Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 52 (1888)
- Issue
- Heft 50 (13.12.1888)
- Date
- 1888-12-13
- Page
- Seite 788 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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788 Verhältnissen lag es, daß die Gemeinden als solche, weil sich in ihnen die verschiedensten Elemente vorfanden, nur langsam dieser Reform ergeben konnten, die sich zunächst in einer Reorganisation der Gemeinde selbst, des Religionsunterrichtes und der wohlthätigen Anstalten bethätigte und allmählich erst Hand an den Cultus legte. Blicken wir daher auf die Gegenwart, so ist von einer Rückkehr zu der Orthodoxie des vorigen Jahrhunderts, aus welcher Beyschlag seiner Kirche einen Borwurf macht, bei uns nicht die Rede. Vielmehr bestehen die verschiedensten Richtungen neben einander, und vermöge der Freiheit von allem weltlichem Zwange kann jeder Jude sich der religiösen Richtung zuwenden, die er in seiner Ueberzeugung trägt. Die Orthodoxie besteht und die Reform ebenfalls, die radicale in geringem, die gemäßigte in weitem Umfange. Denn hinsichtlich des dogmatischen und des ethischen Momentes findet kein wesentlicher Streit Zwischen diesen Richtungen statt, und die Mehrzahl der Gemeinden, Frieden und Eintracht als die wichtigste Bedingung ihrer Existenz betrachtend, gehen hinsichtlich des Cultus, nur langsam voran. So verläßt die jüdische Reform den gegebenen historischen Boden nicht, so daß das Judenthum in derselben seine geschichtliche Entwickelung festhäll. Zum Tröste legt Prof. Beyschlag einen Werth darauf, daß die Mehrzahl der Bekenner des Protestantismus sich auf einem „mittleren" Standpunkte befände zwischen Glauben und Unglauben, so daß es nur eines günstigen Windes durch irgend ein großes Ereigniß bedürfe, um der Kirche wieder zugeführt zu werden; er beruft sich auch auf die vielen neuen Kirchenbauten und die vielen wohlthätigen Werke, die vollbracht werden. Diese Momente können auch wir betonen und sicherlich nach dem Maßstabe unserer Zahl in viel energischerem Maße. Denn die Juden erhalten für ihren Cultus, für ihren Religionsunterricht und ihre wohlthätigen Werke keinerlei Zuschüsse von Staat und Stadt, sondern müssen die Kosten aus eigenen Mitteln bestreiten. Dabei zeichnen sie sich in den verflossenen Jahrzehnten durch zahlreiche, zum Theil prächtige Synagogenbauten und durch eine wundersame Blüthe ihrer wohlthätigen Anstalten und Vereine aus, während sie nicht unterlassen, allen allgemeinen gemeinnützigen und wohlthätigen Veranstaltungen opferwillig ihre Beiträge zu leisten. Allerdings sind hier auch äußerliche Momente nicht zu übersehen: die gemeinsame Abstammung, das innige Familienleben, die Gleichheit des Geschickes und das durch die vielfachen und heftigen Angriffe und Verleumdungen unbewußt gestärkte Gefühl der Zusammengehörigkeit, eines gemeinsamen Interesses. Was jedoch am nöthigsten ist, meinen wir, das ist die Verinnerlichung und Vertiefung des religiösen Bewußtseins und Gefühls. Der stärkste Feind der Religion ist jene Oberflächlichkeit der Empfindung, die sich dann und wann einem religiösen Gefühle hingiebt. ohne es in die Tiefen des Gemüthes eindringen zu lassen, so daß es eben bald und fast wirkungslos vorübergeht, dann und wann einem religiösen Gedanken Raum giebt, ohne ihn festzuhalten, zu verfolgen und wirksam zu machen. Je mehr das formale Moment der Religion aus dem Leben, aus dem Hause der Juden gewichen ist, das doch immer wieder an die Religion erinnert und das lose Band wieder festigt, desto nothwendiger ist es, daß der religiöse Gedanke den Geist erfüllt, in ihm lebendig ist, ihm zu einem theuren Eigenthum wird, und dahin muß vor Allem Kanzel, Schule und Literatur hinwirken. Keiner von uns vergesse, daß er außer dem bürgerlichen und weltlichen Leben auch ein Mitbürger einer höheren Welt ist, welcher er seine innere Gedankensphäre znführen und erhalten müsse, daß er nichts als ein vergängliches Kind einer flüchtigen Zeit ist, wenn er nicht mit seiner Seele auf diesem höheren Boden steht und der Aufgabe eingedenk ist, die sie ihm im Denken, Sprechen und Handeln stellt. Thöricht ist es, wenn der Mensch vermeint, seinen Blick über die Gegenwart hinaus senden und die Zukunft voraussehen zu können. Große welthistorische Erscheinungen lassen sich nicht nach den Symptomen des Augenblicks beurtheilen, und wenn das Judenthum in grauer Vorzeit wurzelt und durch die Jahrtausende mit allem ihrem Wechsel und allen ihren Stürmen kräftig bestanden und in seiner Entwickelung alle Phasen überwunden hat, so hängt sein Bestand nicht von einer und der anderen flüchtigen Generation an irgend einer beschränkten Localität, von irgend einer „Zeitströmung" ab. Noch Eines. Jedes Extrem ruft eine Reaction hervor. Gerade daß die Masse der Socialdemokraten — wenigstens nach den Reden ihrer Führer — jeder Gotteslehre, jedem Gottesbekenntniß, jeder Religion abgesagt haben, hat in den übrigen Schichten das Bewußtsein geweckt, daß die Gesellschaft in der Erkenntniß Gottes und in dem aus ihr fließenden Sittengesetz ihren wahren Halt und Bestand, ihre Existenzbedingung hat. In Gott allein wurzelt die menschliche Gesellschaft, das Recht und die Liebe! Dazu genügt aber nicht die bloße Indifferenz, die bloße Aussage, das sich Gefallenlassen — sondern die innigste Auffassung mit Verstand und Herz, eine Begeisterung, eine heiligende Flamme, vorder der Unglauben wie der Aberglauben, gleich dem Wachs vor der Sonne, hinwegschmilzt! Stockholm, 2. December. Aus Schwede». In unserer Gemeinde wurde am verflossenen Sonntag ein solennes Fest gefeiert, das einen bedeutsamen Markstein in der Geschichte der schwedischen Juden bezeichnet. Die Feier galt der Erinnerung an den jetzt hundertjährigen Be-