Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 52 (1888)
- Issue
- Heft 49 (6.12.1888)
- Date
- 1888-12-06
- Page
- Seite 772 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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772 i wenig. In vielen Gemeinden richtete man Aemter ein, bei welchen zu bestimmter Zeit der durchreisende Bettler ein Zehrgeld unter der Bedingung erhielt, am Orte nicht zu betteln. Man hat hierbei die.Erfahrung gemacht, daß durch diese Einrichtung allerdings der Bettel bedeutend abnahm. Die Hauptbedingung jedoch ist, daß an solchen Orten jede Gabe in den Häusern verweigert wird. Wird dies consequent durchgeführt, so vermindert sich der Bettel zusehends. Gewiß wird jeder Einsichtsvolle zugestehen, daß dem gewohnheitsmäßigen Bettel gegenüber solche Maßnahmen völlig gerechtfertigt sind und dem wohlthätigen Sinne nicht widersprechen, der ja auch so viele andere wohlthätige Werke zur Ausübung der Barmherzigkeit vorfindet. Gewiß, man kann nur den lebhaftesten Wunsch fühlen, daß der Wohlthätigkeitssinn, der zu allen Zeiten bei den Juden geherrscht hat und welchen schon der römische Geschichtsschreiber Tacitus rühmt, immer stark und rege bleibe und sich in Werken ausgestalte, welche dem wahren Wohl der hilfsbedürftigen Menschheit nützen. Me israelitische Libelanstalt. Mit aufrichtiger Befriedigung sind wir jetzt im Stande mitzutheilen, daß diese Anstalt ihre Thätigkeit von Neuem beginnt. Durch den vom Buchhändler Louis Gerschel in Berlin übernommenen Vertrieb der hebräischen und deutschen Bibeln dieser Anstalt wurden ein Jahrzehend lang hunderttausend Exemplare verbreitet. Nach dem Tode Gerschels ließ sein Rechtsnachfolger in dem Eifer für diesen löblichen Zweck immer mehr nach, und es traten Complicationen ein, welche den Neudruck der Bibeln verzögerten und endlich aufhören ließen. Es war uns schmerzlich genug, von vielen Seiten dringende Nachfragen nach diesen Bibeln vergebens zu erhalten, welche sich weithin Anklang und Gebrauch gewonnen hatten. Mit aufrichtiger Freude vermögen wir nunmehr zu melden, daß die rühmlich bekannte Buchdruckerei und Verlagshandlung Bernstein in Berlin (Inhaberin der Verlagshandlung F. Tümmler), den Neudruck und den Vertrieb der gedachten wohlfeilen Bibeln übernommen hat und in möglichst baldiger Zeit die neuen Auflagen fertig stellen wird. Wir werden hierüber weiter berichten. Es war stets unsere Genugthuung, für die Verbreitung und Kenntnißnahme der Bibel nicht blos für die begüterten Classen durch unser großes Bibelwerk in drei starken Quartbänden und durch die im Hallberger'schen Verlage erschienene Prachtbibel mit den Dorsschen Bildern gesorgt zu haben, sondern auch durch die gut ausgestatteten und wohlfeilen Bibeln der Bibelanstalt für Schule und Haus den weniger günstig situirten Classen die Anschaffung der h. Schrift erleichtert zu haben. In dieser letzteren Beziehung werden also nunmehr unsere früheren Bestrebungen wieder zur Wirksamkeit gelangen. Sil-er aus dem Leben des Volkes Israel. 3. Die Reinlichkeit. Es ist jetzt anerkannt, daß Culturbilder aus dem Leben eines Volkes, die Darstellung seiner Sitten und Lebensweise für das Verständniß seines Charakters und seiner Eigenart nützlicher und wirkungsreicher sind, als die Berichte über den Verlauf seiner äußeren Geschicke. Es ist dies schon im Leben der Individuen der Fall. Nicht sowohl deren Verhalten in, doch immer nur seltenen Conflicten und großen Katastrophen entscheidet über ihre Eigenthümlichkeiten und giebt uns einen richtigen Ausschluß über ihren wahren Werth oder Unwerth, sondern vielmehr ihr Thun und Lassen im Gleichmaß der Tage, ihr sittliches Verhalten in ihrem Lebensgange, in ihrer Handlungsweise. Dies ist es, was uns zur Darstellung dieser Bilder aus dem Leben des Volkes Israel bewegt: wir wünschen nämlich dahin zu wirken, daß man es nicht mehr bloß aus dem Rahmen der geschichtlichen Ereignisse, ihrer Führer und Könige, wie sie uns von den geschichtlichen Büchern berichtet werden, zu verstehen glaube. Wenn der Ausspruch Liebig's, die Cultur eines Volkes sei nach dem Maße der von ihm verbrauchten Seife zu schätzen, richtig ist, so heißt dies nichts Anderes, als daß die Uebung der Reinlichkeit in Haus und Kleidung ein Erzeugniß seiner Cultur sei und ein Zeugniß für dieselbe abgebe. Deshalb berichten auch alle gründlichen Reisende regelmäßig, in wie weit bei einem Volke das Streben nach Reinlichkeit vorhanden sei oder mehr oder weniger mangele. Was nun die Israeliten betrifft, so müssen wir uns erinnern, daß nach der biblischen Anschauung das Leibliche und das Seelische in engster gegenseitiger Wirksamkeit stehen, wie z. B. das Verbot des Genusses von Blut, das wiederholt eingeschärft wird, sich darauf beruft, daß das Blut der Thiere, vom Menschen genossen, auf dessen seelische Zustände unmittelbar einwirke. So wird denn auch für die innere Heiligung die äußere Reinlichkeit in die nächste Verbindung gebracht. Als die Israeliten an den Fuß des Sinai geführt werden sollten, um die Zehn-Gebote zu empfangen, sollten sie sich drei Tage vorher „heiligen und ihre Kleider waschen" (2. Mos. 19, 10. 14). Gewiß ist es psychologisch, daß der Mensch durch solche Vorbereitungen zu Gefühlen der Weihe und Ehrfurcht kommt. Dieser Gedanke findet denn auch in dem mosaischen Cultusgesetze eine mannigfaltige Bethätigung, und mußte dies für die Erziehung des Volkes zur Reinlichkeit Vieles beitragen, wie es andrerseits wieder Zeugniß ist für die Neigungen dieses Volkes. So mußten die Priester und