Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 52 (1888)
- Issue
- Heft 47 (22.11.1888)
- Date
- 1888-11-22
- Page
- Seite 747 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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747 der verschiedenen in der Gemeinde üblichen Ritualformen zu erhalten, und der allen möglichen Mißbräuche» Thür und Thor öffnet. Es wird sich jedoch ein Ausweg finden, der möglichen Mißbräuchen vorbeugt und die Gewissensfreiheit nicht verletzt. Die Neuwahlen in den Gemeindevorstand stehen vor der Thür. Es ist wünschenswerth, daß Personen, die eine solide Stellung einnehmen, gewählt werden. Wie natürlich, sollen sie auch jene Eigenschaften besitzen, die ein derartiges Ehrenamt gewissermaßen voraussetzt. An der Spitze der ersten Gemeinde des Reiches müssen aber auch Männer stehen, die nach außen hin eine geachtete und ehrenhafte Stellung einnehmen. In der letzten Zeit hat sie mehrere derartige Personen verloren und diese Lücke soll ausgefüllt werden. Wien, 11. Nov. (Privatmitth.) Das große Ereigniß des Tages ist die Vereinigung des „Deutschen Clubs" und des „Deutsch-österreichischen Clubs" d. h. der beiden deutschen Oppositionsfractionen zu einer Partei, welche die Vertheidigung des Deutschthums und der Volksrechte innerhalb des österreichischen Staatsgedankens zu ihrem Programm hat. Diese Vereinigung kann von bedeutenden Folgen sein und wird selbst von anderen Nationalparteien wie von den Polen freundlich begrüßt. Nun giebt es aber noch eine dritte deutsche Fraction, welche sich „deutsch-nationale-Bereinigung" nennt oder auch „christlich-Deutsche" oder auch „Reformpartei", und welche die Antisemiten zu ihren Mitgliedern hat. Diese, übrigens nur geringzählige Fraction des Abgeordnetenhauses hat sich jener Verbindung der Deutschen nicht angeschlossen, oder vielmehr sie ist nicht angenommen worden, weil sie ihre antisemitischen Allüren nicht aufgeben will. Sie verfallen übrigens völliger Jsolirung, da sie sich jetzt auch mit den Demokraten überworfen haben, wie folgende Correspondenz bezeugt: „Die hiesigen Antisemiten, mit denen auch die Clericalen unter der Patronanz des Fürsten Alois Lichtenstein an einem Strange ziehen, begnügen sich nicht mehr damit, die Versammlungen der Deutschliberalen zu sprengen, sondern sie drängen sich auch in die demokratischen Versammlungen ein, um dort Scandal zu machen. Gestern Abend hatten sie sich den demokratischen Verein in der Josefstadt zum Schauplatze ihrer Excesse ausersehen. Die Scandalmacher unterbrachen den Abg. Kronawetter unaufhörlich, so daß er ihr Benehmen als ein bübisches bezeichnete. Kronawetter wurde von ihnen unaufhörlich beschimpft, indem sie ihm zuriefen: „Judenknecht; er ist von den Juden bezahlt." Mitten in dem ohrenzerreißenden Tumulte erklärte der Regierungscommissär die Versammlung als aufgelöst und nur mit Mühe räumte die Sicherheitswache den Saal. Der nunmehrige Führer der „Vereinigten Christen" i. e. der Antisemiten, Lueger, war früher ein Gesinnungsgenosse Kronawetters; da aber dieser, wie jeder anständige Mensch, mit Luegers Gesellschaft nichts gemein haben will und ehrlich die Fälschung der demokratischen Grundsätze durch die Antisemiten aufgedeckt hat, wird er nunmehr von ihnen mit Haß verfolgt. Dafür hat sich Lueger vorgestern in einer Versammlung des katholisch-politischen Vereins in Margarethen die Ermächtigung ertheilen lassen, mit allen ihm als Abgeordneten zu Gebote stehenden Mitteln für die Einführung der confessionellen Schule zu wirken." Wien, 13. Nov. Seit mehr als anderthalb Jahren beschäftigt sich der Financier Baron Hirsch mit dem Gedanken, für Galizien eine Stiftung in's Leben zu rufen, welche den Zweck erfüllen soll, das Loos der galizischem Juden zu verbessern. Insbesondere soll die Stiftung bestimmt sein, die Erziehung der bis jetzt arg verwahrlosten Jugend in Galizien zu verbessern, und sie zu nützlichen Mitgliedern der Gesellschaft und zu guten Staatsbürgern Hera,izubilden. Es handelt sich um nichts Geringeres, als um eine Stiftung im Betrage von zwölf Millionen Gulden. Den Gedanken, einen solchen Wohlthätigkeitsakt zu üben, faßte Baron Hirsch, als er vor längerer Zeit durch den Tod seines einzigen Sohnes, eines hoffnungsvollen jungen Mannes, der in Paris in strengster Zurückgezogenheit seinen Studien oblag, einen schweren, unersetzlichen Verlust erlitt. Baron Hirsch entsandte schon im vorigen Jahre seinen Bevollmächtigten Herrn Veneziani nach Galizien, um die nöthigen Erhebungen zu pflegen und das nöthige Material zu sammeln. Nachdem diese Vorarbeiten vollendet waren, erhoben sich mancherlei Schwierigkeiten bezüglich der Aktivirung der Schenkung. Es mußten zunächst mi der österreichischen Regierung Verhandlungen gepflogen werden über die Modalitäten der Durchführung, bei welcher ja auf die Absichten des Stifters Rücksicht zu nehmen war. Diese Unterhandlungen haben lange Zeit in Anspruch genommen. Nun aber ist diese Entscheidung erflossen, und wie das „N. Wr. T." erfährt, wird bereits in den nächsten Tagen eine officielle Verlautbarung über Art und Zweck der Stiftung von maßgebender Seite erfolgen. Der Stifter beabsichtigt den Betrag von zwölf Millionen nach dreifacher Richtung hin zur Verwendung zu bringen, und zwar: 1) zur Errichtung von Ackerbauschulen mit besonderer Berücksichtigung der israelitischen Jugend in Galizien; 2) zur Errichtung von Gewerbeschulen in Galizien und 3) zur Gründung eines Prämienfonds für christliche Meister, welche Lehrlinge israelitischer Abkunft aufnehmen. Die Statuten sind naturgemäß der politischen Behörde unterbreitet worden und die Genehmigung ist, wie gemeldet wird, vor Kurzem erfolgt. Italien. Rom, 5. November. (Privatmitth.) Alljährlich findet hier ein immer von Neuem rührendes Fest statt: Die Preis- 47*