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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1888-12-06 · Heft 49 (6.12.1888) · p. Seite 782

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
52 (1888)
Issue
Heft 49 (6.12.1888)
Date
1888-12-06
Page
Seite 782 (sequence 14)
Language
German
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782 verzeichne Da standen zwei schon ältere Häuser neben einander in einer ziemlich engen Gasse. Beide waren im Besitz jüdischer Familien und zwar schon seit zwei oder drei Geschlechtern. Die Bewohner waren kaum wohlhabend zu nennen und betrieben ihr Geschäft in redlicher Weise. Selbstverständlich war der Verkehr zwischen den beiden Familien ein recht enger, und so wuchsen in dem einen die einzige Tochter, im anderen der einzige Sohn neben einander auf, und als sie erwachsen waren, wurden aus den Gespielen Verlobte, wie die Eltern schon lange geplant hatten, bevor sie das dazu angemessene Alter erreicht hatten. Aber es kam doch anders. Denn unerwartet verlobte sich trotz seines früheren Verhältnisses der junge Mann mit der Tochter eines reichen Glaubensgenossen und das Mädchen, sie hieß Josephine, sah sich von dem, den sie so heiß liebte, verlassen. Die junge Frau wußte von dem früheren Verhältniß ihres Mannes und war eifersüchtig auf dasselbe. So war es natürlich, daß der Umgang beider Familien eine völlige Trennung erfuhr. Die beiderseitigen Eltern starben und Josephine, die jeden Bewerber abgewiesen hatte, lebte ruhig, sorgenlos, von dem Ertrage ihres kleinen Vermögens. Die Ehe im Nachbarhause war gesegnet, und 4 Kinder, das älteste 8 Jahre, das jüngste 2 Jahre alt, belebten das Haus mit ihrem Geräusch. Gleicher Segen war aber mit dem Geschäfte des Mannes nicht verbunden, und das erheirathete Vermögen begann nad)j und nach zu schwinden. Da verfiel die Frau in ein schweres typhöses Fieber; sie rang theils mit wüsten Phantasien, theils lag sie bewußt- und schlaflos darnieder. Ihr Zustand war sehr gefährlich, und dre Verhältnisse gestalteten sich sehr ungünstig. Der Mann war den größten Theil des Tages in seinen Geschäften abwesend, und die Kinder verursachten Lärmen, der für die Patientin äußerst störend war. Barmherzige Schwestern waren in der protestantischen Stadt nicht vorhanden, und Diaconissinnen gab es damals noch nicht oder doch nur äußerst wenige. So war die Pflege der Kranken sehr mangelhaft, und ich im hohen Grade besorgt. Bei einem Besuche, den ich als Arzt Josephinen zu machen hatte, kam sehr natürlich die Rede auf die Zustände im Nachbarhause, und ich berichtete ihr darüber aus meiner Besorgniß heraus. Das Mädchen sah mich einige Zeit lang scharf an; dann sagte sic mit festem Tone: „Gut, Herr Doctor, ich werde mich zu der Kranken begeben und ihr meine Pflege, so weit meine Kräfte reichen, angedeihen lassen." „Wie, rief ich aus, bedenken Sie denn nicht, daß die Krankheit der Frau ansteckend ist und Sie deshalb in Gefahr sind, von derselben ergriffen zu werden, und dann, Ihr Verhältniß zu den Nachbarn. —" Mit Entschlossenheit antwortete Josephine: „Das darf mich nicht abhalten. Meine Religion gebietet mir, Hilfe zu leisten, wo sie unentbehrlich ist. Wenn es in der Schrift heißt: „Wenn du den Esel oder den Ochsen j deines Feindes auf dem Felde verirrt findest, so lasse sie nicht, sondern bringe sie zu deinem Feinde" — um wie viel mehr, wenn es das Leben derjenigen betrifft, die uns nicht gerade freundlich gesinnt sind!" . . . Aus den Augen des Mädchens leuchtete ein so heiliges Feuer, und ihr Antlitz erschien von der edlen Gesinnung so verklärt, daß ich keinen Einwand mehr erheben konnte und sie ihren menschenfreundlichen Absichten überließ. Da wurde es anders im Hause der Kranken. Josephine übernahm die Pflege derselben mit unermüdlicher Sorgfalt, des Tages wie in der Nacht. Die Kinder etablirte sie in ihrem eigenen Hause unter der Obhut ihrer alten Magd, die schon bei ihren Eltern gedient hatte. Ja, ich konnte bemerken, daß sie aus ihren eigenen Mitteln zu den Bedürfnissen des Hauses zuschoß. Die Kranke besserte sich; sie erwachte aus ihrer Bewußtlosigkeit und erkannte nach und nach ihre Pflegerin. Sie bemerkte deren aufopfernde Fürsorge und war tief gerührt davon. Einmal ergriff sie die Hand ihrer Pflegerin und wollte sie zu ihren bleichen Lippen führen. Josephine litt dies nicht und küßte die Kranke auf die Stirn. — Und der Mann? In seiner Herzensbedrängniß hatte er die Hilfe, die ihm wie vom Himmel her beschieden erschien, ohne ein Wort zu bemerken, hingenommen, und ging oft, als wenn es sich von selbst verstände, in das Nachbarhaus, nach den Kindern zu sehen. Ich gestehe offen, daß ich jetzt die Kranke nicht besuchen konnte, ohne von tiefem Gefühle für die sittliche Heiligkeit und Größe, die sich hier offenbarte, tief gerührt zu sein. Die Kranke genas; die Kinder kehrten in das Elternhaus zurück, und Josephine weilte nur noch dann und wann bei der Genesenden, für welche sie jedoch immer noch die sinnigste Sorgfalt übte. Da erschien eines Tages der Mann bei Josephinen. Er stürzte auf die Knie vor ihr, Thränen rollten über sein vergrämtes Gesicht, er ergriff die Hand des widerstrebenden Mädchens und rief aus: „Verzeihung und Dank, Josephine, Verzeihung für das, was ich an Dir gefehlt, tiefinnigsten Dank für die unsäglichen Wohlthaten, die Du an mir und den Meinigen vollbracht! . . ." Josephine bat ihn, sich zu erheben und zu beruhigen und versicherte ihn ihrer dauernden Freundschaft. Diese war nun zwischen den Bewohnern der beiden Häuser wieder ganz nach der alten Weise hergestellt. Hingen doch selbst die Kinder an der Tante fast mehr als an der Mutter, und wenn sie von irgend einem kleinen Leide, einer Furcht oder Sorge betroffen waren, schlüpften sie in das Nachbarhaus zur Tante, wo sie stets bereite Aushilfe fanden. Dies war der einzige Punkt, über welchen die Frau bisweilen etwas Eifersucht empfand. Der Mann aber behauptete, daß der Segen, welchen Josephine in sein Haus gebracht, sich auch auf sein Geschäft erstrecke, das seitdem gute Fortschritte mache. — Man wird es natürlich finden, daß der geschilderte Vorgang auch in mir für diese

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