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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1888-11-22 · Heft 47 (22.11.1888) · p. Seite 750

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
52 (1888)
Issue
Heft 47 (22.11.1888)
Date
1888-11-22
Page
Seite 750 (sequence 14)
Language
German
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750 weilen meisterhafte Schilderungen giebt, wie vom Leben in Ghetto und von den Rom umgebenden Gebirgen. Dahiel ist ein fromm erzogener Rabbinersohn, wird jedoch durch einen Mönch zum Christenthum bekehrt, und wieso? Weil er sich einreden läßt, daß er nur auf diese Weise seine Eltern, alle, die er liebt, seinen ganzen Stamm aus der ewigen Verdammniß erlösen kann. Dafür nimmt er den Fluch aller Seinigen auf sich und bricht seiner Mutter das Herz. Er kommt in's Franziskanerkloster. Hier geht die zweite Wandelung vor sich. Was er hier und außerhalb erfährt, zerstört alle seine Illusionen und macht ihn zum Zweifler und zum tief empörten Rebellen. Hat doch der Mönch, der ihn bekehrte, nur auf das Gebot des Abtes gehandelt, der des Jünglings um seiner schönen Stimme und seines Vermögens wegen habhaft werden wollte. Dieser Mönch stirbt durch Selbstmord. Eine Folge ist, daß es ihm geboten wird, in der Kirche seinen früheren Glaubensgenossen zu predigen — wie bekannt wurden die Bewohner des Ghetto zwei Mal jährlich in die Kirche getrieben, um Bekehrungspredigten anzuhören, er im Gegentheil von der Kanzel herab die Juden beschwört, dem Glauben ihrer Väter treu zu bleiben. Dafür wird er in ein Felsenkloster des öden Salimerklosters verbannt, und da er in seiner Unbotmäßigkeit fortfährt, in eine Felsenhöhle der Wildniß eingekerkert. Dritte Wandelung: er wird ein fanatischer Asketiker, so daß ihn die Hirten als einen Heiligen verehren. Vierte Wandelung: er wird von Ehrgeiz ergriffen, stürzt den Abt in den Abgrund und wird selbst Abt. Als solcher nimmt er aus der Stadt geflüchtete Juden in der Umgebung des Klosters aus, siedelt sie an, läßt sie aber verdursten, wobei seine eigenen Eltern umkommen. Endlich wird er entlarvt, er entflieht, wird Bandit und im Kampfe mit den Gensdarmen getödtet. Diese kurze Uebersicht wird genügen, um das Ungeheuerliche zu charakterisiren, welchem sich die übersprudelnde Phantasie des Dichters überläßt. Allerdings kann man voraussetzen, daß ein im Judenthum erzogener und unterrichteter Jüngling, der sich zum Christenthum bekehrt, psychologisch auch noch zu anderen Wandelungen fähig ist, aber derartige, wie sie Richard Boß schildert, gehen doch über alle seelische Wahrheit hinaus. Wer aus Liebe zu seinen Eltern das höchste Opfer bringt, soll sie später in fanatischer Wuth selbst tobten; wer sich aus freien Motiven bekehrt, soll hernach die Juden zur Treue in ihrem Glauben beschwören und dann doch wieder ein fanatischer Asketiker werden, um eine Anzahl Juden an sich zu locken und sie zum Tode zu bringen, und was der anderen Abgeschmacktheiten mehr sind, die der Dichter doch nur vergebens mit seiner glänzenden Farbengebung glaubhaft machen will. Vielleicht bezeichnet dieser Roman den äußersten Grenzpunkt, so daß lange hin ein Anderer sich an diesen Gegenstand nicht wieder macht. Wie weit ist es doch von dem Deronda der Eliot bis zu diesem Dahiel des Richard Voß! — O'tcp nDDN Poesies hebraiques par Armand Kaminka, cand. pbil. Paris, Durlacher, 18d8. Ein sehr elegant ausgestattetes Heftchen neuhebräischer Gedichte in Paris ist eine Seltenheit, wie der Großrabbiner Zadok Kahn in einer Zuschrift an den Verfasser ausspricht. Dieser letztere erklärt in seiner Vorrede, die Eigenthümlichkeit der neuhebräischen Sprache, die, völlig verschieden von der rabbinischen und talmudischen, sich fast an das biblische Hebräisch anlehnt, doch aber aus jener sich entwickelt und modificirt hat. Der Vers, weiß, daß diese Sprache vorzugsweise bei den osteuropäischen Juden lebt und glaubt, durch die neuhebräische Literatur, die durch ihr Elend so tief gesunkenen Stammesgenossen wieder zu beleben und zu neuer geistiger Blüthe gebracht zu sehen. Wir wünschen vom Herzen, daß diese Hoffnung in Erfüllung gehe. Tatsächlich freilich beschränkt sich auch innerhalb jenes großen Theiles unsrer Stammesgenossen die Zahl derer, die an der neuhebräischen Literatur Theil nehmen, auf einen verhältnißmäßig kleinen Kreis, da die eigentlichen Orthodoxen, an ihrer Spitze die Rabbiner, sich auch von tiefen literarischen Bestrebungen fern halten. Wir wissen aus eigener Erfahrung, daß solche poetische Erzeugnisse, seien sie Original oder Uebertragungen, nur mit großer Mühe Käufer und Leser finden. Fehlt es doch auch in jenen Gegenden an genügendem buchhändlerischen Betrieb. Die vorliegenden Gedichte, die sich als einen ersten Band bezeichnen, sind Oden und Balladen, Elegien und Bearbeitungen aus dem Französischen, Lateinischen und Griechischen. Die Sprache ist frisch und lebhaft, wenn auch bisweilen etwas steif und wenig flüssig. Reizende Naturschilderungen und überall ein tiefes Empfinden, eine warme Liebe für Israel und dessen Heiligthümer zeichnen diese Gedichte aus, benea wir einen großen Leserkreis wünschen, so daß der Dichter auch fernerhin die Erzeugnisse seines Geistes zu veröffentlichen vermöge. Feuilleton. Zur Charakteristik Eduard Laskers. In sehr vielen Organen der deutschen Parteien ist es jetzt Sitte geworden, das Andenken Laskers herabzusetzen und über seine Wirksamkeit, wenn nicht zu schmähen, doch die Achseln zu zucken. In dem von uns bereits angeführten Buche: „Aus der Wilhelmstraße, Erinnerungen eines Offi-

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