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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1888-11-29 · Heft 48 (29.11.1888) · p. Seite 760

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
52 (1888)
Issue
Heft 48 (29.11.1888)
Date
1888-11-29
Page
Seite 760 (sequence 8)
Language
German
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760 merken. Die auch in dieser Zeit, besprochene Predigt des Großrabbiners Astruc in Bayonne „La Ctae Israelite “ (der Pessach-Seder) kam auch nach Spanien und veranlaßte hier den Redacteur der Zeitung Las Dominicales in Madrid in seiner Nr. vom 20. October eine Recension dieser Broschüre zu schreiben, welche voller Anerkennung, nicht blos für den Verfasser, sondern für das Judenthum und dessen Bekenner sich ausspricht und die vorzüglichsten Stellen der Rede wiedergiebt. Herr Astruc glaubte diese edle Demonstration des spanischen Schriftstellers, Herrn Ramon Chies, nicht unbeantwortet lassen zu müssen, und ich sende Ihnen eine Abschrift seines Schreibens, aus welchem zugleich die Ideen ersichtlich sind, welche den hochherzigen Spanier beseelen. Bayonne, 31. Oct. 1888. Geehrter Herr! Ein mir unbekannter Freund hat Ihnen meine Predigt vom 27. März „La Cfene Israelite“ übersandt. Dieser Sendung verdanke ich Ihren Brief vom 21. d. M. und Ihren Artikel von demselben Tage in den „Dominieales tlel libreliensamuento“. Brief und Artikel sprechen über meine Arbeit wie über meine Person ein mehr als ehrenhaftes Urtheil aus. Ich erkläre es mir aus den edlen Gefühlen desjenigen, der ihr Verfasser ist. Als Apostel der Gerechtigkeit, als Vertheidiger der Rechte der Menschheit haben Sie über die Berge hinweg einem Manne die Hand gereicht, den die Geschichte seines Volkes^ aber besonders seine Ueberzeugungen und seine Pflicht zur Vertheidigung aller derer geführt haben, welche unter einem Elend oder irgend einem Drucke leiden. Sie haben sich nicht damit begnügt, den Mann und sein Werk zu beurtheilen, Sie haben Ihre Sympathie für den einen wie für den anderen ausgedrückt und auch dem jüdischen Volke selbst ein ehrliches Lob zugesprochen wegen seiner unerschütterlichen Festigkeit, mit welcher es seine Aufgabe erfüllt und seine Einigkeit aufrecht erhalten hat. Ich bin glücklich, daß Ihr Gefühl nach dieser Hinsicht, wie Sie mich versichern, dasjenige einer großen Anzahl Spanier ist. Diese Aufgabe wird Israel in der Zukunft wie in der Vergangenheit erfüllen und so wird es sein ewiges Siegel bewahre». Es hält daran fest in der Gegenwart. Trotz gewisser Abtrünniger (welche Partei, welcher Kultus hat solche nicht?) hören wir nicht auf, die Kräfte, welche wir besitzen, dem Dienste aller derer zu weihen, welche leiden, ohne Unterschied der Nationalität und des Glaubens. — Die Antisemiten geben an, unter uns nur Kaufleute, Banquiers, Geldmacher zu sehen; das ist Verleumdung. Wir haben eine Menge Beamte, Ingenieure, Aerzte, Professoren, Journalisten, Literaten und Gelehrte; wir besitzen Militärs vom einfachen Soldaten bis zum General und im Institut de France giebt es zehn Juden. Was unsre Banquiers betrifft, die Bischofsheim, die Fould, die Furtado, die Goldschmidt, die Heine, die Pereire, die Rothschild, so geben sie mit vollen Händen Millionen, um das Wohlergehen der unteren Classen durch Unterricht und Arbeit zu sichern. Ich gebe Ihnen die Versicherung, sie werden damit fortfahren. Diener der allgemeinen Bruderliebe, werden wir die überzeugten Anbeter eines einzigen Gottes bleiben, von dem wir glauben, daß er unser Vater, unser Gesetzgeber und unser Richter ist; schon beinahe dreitausend Jahre bekennen wir die Nothwendigkeit einer rationellen Religion für die Menschen. Nach unserer Auffassung bietet sich der Gottgedanke den Menschen unter den verschiedensten Formen, um das Gewissen zu wecken und das Pflichtgefühl hineindringen zu lassen. Ein großer jüdischer Denker, 1135 in Cordova geboren, Maimonides, betrachtet das Christenthum und den Islam als die Welt darauf vorbereitend, nur Gott zu dienen. (Maimonides, Jad- Hachasaka, Melachim 2. 2.) Wir glauben, und ich glaube diesen Gedanken in Ihrem Artikel zu sehen, daß man die Religionen nicht bekämpfen, sondern von ihrem Entstehen an im Lichte der Wissenschaft erforschen und dahin führen soll, die erhabene Aufgabe zu erfüllen, .welche ihre Gründer ihnen gestellt haben. Die Völker haben zuletzt immer die Religion und die Geistlichkeit, welche sie wollen. 11m nur von Frankreich zu sprechen, so erinnern Sie sich an die religiösen Bewegungen von 1789, 1830 und 1848 und an Gregoire, Frayssinons, Lamennais, Lacordaire, Gratry. Der Katholicisinus ist also nicht unverträglich mit der Freiheit. Ich habe das Vertrauen, daß Spanien binnen Kurzem diese Erfahrung machen wird. Entschuldigen Sie, geehrter Herr, daß ich fo mit Ihnen nach meinem Gutdünken spreche. Die Ursache davon liegt in der Sympathie, welche Sie mir nach verschiedene» Seiten hin cinflößten. Da ich von den im Jahre 1492 vertriebenen Juden abstamme, so liebe ich Spanien. weil unsere Väter in seinem Staube schlummern, weil es die Schwester Frankreichs und unsere Mutter ist. Ihr Elie A. Astruc, Großrabbiner von Bayonne.

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