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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1888-11-29 · Heft 48 (29.11.1888) · p. Seite 763

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
52 (1888)
Issue
Heft 48 (29.11.1888)
Date
1888-11-29
Page
Seite 763 (sequence 11)
Language
German
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763 den antisemitischen Tendenzen nicht anschließe, vielmehr mit Sicherheit erwarte, daß die Zeit auch diese modernste politischsociale Krankheit heilen werde. Es ist hiermit der Anfang gegeben, sowohl für die Verleugnung und Abweisung des Antisemitismus, als auch für das Verfahren, wie man den von den' hiesigen Antisemiten so oft schon bethätigten Terrorismus von den Versammlungen abhalten könne, wozu das Circular des Polizeipräsidenten die Wege gewiesen hat. Wien, 18. November. In jüngster Zeit haben die Antisemiten, dem früheren Beispiel ihrer Berliner Genossen folgend, Versammlungen, in welchen sie ihre Gegner nicht zum Wort zu kommen, verhindern wollten, durch Tumult so gestört daß niemand reden konnte und die Versammlung geschlossen werden mußte. Um diesem Treiben ein Ende zu machen, hat jetzt der Polizeipräsident von Wien ein Circular an die Polizeikommisfare erlassen, die Freiheit des Versammlungsrechtes zu schützen. Die Vorstände bei solchen Versammlungen sollen zu diesem Zwecke angemessene Vorkehrungen treffen, wie sie der Präsident aufzählt. In Zukunft sollen die Herren Antisemiten rechtzeitig an die Luft gesetzt werden. Pest, 20. Nov. Ein hier geborener junger Mann römischkatholischer Konfession trat in Wien zum Judenthum über und nahm in Ungarn ein jüdisches Mädchen zur Frau. Nun wollen sie ihre Ehe lösen; der Advokat der Frau berief sich darauf, daß hierzulande der Uebertritt eines ungarischen christlichen Bürgers und daher auch dessen Eintragung in das Matrikel ungiltig ist; nichtig sei auch die Folge einer ungesetzlichen Rechtshandlung und er stelle demnach an den Kultusminister das Ersuchen, diejüdisch-christliche Eheschließung auf administrativem Wege aus dem Matrikel streichen zu lassen. Das Ministerium jedoch, unter Hinweis darauf, daß über die Giltigkeit geschlossener Ehen theils die Geistlichen, theils die weltlichen Gerichte zu urtheilen berufen sind, fühlte sich nicht veranlaßt, eine Entscheidung zu fällen und ordnete auch nicht die Streichung an, sondern verwies die Parteien an das zuständige Gericht. Erklärt dieses die Ehe für ungiltig, dann wird es auch hinsichtlich der Eintragung in das Matrikel verfügen. Versammlungen und Parteibildungen kundgegeben, während jetzt nur eine geringe Betheiligung stattfinde. Während in der jüngsten Zeit für das Kuabenasyl in wenigen Tagen eine halbe Million Francs zusammengekommen, habe man sich, trotz des bedeutenden Beitrages der Stadt zur Erbauung einer zweiten und dritten Synagoge, gezwungen gesehen, zu Anleihen seine Zuflucht zu nehmen, da freiwillige Beiträge nicht einliefen. Zu einer Dotation für das Rabbinerseminar und für eine israelitische Primärschule würden sich nur magere Zuflüsse eröffnen. Wie anders sei dies in Deutschland und anderen Ländern! Hier sei der Eifer für wohlthätige Zwecke, für Waisen- und Krankenhäuser, für arme Studirende und mit Gebrechen behaftete Glaubensgenossen sehr lebhaft, aber nicht minder für Cultus- und Schulzwecke. Die Arch. isr. haben Recht; in Berlin erhebt sich eine große und prächtige Synagoge nach der anderen, und ebenso werden in den kleinsten Ortschaften alle Kräfte angestrengt, um gottesdienstliche Stätten zu errichten und sie auf's Angenehmste auszustatten. Sind doch die Baukosten allein nicht genügend, sondern es muß zugleich für Vorbeter, Prediger und die anderweitigen Requisiten des Cultus gesorgt werden. Tie Arch. isr. finden schließlich einen Grund für diese Erscheinung gerade in dem staatlichen Cultusetat, durch welchen ' die Juden der Sorge für ihre Cultusbedürfnisse enthoben werden, während sie in den übrigen Staaten hierfür selbst! sorgen müssen. Dies ist richtig, schließt aber andere Ursachen nicht aus, besonders die immer wachsende Gleichgültigkeit gegen den Gottesdienst, die religiöse Bedürfnißlosigkeit, die stets abnehmende Pietät. Und hierbei kommen wir auf die Consistorien zurück. Die Unthätigkeit der Cousistorien, die durch dieselben genährte Stabilität und Zurückweisung aller Cultusfragen, aller Reformen, muß nothwendig eine völlige Indifferenz gegen Wahlen zum Consistorium nach sich ziehen. Der Ehrgeiz selbst, in biefeu Konsistorien zu sitzen, mutz bei der inneren Bedeutungslosigkeit dieser Instanzen abstumpfen, so daß diejenigen Persönlichkeiten, welche in dieselben einzutreten wünschen, auf keine Hindernisse stoßen. Großbritannien. Frankreich. Paris, 18. Nov. (Privatmitth.) In der jüngsten Nr. (vom 15. November) erheben die „Archives israelites eine lebhafte Klage über den geringen Sinn der Pariser Glaubensgenossen für synagogale und Schulzwecke. Die Veranlassung hierzu entnehmen sie von der im nächsten Monat bevorstehenden Wahl der Hälfte der Mitglieder des Central- und aller Consistorien Frankreich's und Algeriens, einer Wahl, die alle vier Jahre stattfindet. In früheren Zeiten habe sich eine lebhafte Theilnahme für diese Wahlen durch häufige Vorj London, 10. November. (Privatmitth.) Nicht blos die Juden Londons, sondern ganz Großbritanniens, haben einen schweren Verlust durch den am 5. November erfolgten Tod des Dr. Louis Löwe erlitten. Er war im Jahre 180t) in Zülz (Schlesien) geboren und hatte somit das 80. Lebensjahr erreicht. Durch vielseitige Sprachkenntnisse ausgezeichnet, traf er in Rom mit Sir Moses und Lady Judith Montefiore zusammen, und erregte deren Zuneigung so sehr, daß sie ihn zum Begleiter auf ihren Orientreisen und zu ihrem Sekretär machten. Damals schrieb er die „Briefe aus 48*

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