Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 52 (1888)
- Issue
- Heft 48 (29.11.1888)
- Date
- 1888-11-29
- Page
- Seite 761 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3224737-3227717-3227766--45790-3265324- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
761 ‘z&eibwvi^vuxc Deutschland. Berlin, 22. Nov. Die preußische Universitätsstatistik hat neuerdings eine erhebliche Umgestaltung erfahren, indem seit dem Winterhalbjahr 1886/87 über jeden Studirenden eine Reihe von Personalnachrichten gesammelt wird, welche Lebensalter, Staatsangehörigkeit, Vorbildung, Fakultät, Studienalter, Religionsbekenntniß, Militärverhältniß, Stand des Vaters rc. betreffen. Das derart geförderte Urmaterial wird im königlich statistischen Bureau zu tabellarischen Uebersichten verarbeitet. Diese Statistik für das Winterhalbjahr 1886/87 und das Sommerhalbjahr 1887 wird in dem bald erscheinenden 102. Hefte des amtlichen Quellenwerkes der „Preußischen Statistik" veröffentlicht werden. Wir werden darauf zurückkommen, da wir hierdurch auch über die jüdischen Studirendeu in Preußen Kenntniß erlangen werden. Breslau, 21. Nov. (Privatmitth.) Die Breslauer Wahlen zum preuß. Abgeordnetenhause haben durch die sich daran knüpfenden Ereignisse die allgemeine Aufmerksamkeit auf sich gezogen. Es scheint daher angemessen, sie in einem Stücke näher zu kennzeichnen. Nach der Wahlmännerwahl und vor der Abgeordnetenwahl hielten die Kartellparteien eine gemeinsame Versammlung ab. In dieser war der Hauptredner Professor Dr. Freiherr von Stengel. Er zollte derselben nach dem Berichte der „Schles. Ztg." den Dank dafür, daß sie das Erlösungswort vom Befreiungskampf von dem jüdisch-fortschrittlichen Ring gesprochen. Es sei kein Heldenthum, auf die Juden zu schimpfen, und die Frage werde nicht gelöst, wenn man einem unverschämten Judenbengel eine Ohrfeige heruuterhaue. (Beifall.) Aber Redner will auch nicht zu denen gehören, die bei einer Angelegenheit wie die Wucherfrage nicht einmal das Wort „Jude" aussprechen mögen. (Beifall.) Es sei auch keineswegs nur höherer oder niederer Pöbel, der die Judenfrage verhandle, und mit ihr werde durchaus nicht an die geineinsten Motive appellirt, sondern es handle sich einfach nur um die Empörung gegen das Beherrschtsein durch eine fremde Minderheit. (Lebhafter Beifall.) Ein Theil der Kartellistcn stehe auf verschiedenem Boden (Rufe: Leider!) aber die Sache liege doch so, daß im Freisinn ein guter Theil des Judenthums zu bekämpfen sei. (Bravo!) Ein gegnerisches Flugblatt trete dieser Auffassung mit einer Statistik entgegen; nun, die Herrschaft des Judenthums auf vielen Gebieten in Breslau sei doch mit Händen zu greifen. (Beifall.) Am kommenden Dienstage bei der Wahl werde man nur nöthig haben, sich die Physiognomien anzusehen. (Stürmischer Beifall.) Der Druck auf den Abhängigen sei überall vorhanden, nur sei er auf der gegnerischen Seite stärker und widerlicher, weil von einer uns fremden Seite ausgehend. Es sei besser, ein stolzer Sohn Germanins zu sein, als ein Knecht Sems. — Wie übrigens die Konservative» über das Produkt des Kartells urtheilen, ersieht man aus den Auslassungen der „Kreuzzeitung". Dieses Blatt sagt u. A.: „Wir zählen uns zu demselben Kartell, dem auch die „Köln. Zeitung" angehört, obwohl cs sich in Breslau antisemitisch genug verhalten hat. Wir, die Breslauer „Judenhetzer" und die „Köln. Ztg." sind also „politische Freunde", sie mögen nun wollen oder nicht. Was meint das Blatt zu dieser „Logik der Verhältnisse?" Wir rathen ihm, sich damit abzufinden und das nächste Mal hübsch — konservativ zu stimmen, wie wir vor anderthalb Jahren nationalliberal gestimmt haben. Anno 1895 kommen dann die Antisemiten an die Reihe." In der That ist es nicht zu verkennen, daß unter den gegenwärtigen Ereignissen die Antisemiten ihr Haupt von Neuem aufrichten. Breslau, 16. Nov. Der Kaiser und König Wilhelm II. hat bei seinem Aufenthalte in Breslau sich zweimal dahin geäußert, daß er „über den Sieg der Kartellparteicn bei den jüngsten Landtagsivahlen in der Stadt Breslau und die vortrefflichen Wahlen der hiesigen Stadt sehr erfreut sei." Diese Wahlen bestehen in einem Conservativen, einem Freie onservativcn und einem antisemitischen Hetzredner. Wir glauben,! daß der letztere Umstand dem Kaiser nicht bekannt gewesen sei, daß er also für die Conservativen, nicht aber für die Antisemiten seine Neigung ausgesprochen. Inwiefern diese! Aeußerung des Kaisers einen Einfluß auf die Weitcrcut ■ Wickelung der politischen Verhältnisse im preußischen Staate und im deutschen Reiche haben werde, kann jetzt noch nicht übersehen werden. Was die Stadt Breslau selbst betrifft, so wird sie sich darüber bei der bevorstehenden Ersatzwahl zum Reichstage für den verstorbenen Abg. Kräcker kundgeben. Leipzig, 19. Nov. Also doch! Die hier erschienene Broschüre des Rabbiners I>r. Wiener in Oppeln, enthaltend ■ zwei Gedüchtnißreden auf die Kaiser Wilhelm I. und Fried- : rich III., ist heute wegen Majestätsbeleidigung beschlagnahml i worden. (Es ist das erste Mal, daß die Schrift eines Rabbiners! wegen Majestätsbeleidigung beschlagnahmt worden. Red.) Königsberg i. Pr. Im November. Die jüngste Stadtverordnetenversammlung hat über die Verwendung einestheils des großen Legats des sel. Geheimraths Simon an die Stadt Königsberg berathen. Man will einen Theil des Legats zur Erbauung eines städtischen Kunstmuseumgebüudes, in welches die der Stadt zugehörigen Kunstwerke hineinkommen sollen, verwenden. Wir können es nur erfreulich finden, daß 48