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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1888-11-22 · Heft 47 (22.11.1888) · p. Seite 743

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
52 (1888)
Issue
Heft 47 (22.11.1888)
Date
1888-11-22
Page
Seite 743 (sequence 7)
Language
German
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743 „Halachot gedolot", weicher I. H. Weiß im vierten Bande seiner Geschichte der Tradition eine eingehende Untersuchung widmet, wie denn das Werk selbst mehr literarisches und praktisches, als religiöses Interesse bietet. Es ist nicht gut möglich, diese Ideen in theoretischer Form klar darzulegen, darum will ich dieselben in den folgenden Aufsätzen durch Stundenbilder deutlich zu machen suchen, von dem Gedanken ausgehend, welchen die talmudischen Weisen mit den Worten aussprechen: „Die Lehre ist darum das Wesentlichste der Religion, weil sie die praktische Religiosität zu fördern geeignet ist." Leipzig, 12. November. 1868. Än die „Grenzboten." Wiedereinmal haben es die „Grenzboten" für gut befunden, in ihrer neuesten Nummer einen wüthigen Hetzartikel gegen die Juden ihren Lesern in die Krippe zu legen. Nun, sie müssen ja wissen, was für Nahrung sie diesen zu bieten haben. Wie ist doch diese, von dem Juden Kuranda gegründete Zeitschrift, welche früher, namentlich für den ganzen österreichischen Kaiserstaat von größter Bedeutung war, herabgekommen; ja wie tief ist sie gesunken! Denn in der That, mehr kann man der offenkundigen Wahrheit nicht ins Gesicht schlagen, als durch die neueste Anschuldigung, welche die „Grenzboten" gegen die Juden schleudern, eine Anschuldigung, bis zu welcher noch keiner der antisemitischen Gesinnungsgenossen der Zeitschrift bis jetzt vorgedrungen war, und mit gutem Grunde, wnl, wer auch nur die geringste Sachkenntniß besitzt oder sich nur etwas umsieht, die Nichtigkeit derselben emsehen und diejenigen mißachten muß, welche sie mit dem Scheine des Ernstes Vorbringen, die Anschuldigung nämlich, daß die Juden ihre Religion Andersgläubigen auf drängen, natürlich mit der den Juden überhaupt eigenen Zudringlichkeit. Die „Grenzboten" haben Recht! Die Juden sammeln jährlich mehrere Millionen, um Missionäre für das Judenthum auszulenden; die Juden begünstigen die zu ihnen Bekehrten durch Beförderung in ihren Carritzren, durch Ehrensolde und dergleichen; die Juden beherrschen mit ihrer Religion die Schule; die Juden beherrschen die Literatur und das öffentliche Leben und zwar alles dies, um ihre Religion, wie die „Grenzboten" sagen, Andersgläubigen aufzudrängen! Einer Widerlegung bedarf eine solche Behauptung natürlich nicht. Jndeß ist es wohl interessant, im Folgenden ein Beispiel anzuführen, welches hinsichtlich des eben besprochenen Gegenstandes nicht ohne Beweiskraft ist. Hierzu diene ein vor Kurzem zwischen dem jüdischen Prediger S. Singer in London und dem Bischof von Salisbury stattgefundener Briefwechsel, den die neueste Nummer des „Jewish Chronicle“ zur Veröffentlichung bringt. Da jedoch das, was wir auf unserer Seite solchen Versuchen zu entgegnen haben, in der „Atlgem. Zeit, des Judenthums" des Breiteren nicht ausgeführt zu werden nöthig ist, so wollen wir uns darauf beschränken, die Briefe des jüdischen Predigers nur auszugsweise wiederzugeben, namentlich da man den vollen Inhalt aus den Antworten des Bischofs durch seinen Caplan zu entnehmen vermag. Der Briefwechsel wurde durch eine neuliche Versammlung der zum Fonds für die Parochialmisjion an die Juden Beitragenden veranlaßt, in welcher der Bischof von Salisbury den Vorsitz führte und der eine große Zahl anderer geistlicher Würdenträger beiwohnten. Singer schreibt nun: „Ew. Gnaden sprach mit einer Achtung, welche unsere herzliche Anerkennung fordert, vom Charakter der Juden und sagten, was unleugbar ist, daß die in diesem Lande lebenden Juden nicht als Außenstehende, sondern als Mitbürger behandelt sein wollen, und gaben Ihnen das Zeugniß der „natürlichen Achtung vor der Autorität." Ihre Bekehrung zum Christenthum nun, meint Singer, würde diese ihre guten Eigenschaften nicht um einen Grad erhöhen können. Das Weitere entnehme der Leser aus der nun folgenden Antwort, die S. darauf erhielt: Palast Salisbury, den 26. October 1888. Sehr geehrter Herr. Der Bischof beauftragt mich, Ihnen für Ihr Schreiben vom 23. d. M. zu danken und zu sagen, er habe den „Standard" nicht gesehen und, so viel er wisse, sei das Wesentliche seiner Beweisführung überhaupt nicht in den Tagesblättern zum Abdruck gekommen. Ohne sich in Polemik einzulassen, wünschte er blos das Folgende nachzuweisen: Das Judenthum beruht auf der Vorstellung von einem Bunde — und zwar nicht mit einem Einzelnen, sondern mit einem Volke. So lange das Volksleben bestand, war es einem Juden möglich, mit der Vorstellung von dem im Alten Testament geoffenbarten Gott als einer würdigen, wenigstens so weit er betheiligt war, sich zu begnüge«, — einem Gotte, der sein Volk je nach dessen Gehorsam oder Ungehorsam belohne oder bestrafe. Jetzt aber, nachdem das jüdische Volk seit vielen Jahrhunderten Zerstückelt worden und ohne eigentliches Volksleben ist, während so viele Juden freiwillig ins Natioualleben anderer Ra^en aufgehen, wird jene Vorstellung für ungenügend befunden. Es scheint unvermeidlich, daß der denkende Jude entweder Christ werden oder zum rationalistischen Deismus treiben muß. Er kann Gott, wie er im A. T. geoffenbarl ist, nicht als einen betrachten, der nach achtzehn Jahrhunderten der Vernachlässigung seine Verheißung erfüllt habe. Wir Christen hoffen daher, es werden viele Juden mit uns lernen, das A. T. als Vorschule, nicht als volle Offenbarung anzu-

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