Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 52 (1888)
- Issue
- Heft 48 (29.11.1888)
- Date
- 1888-11-29
- Page
- Seite 755 (sequence 3)
- Language
- German
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755 Am 10. November hielt der „internationale Gewerkschafts-Congreß in London" eine Schlußsitzung, in welcher einstimmig eine Resolution gefaßt wurde, welche sich für internationale Schiedsgerichte zur Verhinderung von Kriegen ausspricht. Es ist dies nichts Neues. Seit langer Zeit besteht eine internationale Friedensliga, die in Paris ihren Sitz hat. Wir erinnern uns, daß in der liberalen Aera eine Zusammenkunft deutscher und österreichischer Abgeordneter geplant wurde, um eine allgemeine Abrüstung herbeizuführen. Es ist dies nichts Anderes, als der alte Ausspruch der israelitischen Propheten über eine zukünftige Zeit, in welcher die Völker „nicht mehr den Krieg erlernen, ihre Schwerter zu Sicheln, ihre Speere zu Winzermessern verarbeiten werden," eine Weissagung, die selbst älter als Jesaia und Micha ist. Wir brauchen es nicht zu bemerken, daß alle derartigen Beschlüsse auf die wirklichen Verhältnisse der Gegenwart nicht den geringsten Einfluß üben und wohl noch lange nicht üben werden. Demungeachtet legen wir jenen einen großen sittlichen Werth bei; denn die geschichtliche Erfahrung hat bewiesen, daß die immer weitergreifende Verbreitung einer großen sittlichen Idee zuletzt doch zu deren Verwirklichung führt. Wir dürfen nur die Geschichte aller großen Reformen überblicken, um zu erkennen, daß deren Gedanken meist viele Jahrhunderte hindurch eben nur Gedanken waren, bis sie in den Geistern sich so tief einwurzelten, daß sie unwiderstehlich wurden. Man denke an die Leibeigenschaft, die Sklaverei, die Folter, die Hexenprocesse, das geheime Jnqnisitionsverfahren u. s. w. Zuletzt gesellen sich zu ihnen die materiellen Interessen und beschleunigen die Ausführung. Für die Gegenwart jedoch ist für die Erhaltung des Friedens das wichtigste Moment der Bestand des deutschen Reiches. Eine Nation von 46 Millionen Seelen inmitten der europäischen Staaten ist vom höchsten politischen Gewicht. Hat sie die 90 Millionen des Czarenreiches, die 38 Millionen Franzosen und ebenso viel in Oesterreich- Ungarn, die 36 Millionen Großbritanniens und die 28 Millionen Italiener um sich, so vermag sie dieselben in Schach zu halten, und zwar weil sie gerade die höchste Ausbildung des Militärwesens erreicht hat. Zur Vergrößerung der Macht eines Staates gehört aber vorzugsweise die nationale Einheit, welche dem russischen, ebenso wie dem österreichischungarischen Staate fehlt. Diese Einheit der Nation ist es, welche deshalb auch im deutschen Reiche zu einem unerläßlichen Bedürfniß geworden, uird es ist für dasselbe nichts bedrohlicher, als jedwede tiefer gehende Spaltung mit consessionellen, Classen-, Kasten- und Interessen - Motiven.— Dies führt uns zu einem anderen Characterznge unserer Zeit. Die Kriege während unseres Jahrhunderts unterscheiden sich in ihren Zwecken wesentlich von denen der früheren Zeiten. In den vorhergegangenen Jahrhunderten führten die Souveräne die blutigsten Kriege, um irgend einen Fetzen Landes in Besitz zu nehmen, während in unserem Säculum die Kriege Staaten bildende Zwecke verfolgen. Wir sehen ab von den Napoleonischen Kriegen, deren usurpatorische Erfolge nur vorübergehend waren. Schon der europäisch-türkische Krieg 1827 bezweckte die Gründung des griechischen Staates. Der Krimkrieg sollte die Vernichtung der Türkei als Staat verhindern. Die Kriege von 1864 und 1866 führten zum norddeutschen Bunde und zur Consolidirung des preußischen Staates, der von 1870 zum deutschen Reiche und zur Vollendung des italienischen Staates, zu welchem der Krieg von 1859 den Grund gelegt hatte. Die neuesten russisch-türkischen Kriege brachten den rumänischen, serbischen, montenegrinischen und bulgarischen Staat zu Stande, wenn letzterer auch noch scheinbar unter der Oberhoheit des Sultans steht. Unleugbar hat so der Krieg in unserem Jahrhundert einen höheren und würdigeren Zweck gewonnen und wird hierdurch die Aussicht eröffnet, daß je mehr die bestehenden Staaten sich consolidiren und befestigen, der Krieg seltener werden wird. Noch freilich stehen vielfach die Interessen der Staaten einander gegenüber und verursachen Spannung und feindselige Gesinnung. Nun, die menschliche Gesellschaft geht nur lang sam in ihren Fortschritten voran, aber die Ziele sind nicht mehr zweifelhaft. Brüx, im November 1888. politische Sciese aus Oesterreich. Von Rabbiner Dr. Deutsch. Graf Friedrich Schönborn ist Jnslizminister geworden. Das ist ein Zeichen der Zeit. Wir stehen im Wendekreise des Krebses. Man wird freilich im ersten Augenblicke verwundert fragen: Was geht uns als Juden ein neuer Justizminister an? Doch, sehr viel! Es ist schon an sich nicht gleichgiltig, daß man in maßgebenden Kreisen in der Heranziehung eines Mannes, der seine Carriere als Wortführer eines katholisch-politischen Vereines begonnen hat, nicht nur keine Gefahr, sondern im Gegentheil eine Stärkung der politischen Macht der Regierung erblickt. Bedenkt man nun außerdem, daß dieser Mann sich als Anhänger des katholischen Staates erklärt hat, indem er die Anlehnung der österreichischen Strafgesetzgebung an das deutsche Vorbild deswegen tadelte, weil das Land des Kulturkampfes nicht das Vorbild für unsere Verhältnisse sein dürfe, daß er sich für einen mit fünfjährigem Kerker bestraften Verbrecher in auffälligster Weise verwendete, weil dieser ein vom Protestantismus Lbergetretener adeliger Convertit war, so muß man sich gestehen, daß das Ministerium nunmehr einen Mann in 48*