Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 52 (1888)
- Issue
- Heft 48 (29.11.1888)
- Date
- 1888-11-29
- Page
- Seite 762 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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762 auf diese Weise ein -die Kunst förderndes Institut aus den Mitteln eines jüdischen Mitbürgers errichtet werde. Herford, 13. November. Der Conrector Blanc, der Führer der Nationalliberalen, veröffentlicht ein langes Schreiben, um sich und den Oberbürgermeister Dr. Miquel wegen der Wahl Stöcker's in Bielefeld zu rechtfertigen. Die einfache Antwort lautet: qui s’excuse, s’accuse. Die Thatsache bleibt, daß Stöcker durch die Stimmenthaltung nationalliberaler Wahlmänner mit knapper Mehrheit gewählt ward. Duisburg, 15. Nov. (Frkf. Ztg.) Der schon im vorigen Jahre angekündigte antisemitische Feldzug am „freien Rhein" ist gestern Abend eröffnet worden, und zwar durch eine öffentliche Versammlung in Duisburg, zu der die Einladung vom „Deutschen Reformverein" in Essen ausging. Die hiesigen Zeitungen scheinen durchgehend die Bekanntgabe verweigert zu haben, und die Veranstalter mußten sich mit dem Vertheilen von Zetteln in den Wirthschaften begnügen. Herr Liebermann von Sonnenberg hielt einen Vortrag über „Was wollen wir Antisemiten?" Es ist nicht wahrscheinlich, daß der Berliner Herr in Duisburg noch einmal öffentlich auftreten wird, denn eben „gastfreundlich" hat man ihn gestern Abend hier nicht behandelt. Gut die Hälfte der Versammlung bestand aus Gegnern der antisemitischen Bewegung oder Gleichgültigen, besonders waren die Socialdemokrateu zahlreich vertreten. Einige feudal klingende, jedenfalls am Rhein sehr unvorsichtige Aeußerungen des Herrn Liebermann, wie z. B. „der vierte Stand", waren den Socialdemokraten Wasser auf die Mühle. Statt zum Zeichen der „Wiederbelebung des Antisemitismus in Duisburg" gestaltete sich die gegen Mitternacht endende, in der zweiten Hälfte sehr stürmische Versammlung eigentlich zn einer socialdemokratischen Kundgebung, und der gewaltig dagegen protestirende Herr Liebermann wurde wiederholt niedergeschrieen. Es traten nach Beendigung des Vortrags einige socialdemokratische „ Correferenten" auf, welche die Gelegenheit geschickt ausnützten und jedenfalls den Erfolg des Abends für sich zn verzeichnen haben. Witten, 20. Nov. Der Antisemitismus zieht nicht mehr, selbst nicht in Witten, der Hochburg der westphälischen Antisemiten — davon zeugte die gestern Abend hier abgehattene, pomphaft angekündigte „große Volksversammlung", in welcher Herr Liebermann von Sonnenberg die Frage beantworten wollte: „Wen wählen wir bei den nächsten Reichstagswahlen?" Denn nur etwas über 200 Zuhörer hatten sich zusammerigefunden, während die antisemitischen Redner es hier gewohnt sind, vor ca. 1000 Personen zu sprechen. Und wenn Herr Liebermaun sein Publikum noch einmal so langweilt, wie er es gestern mit seinem zweistündigen Vorträge gethan hat, so wird es mit dem Antisemitismus bald reißend bergab gehen. „Gott behüte mich vor meinen Freunden", wird Herr Dr. König jedenfalls gedacht haben, als er gestern die klägliche Jeremiade des Herrn Liebermann über seinen glänzenden Durchfall bei den Landtagswahlen in Hessen mit anhören und die einschläfernde Wirkung derselben beobachten mußte. Daß die Hessen ihn nicht gewählt haben, ist nach Herrn Liebermanns Ansicht Schuld des „elendesten aller Wahlgesetze" und der unerhörten amtlichen und jüdischen Beeinflussung; gegen den Landrath allein könne man schon siegen, auch gegen die Juden allein; aber wenn Landrath und Jude Arm in Arm in den Wahlkampf einträten, so sei ein Sieg unmöglich. Die von Kaiser Wilhelm gerühmten Wahlen in Breslau seien echt antisemitische gewesen; eine gründlichere antisemitische Rede als Herr Prof. Stengel in Breslau gehalten habe, könne niemand halten. Zum Schlüsse erklärte Herr Dr. König, daß bei den nächsten Reichstagswahlen ein antisemitischer Kandidat ausgestellt werde; die Nationalliberalen hätten es durch ihr Verhalten gegen Stöcker nicht besser verdient; ein Sieg sei sehr wohl möglich. Liegnitz, 19. Nov. (Privatmitth.) Vorige Woche haben in hiesiger Stadt die Wahlen der Sadtverordneten stattgefunden. Unter den Candidaten, welche zur Wahl standen, war auch unser erster Vorsteher der Synagogengemeinde, Herr Kaufmann Heinrich Cohn. Derselbe ist schon seit 14 Jahren in der Stadt-Versammlung thätig und wird in allen Kreisen der Bürgerschaft, sogar auch von politischen Gegnern, als einer der tüchtigsten Männer bezeichnet. Einen Beweis dafür geben die Stimmen, welche Herr Heinrich Cohn am Montag in der dritten Abtheilung erhalten hat. Von 653 abgegebenen Stimmen erhielt derselbe 632. Es ist wirklich sehr erfreulich, daß gerade in einer Zeit, wo der Antisemitismus wieder kühner als je das Haupt erhebt, die Verdienste eines unsrer Glaubensgenossen in jeder Weise anerkannt werden. Dies möge auch zur Ehre der Liegnitzer Bürgerschaft hiermit veröffentlicht sein. — Oesterreich-Ungarn. Wien, IC. November. (Privatmitth.) Vor einiger Zeit schien es, als ob die hiesige „demokratische Partei" mit den Antisemiten Hand in Hand gehen wolle. Eine Folge davon war, daß die demokratische Partei immer mehr zusammenschrumpfte. Da ermannte sich der alte Führer derselben, der Abg. Kronavetter, um gegen die Antisemiten zu protestiren und die echten Demokraten um sich zu sammeln. Wir haben berichtet, wie die Antisemiten in eine desfalsige Versammlung der Demokraten eindrangen und dieselbe durch Toben und Tumultuiren unmöglich machten. Krouavetter ließ sich nicht beirren, veranstaltete eine neue Versammlung, von welcher er die Antisemiten fern zu halte» wußte. Die Versammlung der echten Demokraten erklärte, daß sie sich