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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1888-12-13 · Heft 50 (13.12.1888) · p. Seite 787

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
52 (1888)
Issue
Heft 50 (13.12.1888)
Date
1888-12-13
Page
Seite 787 (sequence 3)
Language
German
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787 und z. B. Sabbath und Feste aufs Sorgfältigste gehalten und vom gewerblichen Interesse nicht im Geringsten beschränkt wurden. Das Geschäft ward eben nur in lang gewohntem Geleise geführt und hatte sich den religiösen Anforderungen angepaßt, was um so leichter war, als die Juden auf einige wenige Geschäftszweige beschränkt waren. Wie hat sich dies geändert! Nicht nur ist es unseren Glaubensgenossen gestattet, in alle möglichen Erwerbszweige und Carritzren einzutreten, und machen sie hiervon ausgiebigen Gebrauch, sondern das ganze gewerbliche Leben hat einen solchen Aufschwung, solchen großartigen Betrieb und so ausnehmende Concurrenz erlangt, daß es fast keinem Individuum gestattet ist, seine Thätigkeit nach seinem Willen und seinen Wünschen einzurichten, seine Geschäftsweise anders zu gestalten, als es allgemein stattfindet. Durch beide Umstände vermag die Mehrzahl der Juden nicht mehr ihre Erwerbsart nach den rabbinisch-lalmudischen Gesetzen herzustellen und diesen zu genügen. — Aus diesen beiden Quellen, mit der vorherrschenden Berstandesbildung zusammentreffend, floß die/ realistische Zeitströmung, welche dem Idealen entsagt, die Kunst zum Sinnenreiz und zur technischen Virtuosität, die Philosophie zum entstellenden und zersetzenden Pessimismus herabdrückte und die Wissenschaft zum Werkzeug des Materialismus und Atheismus machte. Ueber die Richtung der modernen Naturwissenschaft, und wie sie, ihre berechtigten! Grenzen überschreitend, alles Uebersinnliche in das Sinnliche,' alles Geistige in das Körperliche hinein zu ziehen sucht, haben wir uns jüngst ausgelassen. Mehr aber als die Wissenschaft selbst ist es die popularisirende wissenschaftliche Literatur, welche die Religion aus Herz und Verstand zu verdrängen sucht. Beyschlag sagt hierüber: „Mit welcher kalten Seelenruhe und Selbstgewißheit namentlich popularisirende Naturwissenschaftler eine atheistische Weltanschauung ausbieten, ist bekannt. Mag diese Seelenruhe und Selbstgewißheit bei manchem der zunächst ums Geld schreibenden Herren auch eine affectirte sein, so zeigt sie doch, nicht nur was sie dem deutschen Publicum bieten zu dürfen glauben, sondern auch womit sie ihm zu gefallen hoffen." So kam es, daß gerade die studirende Jugend auch unserer Confessivn der Religion ganz entfremdet wird, und daß nicht wenige „Männer der Wissenschaft," wenn es die Frage um ihre Carriöre oder um die Beförderung in derselben gilt, ihrer väterlichen Religion entsagen. Prof. Beyschlag hebt für seine Kirche noch einen besonderen Grund für die Abwendung vom kirchlichen Leben hervor, den wir nach der Analogie auf unserem Gebiete zu beachten haben. Er meint, daß in der Mitte des vorigen Jahrhunderts im öffentlichen Geiste ein Bruch mit der Kirche vor sich gegangen, weil sie unbeweglich in der, vom Pietismus etwas moderirten Orthodoxie beharrte, während der Geist der deutschen Classiker und der deutschen Philosophie zur Freiheit drängte. Wenn nun gegenwärtig die Geister von der Kirche abgewendet blieben, so liege der Grund darin, daß dieselbe nach Ueberwindung des nüchternen Rationalismus gerade dahin zurückgekehrt sei, wo sie gestanden, als der Bruch geschehen, zu der, vom Pietismus etwas moderirten Orthodoxie, welche jeder wissenschaftlichen Erkenntniß und Kritik feindselig gegenüberstehe und auf den Buchstaben schwöre, blinden Glauben, blinde Unterwürfigkeit fordernd. Es liegt uns nicht ob, diese Aussprüche zu prüfen, wohl aber zu untersuchen, ob das Judenthum einen ähnlichen Weg gegangen. Und in der That ging auch in letzterem, von der Mitte des vorigen Jahrhunderts an, ein Bruch mit der erstarrten Orthodoxie vor sich. Hier war es die schnelle Culturentwickelung, welche in raschem Verlaufe dieselbe Thatsache hervorbrachte, genährt von derselben Geistesströmung. Hier gestalteten sich aber die Dinge anders. Während Mendelssohn das formale Moment des bisherigen Judenthums streng bewahrt wissen wollte, opferte er den dogmatischen Inhalt des Judenthums seinem nicht einmal originellen Deismus^). Dies hatte traurige Folgen. Schon seine unmittelbaren Jünger, wie David Friedländer, brachen mit dem formalen Judenthume und suchten vermittelst ihres Deismus eine Verbindung mit dem christlichen Rationalismus, wurden aber offieiell zurückgewiesen.-) In Folge dessen verließen die Kinder Mendelssohns und Friedländer's das Judenthum Aber dieser Zustand völliger Halt- und Inhaltslosigkeit konnte nicht lange währen. Der Geist des Judenthums erwachte und strebte nach einer Reform, welche den Lehr- und Gedankeninhalt des Judenthums von Neuem ins Licht stelle, ihm und dem ethischen Momente auf dem Boden der h. Schrift, der Thora und der Propheten, die erste Stelle auf dem Gebiete der Religion verschaffe, das Bewußtsein der Mission Israels für den reinen Monotheismus und die aus demselben fließende religiöse Ethik wecke und ausgestalte und dem öffentlichen Gottesdienste eine dem Bedürfnisse der Zeit gemäße Gestalt gebe. Diese Reform konnte selbstverständlich, in Verbindung mit einer wissenschaftlichen Bearbeitung, nur in Jahrzehnten sich entwickeln und wirksam werden, mußte mit der Orthodoxie in einen lebhaften Streit gerathen, aber dadurch auch das Interesse bei den Bckennern des Judenthums anregen. In den eigenthümlichen äußeren 1) Wir haben dies früher nachgewiesen, verwahren uns jedoch dagegen, daß wir mit diesem Urtherle die außerordentliche Wirksam feit Mendelssohn's innerhalb des Judenthums und für dasselbe nach Außen nicht anerkennten. Wir haben dieser providentiellen Sendung Mendelssohn s in einer besonderen Abhandlung Ausdruck gegeben. 2) David Friedränder.' Sendschreiben an den Probst Teller, Berlin 1799. W. A. Teller: Beantwortung des Sendschreibens einiger jüdischen Hausväter an mich. Berlin l.799. Derselbe, an einige Hausväter jüdischer Religion über die vorgeschlagene Verbindung mit den protestantischen Christen. Berlin, 1799. 50*

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