Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 52 (1888)
- Issue
- Heft 50 (13.12.1888)
- Date
- 1888-12-13
- Page
- Seite 791 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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791 sprechenden Fortbildungs - Unterricht dieser Lehrlinge in den Volksschul-Gegenständen und im Zeichnen. 8. Durch Gewährung von Stipendien oder Unterstützungen für israelitische Kinder, welche gewerbliche Schulen besuchen. 9. Durch Gewährung von Unterstützungen oder unverzinslichen Darlehen an israelitische Handwerker und Ackerbautreibende. 10. Durch Gründung von Handwerker- oder gewerblichen Fach- und Fortbildungsschulen. Ueberdies erscheinen in den Statuten noch folgende bemerkenswerthe Bestimmungen: die Unterrichtssprache für die Stiftungsschulen ist in Galizien die Polnische, in der Bukowina die deutsche; jedoch ist die deutsche Sprachlehre überall obligatorischer Unterrichtsgegenstand. Den christlichen Schulbesuchern ist aus Kosten der Stiftung christlicher Religionsunterricht zu ertheilen, oder falls die Anzahl der christlichen Besucher zu gering wäre, ist dafür Sorge zu tragen, daß diesen Kindern Religionsunterricht außer der Schule ertheilt werde. — Zur Gewährung unverzinslicher Darlehen an Handwerker und kleine Landwirthe kann aus den Einkünften der Stiftung jährlich eine Summe von einhunderttausend Gulden verwendet werden. Das Stiftungscapital hat stets in Wien zu bleiben; die Verwaltung der Stiftung obliegt einem Curatorium, welches aus 15 bis 18 Mitgliedern zu bestehen hat. Diesem Curatorium steht das Recht zu, zur Durchführung der Stiftungszwecke in Galizien und der Bukowina Executiv- und Localcomitss zu errichten. Es ist dies eine der größten Stiftungen, welche jemals ein Privatmann einer wohlthätigen und gemeinnützigen Idee gewidmet hat, und nimmt durch sie Baron Hirsch eine der ersten Stellen in der Reihe der Philanthropen ein. Aus dem Obigen geht hervor, daß die zu gründenden Volksschulen auch für christliche Kinder mit denselben Beneficien geöffnet sein werden. Bemerkenswerth ist, daß die Tagesblätter, wenn sie bislang von der Stiftung des Baron Hirsch sprachen, stets betonten „für die Orthodoxen in Galizien." Allerdings hat die starre Orthodoxie und der Chassidismus bei unseren Glaubensgenossen in Galizien noch immer so gut wie die Alleinherrschaft, trotz der Schulen in Lemberg und Brody', trotz des Tempels in Lemberg und des Tempelvereins in Krakau, trotz des Vereins der Aufgeklärten und ihres wackeren Organs, des „Lemberger Israelit". Gewiß wird nun diese Orthodoxie, welche allen staatlichen Vorschriften zuwider ihr Chedarwesen in der abstoßendsten Weise aufrecht erhalten hat, durch die Baron Hirsch-Stiftung in eine Krise eintrete». Die Zeit der Offensive ist vorüber, und es kommt darauf an, ob die Orthodoxie den „passiven Widerstand" nachhaltig wird leisten können. Das Schulsystem der Stiftung geht direct auf Volksbildung aus. In allen Ländern hat die tüchtige Volksschule nach wenigen Schulgeneratiomn in die starre Orthodoxie eine breite Bresche geschlagen. Das weiß die Orthodoxie recht wohl. Die Wiener Allianz hat deshalb versucht, einen Mittelweg durch verbesserte Chedarim einzuschlagen, wohl mit einigem localen Erfolg, ohne die Zustände im Ganzen hierdurch zu afficiren. Judeß sind die Hilfsmittel, welche die Stiftung der Jugend bietet, so verlockend, daß auch orthodoxe Eltern, falls sie nicht geradezu fanatisch gesinnt sind, ihre Kinder in die zu gründenden Schulen schicken werden. Wohl, möge das Werk gelingen, möge die Ausführung und der Erfolg den Absichten des hochsinnigen Stifters entsprechen! Die Schule überlebt sich niemals, das Handwerk und die Landwirthschaft auch nicht, und wohl uns, daß die Barmherzigkeit in unserer Mitte sich auch niemals überlebt. Deutschland. Berlin, 30. November. Die Antisemiten hier sind außer sich über die Kartellparteien, die keinen jener antisemitischen Helden haben zur Wahl kommen kaffen, vr. Paul Förster kennzeichnete sie im „Antisemitenbunde" u. A. folgendermaßen: „Seit Jahr und Tag stören politische Krakehler, die eine große Rolle spielen wollen, Geschäftsleute, die ihre Person über die Sache setzen, Leute, die den Mantel nach dem Winde tragen, politische Wetterfahnen, die keine Gesinnung haben, sondern immer erst hören, wie man oben denkt, unsre Bewegung... Diese Leute, welche die Situation immer wieder verpfuschen, müssen wir energisch abschüttcln . . . Eine Partei, die auf ihre Ehre hält, darf sich nicht auf die Meinung anderer festnageln lassen. Dies ist erst neulich wieder durch den Grafen Douglas versucht worden, der behauptete, unser kaiserlicher Herr habe sich gegen den Antisemitismus ausgesprochen, was vollständig unerwiesen ist. Wir werden dem Grafen schon dienen. .. .Am schlimmsten ist es, wenn wegen des Angebots von Silberlingen die Zurückziehung einer Candidatur verlangt wird. Das ist vorgekommen. Und die Leute, die es versucht haben, wagen es immer noch, an der verfahrenen Kartellwirthschaft weiter zu arbeiten. Dagegen muß mit aller Entschiedenheit protestirt werden. Die damals für