Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 52 (1888)
- Issue
- Heft 47 (22.11.1888)
- Date
- 1888-11-22
- Page
- Seite 744 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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744 sehen. Würden sie rationalistisch, so wäre dies ein großes Unglück für die Sacke der Religion. Die Menschwerdung Jesu liefert eine Grundlage zur praktischen Anerkennung der für die menschlichen Bedürfnisse nothwendigen Brüderschaft, die im A. T. zwar angedeutet, nicht aber völlig geoffenbart ist. Die Dreieinigkeitslehre setzt uns in den Stand, das Wesen Gottes als eines zu verstehen, das, indem es die Beziehung der Liebe in sich selbst hat, zu seiner eigenen Vvllkommenheir nicht erst seiner Geschöpfe bedarf, das vielmehr aus einem Ausfluß der Liebe erschaffet, erlöset und heiliget. Ihr sehr ergebener George F. Hooper, Caplan des Lord Bischofs von Salisbury. In seinem nächsten Briefe weist Singer die Ansichten des Bischofs mit Entschiedenheit zurück und setzt auseinander, 1) daß die Juden im unbekehrten Zustande gesetzestreue Bürger und Staatsunterthanen lind; 2) daß ihrer etwaigen Neigung zum Unglauben, dadurch, daß man ihnen eine Glaubenslehre anbietet, welche eher größere, als geringere Anforderungen an ihre Glaudeusfähigkeit stellt, nicht Einhalt gethan werden dürste; 3) es werde schon von den verschiedenen Gesellschaften, welche die Bekehrung der Juden zum Christenthum erstreben, viel zu viel Geld ausgegeben, während die Ergebnisse ganz und gar geringfügig seien; 4) die Ernennung eines Missionärs in jeoem Bezirke, wo Juden wohnen, dürfte leicht die Beziehungen zwischen den fanatischen Anhängern beider Religionen erbittern und in mancher Familie zu Zwist und Unheil Anlaß geben. Hierauf erwidert der Caplan in seinem zweiten und letzten Briefe: The Grange, Chaines, Worcester, 6. Nov. 1888. Sehr geehrter Herr. Ich bedaure, daß Abwesenheit von Salisbury (dem Orte natürlich, d. Uebers.) mich daran behindert hat, Ihren Brief früher zu beantworten. Ich habe Nachricht vom Bischof erhalten und will gern gestatten, daß dieser Briefwechsel veröffentlicht werde, vorausgesetzt jedoch, daß dieser mein Brief ihn beschließe. Ich will nur noch erwähnen, daß die Frage zwischen Inden und Christen eine der Wahrheit, nicht der Zweckmäßigkeit ist. Wir können von unseren Bemühungen, unsere jüdischen Mitbürger zum Christenthum zu bekehren, nicht ablaffen, weil wir glauben, es sei Gottes Wille und Gottes Auftrag an uns, und daß die vereinigten Bemühungen jüdischer und heidnischer christlicher Missionäre, welche solchen Erfolg in den ersten Jahrhunderten der Kirche hatten, für die Verbreitung des Evangeliums der Liebe Gottes jetzt ebenso nothwendig sind wie je. Solche haben wir gewonnen und gewinnen noch immer, um mit uns zu arbeiten, und solche hoffen wir wieder zu gewinnen. Ihr ergebener George F. Hooper. An den ehrw. Herrn S. Singer. Kann nach solchen Beispielen, die verhundertfacht werden könnten, noch die Frage bestehen, auf welcher Seite die Aufdringlichkeit, oder in den Worten der „Grenzboten", das „Ausdrängen ihrer Religion Anderen" sich beffndet? Doch was nützt dies Alles; der Haß ist blind und will nicht belehrt sein, ja lügt sich trotz seinem besseren Wissen in die Verleumdung hinein. Judaieus. Nachschrift der Redaktion. Der Grund zur Bekehrung, welchen der anglikanische Bischof oder sein Stellvertreter anführt, scheint uns mehr eines Advokaten, als eines Theologen würdig. Denn ein solcher muß doch wissen, daß der „Bund" am Sinai nicht auf das verheißene Land und auf Zion — letzteres kam erst vier Jahrhunderte später in den Besitz Israels — sondern auf bie zehn Gebote und auf das Bekenntniß und die Anbetung des Einzig'Einigen Gottes geschlossen wurde. Er braucht nur Cap. 20 des II. B. Moses zu lesen, um sich hiervon zu überzeugen. Ausdrücklich wird am Schluffe dieses Capitels als Hauptinhalt die Verwerfung des Götzendienstes hervorgehoben und hinzugefügt: „An jeglichem Orte, wo ich Dich meines Namens gedenken lasse, werde ich zu Dir kommen und Dich segnen." In jeder Strafrede Moses' und der Propheten wird von den Israeliten vorausgesagt, nicht daß sie unter den Nationen, in deren Mitte sie gesendet werden, einer anderen Religion zufallen, sondern zum Einzig- Einigen zurückkehren und ihm „mit ganzer Seele und mit ganzem Herzen" anbelen werden. Als Beispiel braucht man nur Cap. 30 des V. B. Moses zu lesen, und daß diese Bekenutnißtreue mit der Einbürgerung unter den Nationen nicht jm Widerspruche stehe, lehrte uns schon Cap. 29 des Propheten Jeremia's. Das Wort rnz ist die biblische Bezeichnung für „Religion". Die Religion befaßt das Verhältniß Gottes zum Menschen und das Verhältniß des Menschen zu Gott, begreift also das, was die Sprache der hl. Schrift als „Bund" bezeichnet. Man lese nur 1. Mos. 9, namentlich Vers 8. (S. unsre „Israelitische Religionslehre" B. I. S. 7.) — Was der anglikanische Geistliche über die christlichen Dogmen sagt, ist sehr schwach und oberstächlich, wie jeder deutsche Theologe anerkennen wird, und läßt eher voraussetzen, daß sein Glaube nicht sehr stark ist. —