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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1888-11-22 · Heft 47 (22.11.1888) · p. Seite 745

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
52 (1888)
Issue
Heft 47 (22.11.1888)
Date
1888-11-22
Page
Seite 745 (sequence 9)
Language
German
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745 Deutschland. Bonn, 11. Nov. (Privatmitth.) Von den Rabbinern, welche ihre auf die verstorbenen Kaiser gehaltenen Trauerreden drucken ließen, haben mehrere dieselben den allerhöchsten Herrschaften eingesendet und aus deren Cabineten eine Danksagung erhalten. Die desfalsigen Schreiben, in ihrer Form ganz gleich und schließlich über die einfache Danksagung nicht hinausgehend, an dieser Stelle abzudrucken, hielten wir nicht für nöthig. Berlin, 12. Nov. (Privatmitth.) Die hiesigen Blätter führen einen heftigen Streit über die Wahl Stöcker's, welche die nationalliberale Presse von ihren Rockschößen abschütteln möchte. Wir meinen, daß dies dem Herrn Stöcker viel zu viel Ehre erweisen heißt. Derselbe ist als Parlamentarier ohne alle Bedeutung: das wissen jetzt auch die Conservativen. Kein einziger Antrag ist bis jetzt von ihm ausgegangen, und in den paar Reden, die er im Reichstage und Abgeordnetenhause gehalten, hat er nicht einen einzigen Gedanken entwickelt, der nicht schon wiederholt ausgesprochen und allen Anderen geläufig geworden. Auch in den Commissionen ist er nicht thätig. — Der Borstand der jüdischen Gemeinde hat an die Stadtverwaltung eine Bittschrift gerichtet, daß der Magistrat bei Gelegenheit der Verbreiterung der Friedrichsstraße bezw. der Verlängerung des Vertrages mit der Großen Berliner Pferde-Eisenbahn-Gesellschaft für die Anlage einer Pferdebahnverbindung zwischen Bahnhof „Friedrichsstraße" und Weißensee eintreten möchte. Leipzig, 13. Nov. Bezüglich der Beschlagnahme der von dem Rabbiner Dr. Wiener in Oppeln gehaltenen Gedächtnißreden auf Kaiser Wilhelm 1. und Kaiser Friedrich III., die unter dem Titel „Saul und Jonathan" im Verlage von Gustav Fock Hierselbst erschienen sind, veröffentlicht der Verleger eine Erklärung, aus der hervorgeht, daß in der Verlagsbuchhandlung selbst eine Beschlagnahme nicht crfogt ist. Woraus der in der Presse erwähnte, allerdings auf Wahrheit beruhende Vorfall, daß in der Stadt, welche der Wohnsitz des Verfassers ist, bei einem dort ansässigen Privatmann ein Exemplar der Broschüre amtlich requirirt wurde, zurückzuführen ist, hat bis jetzt noch keine Aufklärung gefunden. Aus Westfalen, 11. November. Nachträglich bemühen sich die Organe der Nationalliberalen die Wahl Stöcker's im Bielefelder Kreise von sich abzuwälzen. Den Thatsachen gegenüber wird ihnen dieß nicht gelingen. Es haben Nationalliberale von vornherein für Stöcker'sche Wahlmänner gestimmt. In Herford hat der Leiter der Nationalliberalen Conrektor Blank feierlich den Beschluß fassen lassen, daß die Parteigenossen unter keiner Bedingung für einen Freisinnigen stimmen sollen. Blank handelte hierin nach der Anweisung, die der Oberbürgermeister Miguel ihm auf dem Parteitage zu Hannover gegeben. Wir wissen also, bis zu welcher Quelle die Wahl Stöckers zuruckzuführen sei. Mit welchen Mitteln übrigens für die Wahl agitirt wurde, ersieht man aus Folgendem: Die Sonntagsbeilage der muckerischen „Neuen Westfälischen Volkszeitung" vom 4. d. M. enthält eine Ansprache an alle christlichen Männer, Frauen und Jungfrauen, in welcher dieselben ersucht werden, der Wahl im Kreise Bielefeld auch im Hausgottesdienste zu gedenken, „damit" so heißt es wörtlich, „unsere 347 christlich-conservativen Wahlmänner es wissen, daß sie eine betende Reserve hinter sich haben. Sie haben ihre gute und gerechte Sache in des HErrn Hand gegeben und sie wissen, daß der HErr barmherzig ist . . . Und dann — wer in Herzensgemeinschast steht mit seinem Heilande — der geh' in's Kämmerlein und schließe die Thür zu!-—" Soviel wir wissen, bemerkt dazu die Berl. „Volksztg.", wird unseren protestantischen Schulkindern unter den zehn Geboten auch das eingcschärft, daß man den Namen seines Gottes nicht unnütz führen solle. Wie indeß von diesen Erzfrommen der Name ihres Gottes in den Parteistreit hinabgezerrt wird, das erscheint als eine Blasphemie, die selbst das Staunen der „Ungläubigen" und „Heiden" erregen muß. „Der Gerechte ist auch in seinem Tode getrost" wird des Weiteren aus der Bibel citirt — nun, für diesmal ist dank der Schlaffheit der Nationalliberalen Stöcker dem wohlverdienten Verschwinden in die Versenkung entgangen, und es wird uns nach der obigen Leistung des Muckerblattes nicht im Mindesten wundern, wenn die Steifleinenen des „theuren Gottesmannes" diesen nunmehr als „Landtagsabgeordneten von Gottes Gnaden" ausposaunen. Die nöthigen Posaunenchöre können ihnen ja die Jünglinge des bigotten Wupperthales stellen. Oppeln, 7. November. Cvnfiscirt wurde eine Broschüre des Rabbiners Wiener, betitelt Saul und Jonathan. Dieselbe enthält zwei von ihm in der Synagoge gehaltene Gedächtnißreden auf die beiden verstorbenen Kaiser. Diese Broschüre ist, wie man vermuthet, wegen der Vorrede und wegen des Commentars zu einzelnen Stellen beschlagnahmt worden. (Wir erinnern, daß wir bei der Besprechung obiger Broschüre in vor. Nr. es mißbilligten, den Kanzelreden polemische Zusätze zu geben. Redakt.) Pasen, 14. Nov. (Privatmitth.) Die hiesige israelitsche Knaben-Waisen-Anstalt hat ihren 5(Jften Jahresbericht mit den freudigsten Hoffnung eröffnet. Seit längerer Zeit hat sich das Bedürfniß der Erweiterung der Anstalt fühlbar ge-

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