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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1888-12-06 · Heft 49 (6.12.1888) · p. Seite 773

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
52 (1888)
Issue
Heft 49 (6.12.1888)
Date
1888-12-06
Page
Seite 773 (sequence 5)
Language
German
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773 Leviten vor ihrer Einweihung sich baden und die Kleider waschen; bevor sie in das Heiligthum und an den Altar traten, hatten sie ihre Füße und Hände zu waschen, zu welchem Zwecke im Vorhof des Stiftszeltes ein Becken, im Salomonischen Tempel das sog. eherne Meer aufgestellt war» Bei der Function des Hohenpriesters am Versöhnungstage mußte er sich mehrere Male baden. Bei vielen Verrichtungen hatten die Priester z. B. nach Darbringung des Sündopfers ihre Kleider zu waschen. Aber auch für das Volk enthält das Gesetz viele Vorschriften, sich zu baden und die Kleider zu waschen bei den mannigfaltigsten Gelegenheiten, wo eine Unreinheit eintrat. So bei der Berührung eines Leichnams und der Beschäftigung mit einem Todten, nach allen geschlechtlichen Zufälligkeiten und Handlungen für die Männer wie für die Frauen, nach der Heilung vom Aussatze, nach dem (unabsichtlichen) Genuß von Zerrissenem und Gefallenem, nach der Berührung, namentlich dem Tragen von Aas unreiner und gefallener Thiere, bei der Zurückkehr der Krieger. Die Stellen des 2., 3. und 4. Buches Moses hierüber sind so zahlreich, daß wir sie hier nicht zu citiren brauchen. Zu der symbolischen Handlung, welche für den Fall verordnet ward, wenn ein Erschlagener gefunden worden, ohne daß man den Thäter zu entdecken vermochte, gehörte auch, daß die Aeltesten ihre Hände wuschen, um anzudeuten, daß das Volk an der That und deren Straflosigkeit unschuldig sei (5. Mos. 21, 6). Selbstverständlich mußten diese sehr häufig in das gewöhnliche Leben eingreifenden Vorschriften den Sinn für Reinlichkeit, die Vorstellung, nur durch Baden und Waschen sich rein zu halten, ungemein fördern; mußten doch irdene Gefäße bei Berührung gewisser Unreinheiten zerbrochen, hölzerne ausgespüll werden. Eine besonders durchgängige Sitte war, die Füße zu waschen, da diese nur durch Sandalen geschützt waren. Eine der ersten Pflichten der Gastfreundschaft bestand deshalb darin, ankommenden Reisenden frisches Wasser zum Waschen der Füße zu reichen^), und selbst den Dienern wurde dies gewährt.-) Das Baden gehörte zur Gewohnheit des Lebens und fand selbst des Nachts, namentlich bei Mondenschein, statt.1 2 3 4) Wenn eine Frau sich schmücken wollte, so ging ein Bad voraus. Nach der Geburt wurde das Kind gebadet.5 6 7) Als David sich von der Trauer um sein Kind, um das er gefastet und im Staube gesessen, erhob, badete er und aß. o) Als Zeichen der Besorgniß und Trauer galt es, die Kleider nicht zu waschen?), 1) 1. Mos. 18, 4. 19, 2. 24, 32. 43, 24. Rlcht. 19,2. 2. Sam. 11, 8. HL. 5, 3. 2) 1. Sam. 25, 41. 3) 2. Sam. 11, 2. 4) Ruth 3, 3. Ezech. 23, 40. 5) Ezech. 16, 4. 6) 2. Sam. 12, 20. 7) 2. Sam. 19, 25. was wiederum zeigt, daß dies zu den täglichen Gewohnheiten gehörte. Am deutlichsten geht die allgemein verbreitete Sitte des Badens und Waschens daraus hervor, daß in der Schrift häufig die Reinigung von Fehl und Sünde, vom sittlichen Schmutze mit einer eifrigen Waschung verglichen wird, und die Aufforderung, sich von Sünden zu reinigen, in den Aufruf, sich zu waschen, gekleidet wird.^) Das Waschen wurde daher symbolisch verwendet, z. B.: „Die Hände in Unschuld zu waschen."o) Den Ueberfluß drückte man durch den Spruch aus: „Seine Füße in Rahm zu baden" 10), oder seine Gewänder in Wein zu waschen".") Eine tüchtige Reinigung geschah durch Seife oder Lauge (auch Schneewasser), auch dies wird zum Vergleich mit einer strengen Reinigung des Herzens und der Seele von aller sündigen Begier verwendet. ") Auch als Heilmittel kannte man das wiederholte, z. B. siebenmalige Baden im Flusse.") Gedacht wird der Waschbecken") und des „Wäscherfeldes".15) Auch in den nachexilischen Zeiten gehörte das Baden und Waschen zu den Lebensgewohnheiten der Israeliten. Wir finden darüber mancherlei Notizen bei Josephus. Besonders die Pharisäer und Essäer hielten auf oftmaliges, die letzteren auf tägliches Baden, und Reinheit der Gewänder. Die Reicheren hatten Badezimmer in ihrem Hanse, und später wurden auch öffentliche Bäder angelegt.") — Wer gegenwärtig durch die orientalischen Städte, auch in Syrien und Palästina, wie Konstantinopel, Beirut, Joppe, Jerusalem, Damaskus, wandert und den unsäglichen Schmntz in den Straßen, Häusern und an den Menschen gewahrt, dem muß es anmuthen, die Reinlichkeit, wie wir sie oben skizzirt haben, bei den alten Israeliten als ausgesprochenen Charakterzug zu erkennen. Es ist dies eine Tugend, die sich bei ihnen mit ihrer Mäßigkeit, Arbeitsamkeit und ihrer Vorliebe für Regelmäßigkeit in schönem Bunde vereinigte. Paris, 20. November 1888. Die pariser Juden. Jüngst hat der zelotische Drumont abermals ein Buch gegen die französischen Juden losgelassen, welches die Ber-! leumdungssucht auf die Spitze treibt und namentlich die Ge- 8) Jes. 1, 16. 4, 4. Ps. 51, 4. 9. Jer. 4, 14. 9) Ps. 26, 6. 73, 13. 10) Hiob 29, 6. 11) 1. Mos. 49, 11. 12) Hiob 9, 30. Mal. 3, 2. Jerem. 2, 22. 13) 2. Kön. 5, 10. 12. 13. 14) Ps. 60, 10. 108, 10. 15) Jes. 7, 3. 36, 2. 2. Kön. 18, 17. 16) Josephus Leben 2. Jüd. Krieg 2, 8, 5. 9. 12. Alterth. 14, 11. 5. Im Talmud und Midrajch werden Badehäuser (mrtsrr.D ^rro) öfter erwähnt, das Vernachlässigen des Badens als ein Unrecht bezeichnet.

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