Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 52 (1888)
- Issue
- Heft 50 (13.12.1888)
- Date
- 1888-12-13
- Page
- Seite 786 (sequence 2)
- Language
- German
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786 schen, und das Formale oder diejenigen Einrichtungen und Vorschriften, welche die Religion als Cultus in die Erscheinung bringen sollen. Bis gegen Ende des vorigen Jahrhunderts hat es wohl kein Religionsbekenntniß gegeben, welches in seinen sämmtlichen Bekennern nach allen diesen drei Momenten so die Alleinherrschaft geführt wie das Judenthuin. Die talmudisch-rabbinische Ideenwelt und das Studium derselben füllte ausschließlich die intellectuelle Sphäre der jüdischen Geister aus; mahnend, warnend, auffordernd und zurückweisend stand das ethische Gesetz des Judenthums seinem Bekenner zur Seite, und das talmudisch - rabbinische Fornigesetz regelte jede Handlung, jede Beschäftigung und Thütigkeit vom Aufstehen am Morgen bis zum Niederlegen am Abend, und selbst der kleinste Genuß war von der Verpflichtung zu einem Segensspruch begleitet. Allerdings verlangte schon die h. Schrift vom Bekenner ihrer Religion die stetige Beschäftigung mit der Gotteslehre, „wenn du aufstehst und wenn du dich niederlegst, in deinem Hause und auf der Reise." Selbstverständlich legte sie auf den sittlichen Lebensivandel, auf die „Heiligung" in Recht und Liebe das höchste Gewicht. In formaler Beziehung aber gab sie dem Jndividuuui, außer seinen verhältnißmäßig doch losen Beziehungen zum Opfercultus, seine Freiheit, da sie z. B. für den Gebetcultus keinerlei Vorschriften giebt. Daß nun in dem letzten Jahrhundert hierin eine große Umwandlung stattgefunden, kann nicht verhehlt werden. Durch die Beseitigung der Ausschließung und Beschränkungen in geistiger und bürgerlicher Beziehung, durch den dadurch eröffneten Eintritt in das allgemeine Culturleben änderten sich die Zustände und Verhältnisse der Juden in so eminenter Weise, daß eine tief gehende Wirkung nicht ausbleiben konnte. Mit Macht drang die ganze Intelligenz und das große Profanwissen der Culturvölker in die jüdischen Geister ein und zog sie um so mächtiger an, je mehr der Reiz der Neuheit und das Erwachen schlummernder Geisteskräfte damit verbunden waren. Hierzu gesellten sich die wirklichen Verhältnisse, die durchaus veränderte Lage der Erwerbsthätigkeit, welche auch das Leben der Juden immer mehr ergriff und ihm ganz verschiedene neue Bedingungen der Existenz schuf. Wenn deshalb die Alleinherrschaft der religiöse» Ideen in der geistigen Sphäre immer mehr beseitigt ward, litt das formale Monieut der Religion »och mehr Einbuße, und lösten sich die Individuen immer zahlreicher von dem bisher so absolut herrschenden Formenwcsen. Selbstverständlich behielten die ethischen Gesetze ihre Bedeutung und Wirksamkeit. Gewiß ist es, daß auf diesem Wege die religiösen Zustände bei den Juden ganz andere wurden und daß auch ans unserem Gebiete die Klagen über Religionslosigkeit, ja über Irreligiosität immer lauter werden, und gewiß nicht ohne Fug und Recht. Ganz wie Beyschlag können wir über die Theilnahmlosigkeit gegen die Religion klagen, so daß „die Aeußerungen des kirchlichen Lebens nur Sache einer bescheidenen Minderzahl" sind, wobei wir allerdings noch glücklicherweise jene hohen Feste ausnehmen können» an welchen mit geringer Ausnahme alle unsere Glaubensgenossen Theil nehmen. Haben sich doch auch bei uns viele Individuen „eine Art von Privatreligion geschaffen und bewahrt, die in ihrem Leben, Leiden und Sterben zu Tage tritt". Hierzu „kommen die zahlreichen positiven Anzeichen und Eingeständnisse einer geradezu irreligiösen Zeitstimmung hinzu", die sich besonders bei uns in den jüngeren Generationen kundgiebt. Fragen wir nun nach den allgemeinen Ursachen dieser Zustände, so haben wir ganz besonders die realistischen Verhältnisse hervorzuheben. Wir sagen „Verhältnisse", denn es ist unsere Ansicht, daß der sog. Zeitgeist oder wie nian jetzt zu sagen pflegt, die „Zeitströmung", viel weniger aus der inneren Entwickelung des Geistes entsteht, als aus den Verhältnissen, welche sich für die Söhne der Zeit geltend machen und sie beherrschen. Was dem religiösen Interesse und Bedürfniß in der Masse der Menschen am meisten geschadet, jene aus den Seelen verdrängt hat, ist die, alle Individuen durchdringende Theilnahme am politischen und socialen Leben. Gegenüber dem politischen Stillleben, der politischen Bewußtlosigkeit im ganzen Volke bis gegen das Ende des vorigen Jahrhunderts, und in Deutschland bis 1830, wie groß, wie vorherrschend, wie den Geist einnehmend ist gegenwärtig das Interesse Aller am politischen und socialen Leben, an allen Erscheinungen und Ereignissen auf diesem Gebiete! Da tritt die Beschäftigung mit religiösen Ideen in den Hintergrund der Seelen und kommt nur wieder zum Vorschein, wenn eine die Religion betreffende Frage auf die Tagesordnung gelangt. Treten Zeiten der Kiisen, der Aufregung ein, so verblaßt in den Geistern die Religion fast ganz und gar. Wir haben dies z. B. 1848 erlebt, d. h. zu einer Zeit, wo in der deutschen Judenheit der Streit um die religiöse Reform heftig entbrannt war. Vor der gewaltigen politischen Aufregung jener Tage verstummte sofort der ganze Streit, und die Theilnahme wandte sich von der Religion in solchem Maße ab, daß z. B. alle damaligen jüdischen Zeitschriften mit Ausnahme der „Allgem Zeitung des Judenthums", die aber auch eine beträchtliche Anzahl ihrer Abonnenten verlor und erst später nach und nach wieder gewann, zu erscheinen aufhörten, ja daß sogar Mancher die Auflösung der Gemeinden als eine baldige Folge betrachtete. Dies änderte sich zwar wieder, ist aber doch ein Beweis, wie sehr die religiöse Gesinnung vor dem politischen und socialen Interesse zurückgewichen. Und ein anderes realistisches Motiv bieten die gegenwärtigen Erwerbsverhältnisse. Man weiß, wie in älterer Zeit diese dem religiösen Leben auch nach der strengsten Vorschrift sich vereinigten.