Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 52 (1888)
- Issue
- Heft 48 (29.11.1888)
- Date
- 1888-11-29
- Page
- Seite 766 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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766 indem er auf meinem Körper herumtrat. Nach dieser Tortur hätte ich mein Todesurtheil unterzeichnet —- Diese Sache ist insofern räthselhaft, als Moritz Scharf sein merkwürdiges Betragen auch dann nicht änderte, als er sich längst nicht mehr in den Händen des fürchterlichen Commissars befand. Während der fünfzehn Monate, die er, sei es im Gefängniß, sei es im Hause des Gefängnißwärters Henters verbrachte, während der sechs Wochen, die die Debatten in Anspruch nahmen, nachdem man ihm die Wichtigkeit seiner Aussagen klar gemacht und man ihm die Versicherung gegeben, daß ihm kein Leids geschehen solle, wenn er die Wahrheit gestehe; nachdem er es mit angesehen, wie sein Vater sich auf der Anklagebank unter der ebenso schändlichen wie monströsen Anklage wand, und er dessen Tod wie denjenigen von noch fünfzehn andern Mitangeklagten durch sein falsches Zeugniß herbeiführen konnte, auch da bestand er noch auf seinen lügenhaften Aussagen. Dieser Punkt war für uns unverständlich; Moritz sagt folgendes darüber: „Jetzt ist es leicht, über die Sache zu reden und mich zu tadeln, ein anderes Ding aber war es, daran betheiligt zu sein. Wie durfte ich armer, unwissender und unerfahrener Bauernjunge, den seine Cameraden als Idioten betrachteten, und an den ältere Leute nur das Wort richteten, um seiner zu spotten wegen seiner Dummheit oder ihn zu quälen, wie durfte ich das anzweifeln, was mir die Herren sagten? Wie hätte wohl in mir der Gedanke aufkommen können, daß so große Herren, die sich bis zu mir herabließen, lügen und betrügen oder böse Pläne schmieden könnten. Recski ließ mich ihre Macht fühlen, ich glaubte, daß sie mit mir und jedem anderen machen konnten, was ihnen beliebte; aber alles änderte sich vom Augenblicke an, wo sie die Ueberzeugung gewonnen hatten, daß ich bei dem Geständniß, welches man mir entrissen hatte, verharren würde. „Du mußt im Gefängniß verfaulen, Du bekommst weder zu essen noch zu trinken, wohl aber Schläge die Menge, wenn Du nicht bei Deiner Aussage bleibst; folgst Du aber, werden wir etwas für Dich thun." Dies waren die Worte, mit denen man mir Muth zusprach. Konnte ich es, ohne daß es auch für mich ein Gesetz, einen Schutz gab? Ich sah nur Macht und Vergewaltigung und zwar bei denjenigen, die mir meine Aussage dictirten. Wenn ich nur eine einzige Stunde hindurch ihren Einfluß entzogen worden wäre, wenn nur ein einziges Anzeichen mir bewiesen hätte, daß sie nicht alles vermochten, was sie wollten, hätte ich augenblicklich erklärt, in welcher Weise meine Aussagen erzwungen wurden, was ich auch in der That gethau habe, sobald ich sah, daß mein Vater mich nach seiner Freisprechung gegen ihren Willen mit nach Pest nahm. Aber späterhin, versetzte der Fragesteller, als man Ihnen! ein ganzes Jahr hindurch nichts zu Leid that, als man Sie! lim Gegentheil unterrichtete, Ihnen Zeitungen zu lesen gab;!und während der Debatten, als Ihnen der Präsident die Versicherung gegeben, daß Ihnen nichts mehr geschehen könne, als Sie die Verzweiflung und die furchtbare Lage ihres Vaters und seiner zahlreichen unschuldigen Mitangeklagten sahen, warum gestanden Sie da nicht die Wahrheit?" „Es ist wahr", sagte Moritz, „man that mir nichts mehr zu Leid, ich wurde gut behandelt, und gerade darum bestand ich auf meiner Aussage, denn man hatte mir vorgeredet, daß, wenn ich dieselbe wiederrufe, ich von Neuem in's Gefängniß geworfen und mißhandelt würde, wogegen sich meine Lage und Stellung jeden Tag verbessern sollte, wenn ich dabei bliebe. Das Unglück war, daß ich nicht frei war; ich wurde stets beaufsichtigt, und wenn ein Fremder mit mir sprach, wandte Henter, der Gefängnißwärter, kein Auge von mir und dictirte mir die Antworten, die ich auf die gestellten Fragen zu geben hatte; seine Instructionen waren stets von furchtbaren Drohungen und verführerischen Versprechungen begleitet. Gerade weil man mich so gut behandelte, weil man mich mit Versprechungen, Schmeicheleien, falschen Berichten überschüttete, bestand ich auf meiner Aussage. Eines Tages, als ich noch zögerte, und als es noch vorkam, daß ich, während ich die Anssage hersagte, vor Thränen nicht weiter sprechen konnte (denn es war kein wahres Wort daran) sagte Henter lebhaft zu mir: „Ja mein Sohn, Dein Geständniß beruht auf Wahrheit, Salonron Schwarz hat auch gestanden. Jetzt ist es auch ohne seine Aussage erwiesen, daß sie die Esther ermordet haben. Deinem Vater wird keinesfalls etlvas geschehen (damit schläferten sie mein Gewissen ein), aber die andern werden bestraft. Wenn du gleichfalls zustehst, wirst du ein glücklicher Mensch, wenn du aber leugnest, steht dir ein trauriges Dasein bevor." Diese Rede machte einen tiefen Eindruck auf mich. Ich fing selbst an, an den Mord zu glauben und an die Möglichkeit, daß sie das Mädchen umgebracht hätten, ohne daß ich etwas davon gesehen. Ich glaubte kein Verbrechen zu begehen, indem ich sie anklagte, und von diesem Augenblick bestand ich fest auf meiner Aussage, denn ich glaubte an das Verbrechen. Das Lesen der Zeitungen war eines ihrer wirksamsten Mittel; heute noch schwindelt mir, wenn ich daran denke, was ich in jenen Zeitungen gelesen; ich bekam übrigens nur eine Zeitung, den Fuggetlensog. Wenn ich mir heute alles vergegenwärtige, was ich in dem Blatte gefunden, kommt mir der Verdacht, daß derselbe extra für mich gedruckt wurde. Seitdem habe ich wohl erfahren, daß das Publikum auch diese skandalösen und lügenhaften Auslassungen gelesen, ich kann aber nicht glauben, daß man ihm so sinnloses Zeug, wie mir, vorgelegt habe. Ich muß also annehmen, daß die mir überwiesenen Blätter lediglich für mich gedruckt wurden und daß sie Nachrichten und Artikel enthielten, die sich in