aus Wolhynien ausgewiesene deutsche Familien. Dieselben mußten ihr Hab und Gut für Spottpreise verkaufen und begeben sich nach Deutschland, theilweise auch nach Amerika.

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