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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1888-11-22 · Heft 47 (22.11.1888) · p. Seite 749

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
52 (1888)
Issue
Heft 47 (22.11.1888)
Date
1888-11-22
Page
Seite 749 (sequence 13)
Language
German
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749 entstandenen Hebel den wehr- und schutzlosen Juden zuzuschreiben. Es wäre deshalb ein Wunder gewesen, wenn nicht das Eisenbahnunglück, das den Kaiser und die kaiserliche Familie betroffen, in gleicher Weise von den Antisemiten den Juden schuld gegeben wäre. Man nimmt die Gelegenheit wahr, um gegen jüdische Erbauer von Eisenbahnen zu deklamiren. Abgesehen von dem Unrecht, das man hierbei übt, hat ein solches Vorgehen den unabsehbaren Nachtheil, daß die wahren Schäden, die wahren Ursachen alles Unheils verhüllt und verdunkelt werden. Daß gerade für den Betrieb und die Unterhaltung der betreffenden Bahn seit Jahren ein unseliges Sparsystem vom Bahnministerium geübt worden, daß die zuverlässigsten Beamten entlassen und dafür die wohlfeilsten angestellt, die Erneuerung des Betriebsmaterials und der Schwellen venachlässigt worden, Dinge, die mit dem ursprünglichen Bau garnichts zu thun haben, verschweigt man und macht die Juden wieder zum Sündenbock. Es ist nicht unsere Sache, jüdische Eisenbahnunternehmer für ihr Thun und Lassen zu rechtfertigen. Aber auch hierbei immer nur die Juden hervorzuheben und etwa begangene Fehler auf die Gesammtmasse zu werfen, ist gewiß ein verwerfliches Vorgehen. Gewissenhafte Petersburger Blätter, z. B. der „Petersb. Wed.", erheben sich auch energisch gegen dieses antisemitische Treiben, und zwar nicht sowohl um das gegen die Juden geübte Unrecht zurückzuweisen, sondern weil in dieser Art die eigentlichen Schäden verdeckt werden und weiter wuchern würden. Hoffen wir, daß diese, die wirklichen Verhältnisse klarstellenden Aeußerungen bewährter Organe der Oeffentlichkeit den Sieg über unvernünftigen, ja verbrecherischen Haß erlangen werden. Auch die „Petersb. Gaseta" äußert sich: „In der That, geht man nicht Zu weit in seinen Anklagen und Verallgemeinerungen? Warum wird, wenn ein Russe, ein Franzose, ein Deutscher, ein Engländer gestohlen, unterschlagen oder sonst etwas Häßliches gethan hat, der Verbrecher einfach beim Namen genannt? Es heißt dann: Iwan Jwanitsch hat gestohlen, Herr Schnapswurst hat unterschlagen, Monsieur Jules hat die Ehe gebrochen . . . Aber wenn der jüdische Postmeister Schlernka sich was hat Zu Schulden kommen lassen, so sagt man von seiner Handlungsweise gleich in der Mehrzahl: „Die Juden" haben es gethan! Uns wird wahrlich Niemand der Sympathien für die Juden beschuldigen wollen, aber hinter diesen „Juden" im Plural verstehen nicht selten sehr geschickt sich „Namensträger" anderer Nationen zu verbergen. — Die „Gazeta Handlowa" berichtet, daß die in Warschau lebenden ausländischen Juden, welche nicht russische Unterthanen geworden sind, von der Warschauer Polizei den Befehl erhalten haben, binnen 28 Tagen nicht nur Warschau, sondern auch das russische Reich vollständig zu verlassen. (Aehnliche Nachrichten laufen seit Jahren durch die Blätter, sollten sie diesmal sich bewähren?) Bonn, 25. November. (Notizen.) Ans Wien wird geschrieben: Universitäts - Docent Adalbert Horawitz ist, 48 Jahre alt, am 6. d. M. gestorben. Biel Aufsehen machte seinerzeit seine Broschüre: „Richard Wagner und die nationale Idee". — Der wegen Hochverraths und panslavistischen Umtriebe zu einem Jahre Slaatsgefäugniß verurtheilte und vom König nicht begnadigte katholische Pfarrer Rojka aus Antalfalva veröffentlichte im „Czech" einen Brief, in welchem er fich als ein Opfer der jüdisch-freimaurerischen Liga hinstellt, welche dermalen in Ungarn das Regiment führe. — Der vor einigen Tagen in Wien verstorbene berühmte Diagnostiker Hosrath Bamberger war 1822 in Jvonarka bei Prag von jüdischen Eltern geboren. Mütterlicherseits ist er ein Enkel des gelehrten Rabbi Koppel Dormitzer aus Rakonitz. Sein Großvater hieß Wolf Bamberger, sein Vater Jakob war ein hervorragender Pomologe. — Aus St. Louis (Amerika) wird uns geschrieben: Dr. Sonueschein hält in dem neuen Tempel seiner Gemeinde „Temple Israel" außer den regelmäßigen Sabbath-Predigten auch regelmäßige Sonntags-Vorträge in englischer Sprache; dieselben finb besonders darauf angelegt, den universell-historischen Entwickelungs-Proceß der jüdischen Idee den nichtjüdischen Kreisen dazulegen. Bonn, 12. November. (Literarische Notizen.) Es ist längst keine Seltenheit mehr, daß Romanschriftsteller aus dem Grenzgebiete zwischen dem Judenthum und dem Christenthum den Schauplatz ihrer Dichtungen machen. Gewöhnlich ist es ein Jude oder eine Jüdin, welche aus irgend einem Grunde zum Christenthum übergeht, selten nur, daß ein Christ ein Jude wird — wie in unserem „Tirado" — woraus dann mannigfache Conflicte entstehen und romanhafte Katastrophen herbeigeführt werden. Gegenstand und Motive scheinen fast erschöpft; aber ein genialer Dichter weiß immer noch etwas daraus zu machen — schade nur, daß er, sei es aus der originellen Energie seines Genius, sei es, weil eben sonst das Interesse für solchen Vorwurf nicht mehr geweckt werden kann, zu Uebertreibungen und psychologischen Extravaganzen schreiten muß, welche dicht an völlige Unwahrheit und seelische Unglaublichkeiten grenzen. Hierhin rechnen wir dm jüngst erschienenen drei Bände umfassenden Roman von Richard V o ß, „Tahiel, der Convertit" — Dahiel, nomen est omen, ist kein hebräischer und kein jüdischer Name. Wir wollen kurz die Conflikte zusammenstellen, welche dieser Convertit unter der Leitung des Dichters dnrchzumachen hat, die seelischen Wandelungen, denen er unterliegt. Borausschicken wollen wir aber, daß dem Dichter eine glänzende Sprache zu Gebote steht, sowie eine genaue Kenntniß des Lebens in Rom und dessen Umgebungen, und er uns zutreffende bis-

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