Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 52 (1888)
- Issue
- Heft 49 (6.12.1888)
- Date
- 1888-12-06
- Page
- Seite 774 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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774 sammtheit der Juden als Finanziers und Schacherer darstellt. Dem gegenüber veröffentlichte der Hülfssecretär des israel. Consistoriums, Leon Kahn, eine Schrift: „Die Juden in Paris seit dem 6. Jahrhundert." Aus dieser theilt der „Figaro", dieses vielgelescne Pariser Blatt, interessante Daten mit, die auch in diesem Blatte für Mit- und Nachwelt zu fixiren höchst angemessen scheint. „Seit einem Jahrhundert sieht das französische Judenthum neue Wandelungen vor sich eröffnet, und schon was Paris allein betrifft, wollen wir drei Daten aus verschiedenen Kapiteln des Buches herausgreifen, welche seine wunderbare Lebenskraft bezeugen: Im Jahre 1803 zählte die Hauptstadt Frankreichs 2733 Israeliten, von denen 1324 in Paris selbst geboren waren. Im Jahre 1852 zählten sie 20000; Im Jahre 1859, 30000; Im Jahre 1888, 50000. Im letzten Viertel des Jahrhunderts besonders sehen sie ihre Lage vollständig verändert. Herr Leon Kahn beschuldigt das zweite Kaiserreich, den Baron Hausmann und seine Umgebung des Mißwollens gegen das Consistorium und die jüdische Gemeinde. Junge Leute, welche sich für die Normalschule vorstellten, wurden schroff von der Bewerbung ausgeschlossen, nur weil sie Juden waren. Und unter ihnen befanden sich die Herren Brsal und Hinstin, damals im Lyceum Charlemagne und seitdem nehmen sie eine so glänzende Stellung in der Wissenschaft ein. Ein anderer Jude, Herr Isidore Cahen, der aus den ersten Reihen dieser Schule hervorgegangen ist, war zu einem Lehrstuhl der Philosophie in einem Lyceum der Provinz berufen worden. Die Geistlichkeit protestirte stürmisch gegen diese Ernennung und so war es Herrn Cahen unmöglich, seine Funktionen zu erfüllen, und um nicht eine seine Würde beleidigende Absetzung annehmen zu müssen, kam er um seine Entlassung ein. Das waren die letzten Prüfungen Israels. Wie haben die Zeiten sich geändert! Die dritte Republik hat definitiv das Seil durchschnitten, welcher den Balloncaptiv zurückhielt, und das hundertjährige Jubiläum der Erklärung der Menschenrechte wird das Judenthum in günstigster Lage sehen. Die Juden verdienten den Wohlstand, welchen wir heute bei ihnen bewundern. Man kennt ihre Moralität. Man erinnerte sich nicht daran, daß seit dem Beginn dieses Jahrhunderts kein Pariser Jude zum Tode verurtheilt worden wegen Mordes, „oder irgend eines der Verbrechen, welche die Natur schauern machen und die Gesellschaft erschrecken." Die Almoseniers, welche die Gefängnisse zu besuchen haben, constatirten mit einer gerechten Befriedigung, „daß das Verbrechen unter uns stets eine unbekannte Sache ist." Im Jahre 1857 enthielten die Pariser Gefängnisse 1127 jüdische Verurtheilte, deren Strafen zwischen einem Monat bis zu fünf Jahren lagen. Ein einziger wurde deportirt. Der Diebstahl und die Gaunerei, die Bettelei und das Vagabondiren, die Gefängnißnahme wegen Schulden betrugen den größten Theil der Ursachen der Gefängnißstrafen. 47 dieser Gefangenen stammten von der Seine her. Wenn man berechnet, daß damals die jüdische Bevölkerung von Paris sich mindestens auf 20000 Seelen belief, wird man anerkennen, daß dieses Verhältniß (6,35 auf 1000) glücklicher Weise ein sehr schwaches war, besonders im Hinblick auf die sehr häufigen Einwanderungen von Familien, welche alle aus dem Auslande kamen nnd in der Hauptstadt sich niederließen. Um diese Zeit war das religiöse Gefühl in den Herzen der Juden sehr lebendig; die Traditionen der Frömmigkeit hatten einen reellen Einfluß auf sie bewahrt; die Gottesfurcht, mehr als die Furcht vor Menschen konnte diejenigen zurückhalten, welche im Begriff standen, zu straucheln, und in den Schulen hatte die Moral des Judenthums noch nicht der bürgerlichen Moral Platz gemacht. Während des Krieges war ihr Patriotismus lobenswerth. Die Zeitungen jener Zeit haben ihre Namen aufbewahrt. In erster Reihe glänzten die Obersten Salvador, Brisac und Abraham Levy; die Commandanten Bernard, Crsmieux, Alfred Cerf und PH. Cahen; die Capitaine Levy, Joseph Weill, Brandon, Cahen-Mervith, Charles Abraham, Hippolyte Gall und Moyse Moyse; die Lieutenants Gustave May, Albert Brunswick, Alphonse Levy, Louis Dreyfus, Jules Bernheim, Ferdinand Ratisbonne, Myrtil Blum, Paul See, welche alle in den Tagesbefehlen erwähnt wurden wegen ihres glänzenden Benehmens unter den Mauern von Paris. Die jüdische Gemeinde macht Anspruch auf die Namen des Commandanten Franchetti, der am 2. December 1870 zu Champigny getödtet wurde, wie auf den Commandanten der Franctireurs Aronsohn. Der Commandant Bernard, der Sergant Bloch, der kurz vorher decorirt worden, ein junger Student der Jura, Namens Leser, fielen unter den Mauern von Paris. Ihre Wohlthätigkeitsanstalten hat Herr Maxime Du Camp beschrieben, worüber in dieser Zeitung genügend berichtet worden. Das XVI. Capitel dieses sehr merkwürdigen Buches bringt die Aufzählung der Juden, welche zu dieser Stunde hohe öffentliche Stellungen einnehmen. Im Senat: die Herren Naquet, Millaud, Lisbonne. In der Kammer: die Herren Crsmieux, Camille Dreyfus, Emile Javal, David Raynal. Im Pariser Rathhaus: Stanislaus Leven, Paul Strauß, Mayer, der Syndicus.