Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 52 (1888)
- Issue
- Heft 50 (13.12.1888)
- Date
- 1888-12-13
- Page
- Seite 792 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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792 den Berrath bezahlten Silberlinge, ich erinnere an die 10,000 M., langen nicht weit; sie verlaufen sich in gewisse Taschen. (Ruf: In welche?) «Namen nenne ich nicht. Ich glaube ja auch, daß Alles zu Wahlzwecken verbraucht ist; aber alle Leute stehen nicht so rein da, wie der Hofprediger Stöcker. Hoffentlich werden die anticonservativen, antideutschen, reichsffindlichen Versuche, die Berliner Bewegung zu stören, nicht wiederholt, diese Kartellstänkereien können nicht genug gebrandmarkt werden." (Beifall.) Berlin, 5. Dezember. (Privatmitth.) In früheren Zeiten hieß es: Schlägst du meinen Juden, schlage ich deinen! Jetzt aber heißt es: Schlage du deinen Juden, ich schlage meinen! Vor Kurzem schimpften die russischen Blätter auf die Juden los, indem man ihnen das Unglück des kaiserlichen Bahnzuges zuschrieb; diese Bahn sei von einem jüdischen Unternehmer gebaut und somit sei das ganze jüdische Geschlecht schuldig und zu Unternehmungen und Bedienstungen unfähig — als ob nicht auf den russischen Bahnen fast wöchentlich ein Unglück geschehe und der Betrieb einer Bahn viel öfter schuld daran ist, als der ursprüngliche Bau! Jetzt nun bei uns ein Pendant. Wie man hinlänglich weiß, war es die staatliche Seehandlung, welche den Verkauf russischer Papiere in Deutschland zu ungewöhnlichem Maße gefördert hat. Im vorigen Jahre wurde nun von officiösen Blättern ein Feldzug gegen Rußland überhaupt und gegen russische Papiere insonders geführt, der den Besitzern russischer Papiere große Verluste brachte. Jetzt liegt nun eine neue große russische Anleihe auf, welche, wie Sie in vor. Nr. berichteten, von Rothschild abgelehnt worden. Die deutschen Banquiers haben die Förderung dieser Anleihe durchaus nicht in die Hand genommen, sondern beschränken sich auf die Vermittelung für diejenigen, welche bei dieser Gelegenheit ihre russischen Effecten los werden wollen. Demungeachtet ergreifen die Organe der Conservativen die Gelegenheit, gegen die „unpatriotischen, vaterlairdslosen" Juden loszuziehen, welche die russische Anleihe gegen das deutsche Interesse in Deutschland förderten. Es kommt jenen ja gar nicht auf die Wahrheit an, sondern auf Uebertreibung und Verleumdung. Börse und Juden und Börse und Vaterlandslosigkeit sind ihnen ganz identische Begriffe, während doch mindestens ebenso viele christliche Banquiers in jener Angelegenheit thätig sind und die ungeheure Mehrzahl der Juden mit der Börse nichts zu schaffen hat. Da ist ein conservatives Wochenblatt, welches sich sehr bemüht, die Juden anzuschuldigen, wahrscheinlich um vergessen zu machen, daß es sich jüngst in etwas liberalen Auslassungen ergangen hat. Bei der „Kreuzzeitung" bildet sich aber immer mehr der Judenhaß zu einer Monomanie aus, sie sieht überall, auch in den höchsten Kreisen, nichts als jüdisches Geld und jüdische Presse — wer weiß, ob sie diese nicht bald in ihren eigenen Spalten finden werde; sie können sich ja auch da eingeschlichen haben, um die Kreuzzeitung durch Extravaganzen zu verderben! Berlin, 6. December. (Privatmitth.) In der heutigen Sitzung des Reichstages bei der Verhandlung über den Militäretat, brachte Abg. Böckel in den Artikel „Naturalverpflegung" ganz ungehörig die Frage, ob die Militärverwaltung ihren Bedarf von den Producenten oder von Lieferanten beziehe? hinein, um die Lieferanten, insonders die jüdischen anzugreifen. Er that dies aber in so kläglicher Weise, daß es dem Abg. Richter leicht wurde, ihn lächerlich zu machen. Daran knüpfte sich eine Anspielung auf die 10,000 Mark Bleichröders an die Cartellparteien, wobei Stöcker sich gegen die Cartellparteien vernehmen ließ — als ob er seine Wahl nicht dem Cartell, also den Nationalliberalen zu danken hätte! Die Sache lief für die Judenhetzer nur blamirend ab. Wir kommen in nächster Nummer durauf zurück. München, 4. November. Der Magistrat hat den, von den Stadtverordneten einmal abgewiesenen Antrag, zu Kirchenbauten Unterstützung zu gewähren, erneuert. Es ist dabei hervorzuheben, daß der Magistrat dem Grundsätze der Gleichberechtigung volle Rechnung trägt. Er verlangt für die Katholiken 150000 Mark, für die Protestanten 50000 Mk. für die Juden 10000 Mk. In der Begründung seines Antrages hebt er besonders das Bedürfniß der Juden hervor und betont deren Rechtsanspruch auf Subvention, sobald eine solche anderen Confessionen gewährt wird. Leipzig, 1. Dec. (Privatmitth.) Wie bereits vor einiger Zeit wegen groben Unfugs, wurde am 30. November d. I. der Herausgeber der „Antisemitischen Correspondeuz", Herr Heinr. Theod. Fritsche hier, wegen Vergehens gegen §. 166 des R. St. G. B. von der dritten Strafkammer des hiesigen königl. Landgerichts zu einer Woche Gefängniß verurtheilt. In dem in seinem Verlage erscheinenden „Antisemit. Katechismus" befinden sich nämlich Stellen, die offenbar als eine Beschimpfung der jüdischen Religion aufzufassen sind und auch demgemäß von dem Rechtsanwalt, Herrn Dr. Paul Werthauer, dem Sohne unseres hochgeschätzten Gemeindevorstehers, Herrn Banquier Alexander Werthauer, zum Gegenstände der Anklage erhoben worden sind. Die erwähnte strafrechtlicheVerurtheilung dieses wütheudenantisemitischenAgitators kann nur als eine Wirkung der überaus energischen und beharrlichen Verfolgung der Sache durch diesen trefflichen jungen Anwalt angesehen werden, der sich dadurch den Dank aller seiner Religionsgenosseu erworben hat. Posen, im Nov. (Privatmitth.) Hinsichtlich der Vereine und Anstalten zu wohlthätigen Zwecken sind für unsre Zeit längst zwei Merkmale anerkannt: einerseits die Mannigfaltigkeit der Zwecke, die alle Anklang und Unterstützng finden, andrerseits die zweckmäßige Organisation, die namentlich