Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 52 (1888)
- Issue
- Heft 47 (22.11.1888)
- Date
- 1888-11-22
- Page
- Seite 748 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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748 Verkeilung der israelitischen Waisenhäuser. Heute war zu diesem Behufe die Aula des Collegio romano überfüllt; ein Publikum von vielen schönen Damen und sehr zahlreichen Männern hatte sich eingefunden. Bemerkenswerth war zumal die Rede des Commendatoren Giacomo Alatri, Präsidenten der Waisenhäuser. Zuerst machte der verdiente Mann Mittheilung über die augenblickliche Lage der Asyle; er sprach über deren gewissenhafte Organisation, über das Ziel, das sie sich gesteckt haben, und über die zur Erreichung ihrer Zwecke angewandten Mittel. Aber was der Commendator Alatri nicht erwähnte und was doch allgemein bekannt ist, das ist, wieviel er selbst beiträgt zum guten Fortgang dieser frommen Stiftung, durch seine intelligente Leitung, durch die immerwährende Sorge und die wahrhaft väterliche Liebe, die er ihr weiht. Wenn die israelitischen Asyle solche Entwickelung erreicht haben, und sie sind vielleicht die vollkommensten jener Gattung, so ist es zum großen Theil dank dem Interesse, welches ihnen immer die Familie Alatri entgegengebracht hat. Nach der Rede des Commendatoren gaben die Kinder verschiedene Musik- und Deklamationsstücke zum Besten. Darauf begann die Preisvertheilung an die, durch Fleiß und Betragen besonders ausgezeichneten Zöglinge der Waisenhäuser. Frankreich. Paris, 14. Nov. In Montpellier starb am 13. Oct. ein 86 Jahre altes Fräulein Sara Navarre, das dort als Rentnerin gelebt hat. Ihr Vermögen stammte von ihren Eltern, welche vor ungefähr 50 Jahren eine Chocoladenfabrik besaßen. Sara Navarre hinterließ testamentarisch: 10,000 Francs der jüdischen Gemeinde von Nimes, 10,000 Fr. der von Avignon und 10,000 Fr. der von Toulouse. Jede dieser Gemeinden soll 3000 Fr. für die Verschönerung ihres Tempels und 7000 Fr. in Renten anlegen, so daß die Hälfte der Zinsen dem dortigen Rabbiner für das Absagen der gebräuchlichen Gebete am Sterbetage der Erblasserin, die andere Hälfte durch den Rabbiner an die Armen der Gemeinde vertheilt werden sollen. Den Rest ihres Bermögens, eine sehr bedeutende Summe — die dortigen Tagesblätter sprechen von 400,000 Fr. — hinterließ Fräulein Navarre dem Rabbiner Benjamin Moss« und seiner Frau. — Seit 1875 ist in zwei hiesigen Tempeln ein Gebrauch eingesührt, der von dem besten Erfolge gekrönt ist und an allen Orten empfehlungswerth wäre, nämlich den Miucha-Gottesdienst an jedem Sabbath durch Gesang und Predigt zu einem feierlichen Gottesdienste zu gestalten. Unter den gegenwärtigen Verhältnissen, wo so viele Juden auch am Sabbath ihrem Verkehre nachgehen und die Jugend durch den Besuch der öffentlichen Schulen vom Morgengottesdienst so gut wie ausgeschlossen ist, hat diese Einrichtung einen großen Werth, macht dem Pariser Rabbinat alle Ehre und verdient Nachahmung in den weitesten Kreisen. — Ein sehr wichtiges wohlthätiges Institut wird in einigen Wochen eröffnet werden. Aufmerksam gemacht durch die treffliche, auch in diesem Blatte besprochene Abhandlung des Herrn Maxime du Camp, über die Wohlthätigkeitsanstalten der jüdischen Gemeinde zu Paris, daß es in ihr noch an einem Asyl für verlassene und ungerathene Kinder jüdischer Eltern fehle, ein Mangel, dem bereits für Mädchen abgeholfen worden ist, ernannte das israelitische Consistorium von Paris eine Commission, welche den Gegenstand erforschte und dann zur Ausführung zu bringen versuchte. Diese Commission bestand aus dem Großrabbiner Zadok Cahn, dem Oberingenieur für Brücken und Wege Joseph Hirsch, dem Generaladvokaten am Appellhofe A. Bloch, dem Auditor im Staatsrathe Georges Saint-Paul u. s. w.; auch ein Nichtisraelite Herr Georges Bvnjan, Präsident der Gesellschaft für die verlassene und straffällige Jugend, ist darunter. Reichliche Gaben, mehr als eine halbe Million betragend, stoffen der Commission zu, z. B. von Dreyfuß-Dupont, Baron Alphonse von Rothschild je 100,000 Fr., S. H. Goldschmidt 60,000 Fr., von anderen Gliedern der Rothschild'schen Familie 55,000 F. u. s. w. Man kaufte dafür zunächst in der Nähe von Paris ein schönes Grundstück von 16 Hektaren, das Schloß Du Plessis- Piquet, mit weitläufigen Baulichkeiten, die für die Zwecke des neuen Instituts vielfach umgebaut werden mußten. Man ging rasch voran, so daß die neue Anstalt in einigen Wochen eröffnet werden kann. Allerdings jedoch ist der Bestand derselben bei den großen Kosten der Unterhaltung noch nicht gesichert, und das Cornito wendet sich deshalb an das gesammte israelitische Publikum von Paris und wird sich in der Hoffnung genügender Zuschüsse gewiß nicht getäuscht sinden. Es giebt leider jetzt in Paris zahlreiche, von ihren Eltern wegen Mangels an Mitteln verlassene Knaben; dann solche, welche der Zucht ihrer Eltern sich entziehen, endlich auch solche, welche sich vergangen und vom Zuchtpolizeigericht zu Albeitsanstalten verurtheilt sind. Die Anstalt wird also die Erziehung dieser Knaben übernehmen und zwar um sie theils für den landwirthschaftlichen, theils für den Handwerker-Beruf zu bilden. Rußland. Petersburg, 11. November. lPrivatmitth.) Seil Jahren beobachten die vielen russischen Antisemiten die Taktik, was irgend Schädliches oder Unglückliches in Rußland geschieht, den Juden in die Schuhe zu schieben. Sie erachten es für ihre besondere Aufgabe, die Nationalrussen von allen üblen Eigenschaften, wie Bestechlichkeit, Fahrlässigkeit, Gewissenlosigkeit, Nepotismus und Trunksucht frei zu sprechen und die