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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1888-11-29 · Heft 48 (29.11.1888) · p. Seite 758

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
52 (1888)
Issue
Heft 48 (29.11.1888)
Date
1888-11-29
Page
Seite 758 (sequence 6)
Language
German
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758 hoffe«, daß gerade die eingangs besprochene Hinneigung der Regierung zur feudal-clericalen Partei die liberalen Elemente wieder zur Selbstbesinnung bringen wird. Allerdings zeigt sich in den Reihen der, den Antisemiten am nächsten stehenden deutschen Politiker noch immer nicht ein Anzeichen der Einsicht, daß das Wachrufen der nationalen Leidenschaften durch Angriffe auf das Judenthum nur den Acker der Clericalen düngen hilft. So hat Steinwender in den parlamentarischen Ferien aus einer Wählerversammlung zu Villach als Beweis für die Mißwirthschast in der österreichischen Finanzpolitik angeführt, daß Rathaniel Rothschild keine Einkommensteuer zahle. Diese Aeußerung soll wohl, in das richtige Deutsch der deutschnationalen Vereinigung übersetzt, heißen: „Der Bauer wird geschunden, und der Jude zehrt an seinem Mark"; denn, daß ein Ausnahmsgesetz für Rathaniel Rothschild oder für die sreiherrliche Rothschild'sche Familie oder für die Juden überhaupt bestehe, könnte und kann Steinwender nicht behaupten. Hingegen ist es richtig, daß der Geldsürst, ebensowenig wie der gräfliche oder fürstliche Latifundienbesitzer, von den Steuern so hart getroffen wird, als der kleine Kaufmanns- und Bauernstand. Der Letztere erfährt noch einen staatlichen Schutz, indem bei einem schweren Unglück, wie z. B. Hagelschlag, Ueberschweniinung oder Mißwachs der Staat dem Landmanne nicht nur durch Steuernachlaß, sondern auch durch Vorschüsse zu Hilfe kommt. Wer aber hilft dem Kaufmanne, der durch plötzliche» Preisrückgang seiner Maaren, .durch unverschuldete Verluste oder andere Unglücksfälle hart mitgenommen wurde? Die Mehrzahl der Juden besteht nun aus kleinen Kanfleuten. Der junge Man» eröffnet mit den Ersparnissen seiner Dienstzeit oder mit dem mäßigen Vermögen, welches er erheiratet hat, ein Geschäft. Er muß als Anfänger ein reiches Waarenlager halten und in den Preisanfordcrungen seinen Kunden aufs Möglichste entgegenkommen; er arbeitet also mit geringem Gewinne und großem Risico, und doch wird er gleich von allem Anfang, d. h. noch ehe er thatsächlich irgend ein Einkommen hat, zur Einkommensteuer mit allen ihren Zuschlägen herangezogcn, und hat dabei noch zu befürchten, daß seine Erwerbsgenossen aus Concurrenzneid dem Steuerbeomten gegenüber sein Geschäft so günstig als möglich abschätzen. Hält das einen Vergleich mit dem Bauern aus, dessen Grundbesitz doch immerhin einen ziemlich gleichmäßigen Gewinn Jahr für Jahr abwirft? Sind aber die Reichen gerade die Juden? Wenn daher jemand als Gegenbild für den schwerbelasteten Bauern Rathanicl Rothschild anführt, so ist das nicht das aufklärende Bestreben eines ernst denkenden Politikers, sondern ein demagogisches Mittel, durch Aufstachelung der niedrigen Leidenschaften sich die günstige Meinung des Haufens zu erwerben. Selbstverständlich haben sich die Antisemiten des Reichsraths noch nicht gebessert. Billigerweise können wir das auch nicht verlangen, denn was wären diese Herren, wenn sie nicht Antisemiten wären? Herr Türk hat auch schon in den ersten Sitzungen behauptet, daß das Judenthum Schuld an der Sozialdemokratie trage. So soll es auf der einen Seite die capitalistische Production verschulden, welche eben von den. Sozialdemokraten so heftig bekämpft wird, ans der andern Seite wieder das entgegengesetzte Uebel bewirken und den Leuten die Lehre, daß Vermögen Diebstahl sei, in den Kopf gesetzt haben. Wenn einmal ein Jude behaupten wollte, daß die christliche Anschauung: „Besitz ist Sünde", die sich au viele» Stellen der Evangelien deutlich ausgesprochen findet, wie z. B. „eher geht ein Kamel durch ein Nadelöhr, als ein Reicher in den Himmel" (Marc. 10. 25.) oder „ihr könnt nicht Gott dienen und dem Mammon" (Matth. 6. 25), der eigentliche Grund für die Bedrohung der gegenwärtigen Gesellschaftsordnung durch die Sozialisten sei, was übrigens auch ein angesehener christlicher Theologe, Albert Ritschl, von der scholastischen Auffassung des Christenthums kürzlich behauptet hat, so müßte man fast fürchten, daß die Zeiten des Glaubens an die durchstochenen Hostien wiederkehren würden. Die Antisemiten im Reichsrathe haben allerdings für Schönerer einen Ersatzmann bekommen. Es ist ein antisemitisch-sozialistischer Agitator Pater Eichhorn, der seine Politik wohl cum lieentia superiorom treiben wird, aber trotzdem den Antisemitismus, den er schon früher im „Vaterland" literarisch vertrat, nun auch auf der Rednertribüne des Abgeordnetenhauses zur Geltung bringen kann. Er muß auch wohl oder übel den Antisemitismus neben dem Clerikalismus als sein Prinzip erkennen, weil er in Schönerer's Wahlkreis, wenn auch nur mit relativer Majorität, gewählt wurde. Sein Vorgänger, der Gutsherr von Rosenau, hat allerdings die Genugthuung, daß seine Heerde ihm treu geblieben ist, denn er erzielte noch immer bei der letzten Wahl die relative Stimmenmajorität, so daß er, wenn er überhaupt wählbar gewesen wäre, in die engere Wahl hätte kommen müssen und höchstwahrscheinlich das Mandat erhalten haben würde. Das mag ihn für seinen Verlust des Adels trösten, den der große Demokrat sehr schwer verwindet, denn sein Blatt, „die unverfälschten deutschen Worte" auf dessen Titelblatt früher zu lesen war, „herausgegeben von Georg Ritter von Schönerer", trägt jetzt die Aufschrift „gegründet von Georg Ritter von Schönerer", seit der Herausgeber der Ehre verlustig geworden ist, welche sein Vater der geschäftlichen Verbindung mit Rothschild'schen Eisenbahngründun-

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