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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1888-11-29 · Heft 48 (29.11.1888) · p. Seite 767

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
52 (1888)
Issue
Heft 48 (29.11.1888)
Date
1888-11-29
Page
Seite 767 (sequence 15)
Language
German
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767 den andern Exemplaren des Blattes nicht vorfanden. Jedes Mal, wenn ich dergleichen gelesen, war ich wie betäubt. Die Gerichte, das Land, die ganze Welt blicke auf mich, lausche meinen Worten. Der König, die Minister alle Welt beschäftigen sich mit mir und hielten mich für einen ordentlichen Jungen, der ans das Höchste Anspruch machen könne. Eine glänzende Zukunft würde der Lohn für mein Geständniß sein, während die Juden mir zürnten und mich umbringen würden, wenn meine Wohlthäter nicht über mich wachten! Da aber die Inden Mörder und Missethäter sind, würde man sie aus dem Lande jagen; ich allein würde bleiben und als reicher und mächtiger Mann eine glänzende Stellung einnehmen. Diese und noch viele andere Dinge las ich jeden Tag, und die Leute, welche mich aufsuchten, bestätigten mir dies. Große Herren, schöne Frauen verhätschelten mich und schmeichelten mir, man überschüttete mich mit Geschenken und Bersprechungen; ich meinerseits brauchte nur fest auf meinen Aussagen zu bestehen. Am Vorabend der Verhandlung bereiteten sie mich auf alle möglichen Zwischenfälle vor. Man sagte mir: „Wenn du dies oder das gefragt wirst, antwortest du so oder so. Um jeden Preis mußt du deiner Aussage treu bleiben und muthig ansharren; wenn die Feinde (so wurdlP die Juden und ihre Bertheidiger genannt) dir eine Falle legen wollten, höre nicht auf sie, sie wollen dir nur Uebles zuziehen." Die Zeit zwischen den Sitzungen wurde damit zugebracht, meine neuen Antworten vorzubereiten. Ich war damals gänzlich verblendet; ich glaubte an das, was mir meine Umgebung sagte; ich haßte die Meinen und ihre Vertheidiger. „Und dennoch war ich zwei Mal auf dem Punkt, alles zu gestehen, mich in die Arme meines Vaters zu werfen und zu rufen, daß ich lüge und daß alle die lügten, die mich dazu trieben; daß nicht ein wahres Wort an der ganzen Anklage sei. Ich war nahe daran, mir Lust zu machen, und hätte man Eötwos eine Minute länger sprechen lassen, hätte ich es gethan und würde heute nicht die furchtbare Last jener Lüge auf dem Herzen tragen. Eötwos sprach zu mir von meiner armen Mutter; er frug mich, ob ich an ihrem Sterbetage gebetet hätte, ob ich Kaddisch gesagt und das Licht angezündet hätte; ich weiß nicht, was er noch sagte, aber seine Stimme ging mir zu Herzen und rührte mich tief; ich zitterte an allen Gliedern, meine Brust schnürte sich zusammen und mein Blick wurde trübe. Ach! wenn man ihm nur noch einen Augenblick das Wort gelassen hätte; aber der Präsident unterbrach Eötwos: „Ich darf es nicht dulden, daß Sie den Zeugen quälen." Bei einer andern Gelegenheit ließ auch Funtak mein ganzes Innere erzittern, aber auch er wurde unterbrochen." — Aus den Erinnerungen eines Ärzles. In einer modernen großen Stadt kommt es nicht selten vor, daß man sich in einem Viertel niederläßt, da es nur noch aus zerstreuten Häusern und nicht bedeutendem Umfange bestand, und daß man nun mit dem Viertel in seiner Praxis wächst und verwächst. So erging es mir, und ich bin mit meinem Loose zufrieden, da ich es bald zu einer genügenden, später zu einer großen Praxis gebracht habe. Ich hatte meine Wohnung in einem Chambre garnie bei einer braven Handwerkerfamilie genommen, welche sehr gewissenhaft Bestellungen und Besuche notirte. Nicht weit von mir wohnte eine kleine, ältliche Judenfrau, eine Person voll Selbstaufopferung und unermüdlichem Wohlthun. Wenn sie auch hierbei, namentlich in der Wartung von Kranken und Wöchnerinnen, besonders ihre Religionsgenossen hilfreich besorgte, so machte sie doch keinen confessionellen Unterschied und widmete sich, sobald sie Gelegenheit fand, der Pflege christlicher Leidenden mit derselben Hingabe. Sie hatte mich für einen Verein engagirt. Doch war es nur für den Schick, denn das Honorar deckle kaum die Kosten für das Schuhwerk auf den Hilfswegen des Vereins. Nicht selten schickte sie spät am Abend, um mit mir eine Kranke zu besuchen; wobei es dann nicht fehlte, daß sie sich nach gemachtem Besuche erinnerte, noch einige Schützlinge in der Nähe zu haben, die der Hilfe sehr bedürften. Da stapften wir denn spät in der Nacht neben einander her, das Mütterchen nahm meinen Arm, und in der anderen Hand hielt ich einen sogenannten Tvdtschläger zur Vertheidigung gegen Strolche und Trunkenbolde. Zuletzt geleitete ich sie nach Hause, und ich mußte dann immer eine Tasse warmen Thee bei ihr genießen, den sie stets bereit hielt. Es war ein Gegenstand meiner Bewunderung, daß dieses schwache Weibchen so viele Anstrengungen und Strapazen aushielt, denn wo sie eine Pflicht der Barmherzigkeit zu üben hatte, kannte sie keine Schonung für sich. Endlich kam auch ihre Stunde. Ihr Hinscheiden war ihres Lebens würdig. Sie reichte mir eine Liste ihrer augenblicklichen Schützlinge und ich mußte ihr versichern, diese in keiner Weise zu vernachlässigen. Noch einen herzlichen Blick auf mich, dann drehte sie sich herum und verschied. Wie klein war diese Leiche, in ihrer Krankheit noch kleiner geworden, und doch wie außerordentlich groß war die Seele, die ans diesem winzigen Leibe geschieden war! Wehe denen, welche die menschliche Seele nach Maßen, Schädelknocheu und Gehirnfasern bemessen wollen! Ihnen entgeht das Leben nnd die Wahrheit. Sie wissen wohl, daß der Leib des Menscher, aus Staub geschaffen worden, von dem anderen, dem höheren Elemente, von dem Odem Gottes in der Menschenbrnst wissen sie nichts. Der Arzt aber, der die Kämpfe des Menschen-

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