Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 52 (1888)
- Issue
- Heft 48 (29.11.1888)
- Date
- 1888-11-29
- Page
- Seite 759 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3224737-3227717-3227766--45788-3265322- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
759 gen zu danken hat. Sv hat jeder große Mann seine Schwächen. Auf dem internen Gebiet des Judenthums ist eine benierkcnswerthe Geschichte vorgefallen: die Abweisung eines Versuches, eine czechische Synagvgengemcinde in Prag zu gründen. Ein Prager Synagogenverein hat nämlich seit einigen Jahren des aufstrebenden czechischen Nationalgefühles sich bemächtigt, um dieses Gebiet für seinen Zweck zu cnltiviren. Die Theilnahme an diesem Verein ist allerdings keine sehr starke, obwohl unter den Juden Prags auch czechische Patrioten, darunter mehrere Landtagsabgeordnete, sich finden. Auf dem Lande ist das Bedürfniß nach Czechisirung des Cultus schon in stärkerem Maße vorhanden, da im Religionsunterrichte an czechischen Anstalten die czechische Unterrichtssprache nothwendig und im Cultus, besonders bei Grabreden and patriotischen Feierlichkeiten, die czechische Predigt mindestens erwünscht ist. Der Verein „Or Tamid", welcher die czechische Synagoge in Prag gegründet hat, verlangte nun für seinen Rabbiner die öffentliche Anerkennung als Trauungsfunctionär, ein Recht, das in großen Städten sehr häufig den Predigern von Synagogenvereinen, die nicht von der Gemeinde angestellt sind, gewährt wird, und in Prag auch mehreren ertheilt wurde. Von den ordentliche» Instanzen abgewiesen, wandte sich der Vorstand des „Or Tamid" mit einer Beschwerde an den Verwaltungsgerichtshvf, welcher dem Regierungsvertreter beipflichtete, daß man die jüdischen Angelegenheiten nicht noch mehr verwirren solle, als sie thatsächlich find, und den Recurs abwies. Kein Freund der Religion wird es für wünschenswerth ansehen, daß man die Religion in den Dienst politischer Bestrebungen stelle; auch ist nicht anzunehmen, daß in Prag, welches 30,000 Deutsche zählt, die Juden, die ja alle des deutschen mächtig find, das Bedürfniß hätten, die untergeordneten Theile der Liturgie, welche sonst in der deutschen Sprache vorgetragen werden, czechisch zu hören und an einer czechischen Predigt sich zu erbauen. Es läßt sich aber anderseits nicht verkennen, daß die Gemeinden der größern Städte durch die aus Gemeindemitteln erhaltenen Rabbiner die Seelsorge nicht vollständig auszuübe» vermögen, so daß innerhalb der Gemeinde sich erst Vereine bilden müssen, um dieses Bedürfniß zu befriedigen. Die Folge muß eine kleinliche Concurrenz um Erweiterung der Machtbefugnisse und eine Lockerung des Gefühls der Gemeindezugehörigkeit sei». Auch ist es nicht zu vermeiden, daß das religiöse Leben darunter leidet, wenn der Rabbiner, was bei der wechselnden Bevölkerung der Großstädte schon an sich sehr schwer ist, durch die nnverhältnißmäßig große Zahl seiner Gemeindemitglieder, gar nicht in die Lage kommt, jsie näher kennen zu lernen, und des Einflusses auf sie ganz beraubt wird. Diese Schwierigkeiten haben wir Wohl zum Theile mit andern Confessionen gemein, jedoch sind sie bei uns von viel größerer Tragweite. Es ist ganz merkwürdig, daß auf der einen Seite zwischen den Gemeinden mehrerer Städte, gar kein Bindeglied besteht, während innerhalb einer Gemeinde eine schädliche, gewaltsame Centralisation Platz greift, von der nur zu hoffen ist, daß, wenn die Verhältnisse der Bevölkerungsbewegung wieder stabilere geworden sind, auch hier eine Aenderung Platz greifen werde. Das Judenthum ist von jeher darauf hingewiesen worden, in kleinen Rahmen Großes zu erzielen. „Nicht um eurer Menge willen, hat Gott Wohlgefallen an Euch gefunden", sagte Moses zu der ältesten Gemeinde Israels. Bayonne, 20. Novemb. 1888. Spanien. Seit 1812 herrscht in der spanischen Nation ein beständiges Ringen zwischen dem Liberalismus und der Reaction in Verbindung mit dem Clericalismus. Wer die Geschichte Spaniens seit jener Zeit bis zum heutigen Tage durchmustert, der sieht diese Nation an immerwährenden Krämpfen und Zuckungen leiden. Der Carlismus, d. i. der legitime Absolutismus hat die blutigsten Bürgerkriege angestistct und ist noch heute nicht ganz überwunden. Unter dem Schatten des Constitntionalismus ringen die Reactionären, welche, wenn nicht den monarchischen, doch den ministeriellen Absolutismus wollen, die gemäßigten Liberalen und die Republikaner mit einander. Erst in den jüngsten Tagen haben heftige Volksdemonstrationen gegen die Reactionären stattgefunden. Mit der Verbreitung liberaler Ideen ging das Princip religiöser Duldung Hand in Hand, und so oft diese einen zeitweiligen Sieg errangen, dachte man daran, die völlige Gleichberechtigung der Protestanten und der Juden durchzuführen. Aber diese Zeitpunkte gingen immer wieder rasch vorüber und die desfalsigcn Berfassungsbestimmnngen wurden von den Nachfolgern illusorisch gemacht. Die mehrfachen Versuche, welche von Juden selbst gemacht wurden, um freie Niederlassung nnd Religionsfreiheit in Spanien zu erlangen, scheiterten zwar immer an diesen Umständen, riefen aber stets, namentlich in der spanischen Tagespresse, Anerkennung und Znstimmnng hervor. Man muß demnach die Weiterentwickelung der spanische» Ration, die wachsende Verbreitung der liberalen Grundsätze innerhalb des Volkes selbst abwarten. Als ein Symptom vom Tage haben wir Folgendes zu bc-