Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 52 (1888)
- Issue
- Heft 49 (6.12.1888)
- Date
- 1888-12-06
- Page
- Seite 783 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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788 Leute ein besonderes Interesse erweckte; ich halte viel auf mein Chrisienthum, aber die Beobachtungen, die sich mir in meinem Berufe täglich aufdrängten, lehrten mich, daß es bei den Menschen viel mehr auf den sittlichen Werth ihres Charakters und ihrer Handlungsweise ankomme, als auf Glaubenssätze, die Jeder festhalte, wie er sie aus seiner Jugend und Erziehung heraus in sich ausgenommen, und daß Nichts verwerflicher sei als die Borurtheile, die Mensch gegen Mensch des Glaubensbekenntnisses wegen hegt. Eine Reminiscen;. Darmfladt, im November, Wie in öffentlichen Blättern und auch in dieser Zeitung gemeldet wurde, hat der König von Dänemark dem Oberrabbiner Prof. Dr. A. A. Wolfs in Kopenhagen zu seinem 60 jährigen Amtsjubiläum das Commandeurkreuz des Dannebrog verliehen. Diese Auszeichnung des ehrwürdigen Jubilars hat besonders in hiesiger Stadt viele freudige Theilnahme erweckt, denn derselbe ist ja ein geborner Darmstädter. Sein Vater, Herr Alexander Wolff, seligen Andenkens, war ein braver, frommer, in Talmud und Casuistik sehr bewanderter, gelehrter Mann. Früher betrieb er ein Waarengeschäft, später kam er in die günstige Lage, es aufgeben zu können, und da widmete er sich wieder den talmudischen Studien; aber er liebte auch jene jüdischen Schriften, welche Religion und Philosophie zn vereinigen suchten, namentlich den Jkarim von Josef Albo (st. 1444), worin dieser feststellte, daß das Judenthum auf drei Grundwahrheiten beruht: Auf dem Glauben an das Dasein Gottes, an die Göttlichkeit der Offenbarung (der Thora) und an die Vergeltung. Mit diesen! Werke haben wir uns, Herr Alex. Wolff und ich, eine Zeit lang wöchentlich einigemal beschäftigt. — Noch ist Folgendes zu bemerken: Fast an jedem Abend an den Wochentagen pflegten sich die Mitglieder eines Wohlthätigkeitsvereins um ihn zu versammeln, denen er das von Isaak Abohab (um 1320) verfaßte, den hagadischen Stoff geschickt verarbeitende Buch Menorath Hamaor vortrug, übersetzte und erklärte. — Herr Dr. A. A. Wolff kam! früher manchmal hierher, um seinen damals noch lebenden Vater und auch seine übrigen Verwandten zu besuchen. So that er auch im August 1838, und der damalige Vorstand benutzte diese Gelegenheit, den berühmten Gelehrten, Prediger j und Schulmann zu ersuchen, in der hiesigen Synagoge am i Sabbath zu predigen und in der israelitischen Religionsschule eine Prüfung vorzunehmen. Diesem Wunsche ent-, sprechend, hielt Herr Dr. Wolff am Sabbath eine so herzinnige, das Gemüth ergreifende Predigt, daß die Zu-' Hörer und Zuhörerinnen tiefgerührt, Manche Thränen vergießend, dastanden und den in ihnen hervorgebrachten j Eindruck noch jetzt in ihrem Gedächtnisse bewahren Der Text war: „Höre Israel, der Ewige unser Gott,.- der Ewige ist einig-einzig." Wenn ich nicht irre, so war es "(.'nriN'! jd. — Und über die in der Religionsschule abgehaltene Prüfung stellte mir derselbe ein so rühmendes Zeugniß aus, daß ich es noch jetzt, nach Verlauf von fünfzig Jahren, als theures Andenken aufbewahre. M. Mannheimer. Vermischtes. Aus Damaskus. Damaskus, jene Hauptstadt von Syrien, die mit der Geschichte des Volkes Israel so vielfach verwachsen ist, wird nach ihrer gegenwärtigen Beschaffenheit von einem neueren Reisenden „die schönste und schmutzigste Stadt der Welt" genannt. Ihre Lage mitten in einem Obst- und Blumengarten ist entzückend, aber in ihrem Innern hat sich der Schmutz und die Vernachlässigung angehäuft. Sie zählt ungefähr 200,000 Einwohner, unter welchen ca. 20,000 Christen und 8000 Juden sich befinden. Die mohamedanische Bevölkerung steht im Rufe des äußersten Fanatismus, der wie ein offenes Pulverfaß nur eines Funkens bedarf, um zu explodiren. So wurden 1860 2500 Christen niedergemetzelt. Solche Eigenschaften sind ansteckend, und so wurde 1840 Damaskus bekannt durch die Blutbeschuldigung, welche die Christen auf die Juden wälzten. Damals erregte dieser Vorgang eine allgemeine Aufmerksamkeit in Europa, das von solchen Vorurtheilen noch nicht geheilt war, ein Vorurtheil, das bei den Mohamedanern bis dahin ganz unbekannt war. Der Ausgang bewies, daß auch hier nichts als eine Erfindung fanatischer Mönche zu Grunde lag. Im Ganzen ist bei den Juden in Damaskus nicht die Armuth so zu Hause wie in vielen orientalischen Städten. Außer wohlhabenden, giebt es auch einige reiche Juden. Folgen wir dem schon citirten Reisenden 1) in einige Häuser, die in ihrem Innern von jenem berüchtigten Schmutze nichts haben, der in Damaskus so überaus vorherrscht. Er sagt: „Sehr sehenswerth ist u. A. der hübsche, mit vielem Luxus ausgestattete Marmorsalon des Juden Schammaja; das richtige Prunk- und Schauzimmer eines Parvenü, der zeigen will, daß er Geld, und zwar sehr viel Geld, besitzt. Aus einem von sechs Löwen getragenen Becken erhebt sich eine von Schwänen gestützte Muschelschale, in welche aus einer dritten mit Delphinen verzierten Muschel das kühlende, klare Wasser pläti) Theodor Sourbeck, Fichtennadeln vom Libanon (Basel, Schwabe, 1888), eine in sehr leichtem und anmuthendem Stile, aber auch dann und wann flüchtig abgefaßte Schrift. Die landschaftlichen Bilder eines Theils des Libanons uno die Straße von Beiruth nach Damaskus und Palmyra sind sehr anziehend beschrieben.