Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 52 (1888)
- Issue
- Heft 48 (29.11.1888)
- Date
- 1888-11-29
- Page
- Seite 757 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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757 sucht. Trotzdem wäre es ungerecht, den Rabbinern die Schuld daran aufzubürden, denn die wifsensfeindliche Richtung war noch in der ersten Hälfte unseres Jahrhunderts ausnahmslos die theologische Anschauung aller Rabbiner. Und doch konnte der im Jahre 1842 verstorbene Salomo» Hirschel in London, ebenso wenig wie sein Zeitgenosse Salomon Tictin in Breslau, oder die noch in den 70er Jahren wirkenden Rabbiner Jakob Etlinger in Altona und Bamberger in Würzburg auf ihre Gemeinden, in denen sie doch sonst sehr angesehen waren, nicht soweit einwirken, daß sie dort den religiösen Obscurantismus, wie er in Galizien herrscht, eingepflanzt hätten. M. S. Ghirondi in Padua, der in den 50er Jahren starb, war wohl ein gebildeter Mann, aber so streng kabbalagläubig, daß er sogar die Wirksamkeit der kabbalistischen Amulette zu vertheidigen unternahm. Nun müßte sich doch der denkende Beobachter der jüdischen Geschichte die Frage vorlegen, wie es kam, daß trotzdem heute Italien in seinen jüdischen Gemeinden durchwegs nur religiösen Freisinn zeigt, und nothgedrungen muß man zn dem Schlüsse kommen, daß die Gemeinden cs sind, welche sich ihre Rabbiner erziehen und nicht umgekehrt. Allerdings hat Herr v. Königswarter.damals sicherlich in der edlen Absicht gehandelt, zu zeigen, daß wir Juden nicht blind gegen unsere eigenen Schwächen sind, und er hatte ferner wohl einigen Anlaß, die Verhältnisse Galiziens in ihrem Gegensätze-zu den westeuropäischen zu beleuchten, da ja seiner Zeit die galizischen Rabbiner, vertreten durch den verstorbenen Simon Schreiber, eine Petition an das Abgeordnetenhaus übereicht haben, worin sie nichts Geringeres verlangten, als daß man alle diejenigen Gemeindemitglieder von der Leitung der Gemeinde und ihren Ehrenämtern ausschließe, welche ein Gebot des Schulchan Aruch wissentlich übertreten. Trotzdem sind es doch nicht die Rabbiner, welche diese» Uebelstand verschulden, wie man etwa in gleicher Weise gegen die katholische Priesterschaft mancher Länder solche Borwürfe erhebt, da jene ja nicht außer und über der Geineinde stehen, wie diese. Anderseits hat sich gezeigt, wie leicht eine solche Aeußerung der Mißdeutung ausgesetzt wird und wie dieser Mißdeutung gegenüber alle Erklärungsversuche als nachträgliche Abschwächungeii des Gesagten erscheinen. Unser Streben muß sein, das thatsächliche Gefühl der Zusammengehörigkeit, welches — man mag sagen, was man will — zwischen dem fanatischesten, chassidischen Rabbi und dem Wiener Bankier besteht, zu stärken, und unsere geistig zurückgebliebene» Brüder für das moderne Leben zu gewinnen. Außer dem niederösterreichischen Landtage, bot der Wiener Gemeinderath wiederholt in letzter Zeit das Schauspiel antisemitischer Debatten. Ein Herr widersetzte sich dem Anträge, eine Gasse nach dem ehemaligen Justizminister Julius Glaser zu benennen, der als Gelehrter wie als Politiker einen angesehenen, makellosen Namen hat, weil Glaser ein getaufter Jude war, was uns insoferne auch von Interesse sein kann, als wir wieder einmal sehen, daß das Judenthum auch demjenigen nicht vergeben wird, der es äußerlich verleugnet, und was uns zeigt, daß die Weisheit des alten Mordechai noch immer nicht überholt ist, der zu Esther sagt, „bilde Dir ja nicht ein, im Hause des Königs vor der Wuth der Feinde verschont zu bleiben." In einem andern Falle wurde einem jüdischen Gemeindcrath der Vorwurf gemacht, daß er als Jude von Moral nichts verstehen könne. Ganz sonderbarer Weise führen gerade die Männer die Moral im Munde, deren Handwerk nur die Verhöhnung der öffentlichen Ordnung neben Verleumdung und Verbreitung von Gehässigkeiten gegen ihre Mitmenschen ist. Wie weit es diese Herren gebracht haben, beweist die Thatsache, daß sie vor Kurzem in dem Vertretungskörper des 3. Wiener Stadtbezirkes die Majorität erlangt haben. Wenn nun allerdings diese Körperschaft bloß untergeordnete Berwaltungsgeschäfte zu besorgen hat, so ist es doch ein hübscher Anfang, daß eine Körperschaft der Stadtverwaltung eine antisemitische Majorität aufweisen kann. Uebrigens ist dieser Erfolg kein bloß theoretischer, denn der Bezirksausschuß hat das Recht, den Ortsschulrath zu wählen und kann somit schon etwas dazu thnn, um die von den Antisemiten erstrebte Ausschließung der jüdischen Lehrer auf seinem Gebiete zu besorgen. Das Bedeutendste wurde in der Wiener Rathsstube auf dem Gebiete des Antisemitismus durch de» Antrag geleistet, die Jude» von städtischen Lieferungen auszuschließen. Freilich wurde dieser Antrag nicht angenommen und seine Urheber haben sich wohl von vorne hinein einer solchen Täuschung nicht hiugegeben, aber, daß er gestellt werden konnte, ist an sich schon ein schwer wiegendes Ereigniß, wenn man daran denkt, daß er einer neuen Entwickelung jener Politik angehört, welche wir bereits für überwunden halten konnten. Tröstlich für uns ist jedoch der Umstand, daß es im Grunde nur Demonstranten sind, die auf diese Weise die öffentliche Meinung auf sich aufmerksam zu machen hoffen. Die große und ernste politische Welt nimmt diesen Vorgängen gegenüber eine abwehrende Haltung ein. Nach dieser Richtung hat die Eröffnung des Reichsrathes uns ein günstiges Symptom gezeigt. Die beiden Fractionen der deutschen Partei haben sich zu einer „vereinigten deutschen Linken" aneinander geschlossen und wollen mit der deutsch-nationalen Bereinigung, das ist, mit derjenigen Partei, welche sich von dem deutschen Club aus Anlaß der Petition gegen die Einwanderung russischer Juden, also aus antisemitischen Gründen, getrennt hatte, Fühlung suchen; hingegen ist von einer Verbindung mit dem Verbände der Deutsch-Nationalen, das ist, derjenigen Partei, deren Haupt Schönerer war, nicht die Rede. So können wir denn