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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1888-11-22 · Heft 47 (22.11.1888) · p. Seite 742

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
52 (1888)
Issue
Heft 47 (22.11.1888)
Date
1888-11-22
Page
Seite 742 (sequence 6)
Language
German
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742 unteren Klassen des Gymnasiums in einer Stunde etwa das Gesetz von dem hebräischen Sklaven behandeln kann. Nun hat er im Ganzen während des Schuljahres etwa 36 bis 40 Stunden zur Verfügung. Von diesen geht die Hälfte in dem Pensum der biblischen Geschichte, der Religionslehre oder der nachbiblischen, jüdischen Geschichte auf. Er wird also in einem Jahre im besten Falle, wie ich es gethan habe, das zweite Buch Mose Kap. 20—23, 32 und das dritte Buch Mose Kap. 19 gelesen haben. Weiter bringt er es sicherlich nicht. Nun kommt er zum zweiten Jahre, in dem er aus dem fünften Buch die Gesetze von Kap. 12—25, soweit sie in der Schule möglich sind, behandelt. Die Mehrzahl der Schüler wird wohl den sachlichen Theil inne haben, aber die Sprüche werden sie nicht soweit beherrschen, um das Gelesene für sich jeder Zeit aus dem Urtexte wiederholen zu können. Im Gegentheil, je weiter es nach oben geht, destomehr schwindet die Uebung im Hebräischen, und der Lehrer wird immer mehr darauf sich beschränken müssen, daß die Schüler den Inhalt des Gelesenen beherrschen, und das wörtliche Verstandniß wird in den Hintergrund treten. Allerdings entsteht die Frage, wie unser Cultus sich gestalten soll, wenn die große Mehrzahl des Nachwuchses sich ihm und seiner Sprache entfremdet. Ich muß gestehen, daß ich mir die Antwort auf diese Frage nicht zu geben vermag, denn was wir an deutschen Gebeten und Gesängen besitzen, ist nicht im Stande,die Lücke auszufüllen, diedurchAuslassung derhebräischen Gebete entstehen würde. Allein unser Ziel kann heute doch nur die Annäherung an die Lösung der Aufgabe sein, welche die allgemeinen Ereignisse und nicht wir selbst uns aufgezwungen haben. Hoffen wir, daß nicht allzu schwere Krisen uns bis zu dessen Erreichung erschütternd) IV. Die jüdische Geschichte. Für jeden Lehrer liegt die Gefahr nahe, daß er die praktischen Ziele der Schule aus den Augen verliere und die wissenschaftliche Vertiefung, die ihm nöthig ist, zugleich bei seinen Schülern erzielen möchte. Derselbe Umstand ist es, der den Unterricht in den alten Sprachen so oft unfruchtbar macht und der auch im Stande ist, ein sonst so angenehmes Gebiet, wie das der Geschichte, den Schülern zu 1) Nach unsrer Meinung muß man Sckülern, welche die unterste Stufe überwunden hab^n, — nicht die wissenschaftliche Grammatik wohl aber die gewöhnlichen grammatikalischen Formen beibringen — und dies ist bei der Einfachheit der hebräischen Sprachsormen nicht schwierig — so daß der Schüler an jedem vorwmmenden Worte durch die Charakteristlca reip. Fall, Geschlecht, Zahl, Person, Zeit, Conjngation erkennen und die Wurzel finden kann. Dadurch wird ihm das Berständiß des Textes ermöglicht und die geisttödiende mechanische Methode des wörtlichen Vor- und Nachübersetzens vermieden, die doch nur bei großem Aufwande von Zeit und Mühe einigen Erfolg zu haben vermag. Redaction. verleiden. Ich habe schon davon gesprochen, daß unsre alte jüdische Schule dieses gelehrte Princip zu unserem Schaden pflegte. In den polnischen Gegenden kommt es noch heute vor, daß eine Mutter von dem Lehrer ihres Kindes verlangt, daß dieses im Alter von zehn Jahren schon die Erörterungen Samuel Edel's zu den Tosaphot kenne, oder richtiger gelernt haben müsse, denn der gleichaltrige Sohn der Nachbarin „Goldeche" hat auch schon ein „Stückchen Meharscha" gelernt. In der durch Mendelssohns Geist ins Leben gerufenen, von Bensew beherrschten jüdischen Schule unseres Jahrhunderts hat wieder die Grammatik die gleiche Rolle gespielt. Da mußten die Schüler im Alter von acht Jahren die Regeln über ruhendes und bewegliches Schema, sowie etwa die Bedeutung der verschiedenen Formen des Zeitwortes o\3\n hersagen, noch dazu mit Kenntniß der hebräischen Bezeichnung für diese abstracten Begriffe. Und heute scheint wieder der Unterricht in der jüdischen Geschichte die Rolle des gelehrten Mühlsteins spielen zu sollen, welchen man der Jugend um den Hals hängt. Ich gestatte mir, ein Beispiel zu bringen. Es wird uns in den Lehrbüchern der jüdischen Geschichte von Jsak Giat oder von Mose ben Jomtob aus Evreux erzählt, daß sie Glossen zum Talmud geschrieben haben, oder es wird uns von einem Andern gesagt, daß er einen Commentar zum Schulchan Aruch verfaßt, oder endlich, daß er Rechtsgutachten geschrieben habe. Alles das ist für den Schüler ein unnützer Ballast. Aber auch, daß Maimonides ein Werk geschrieben, betitelt m^on “DD,m;rb dem Schüler gleichgiltig sein, wenn man ihm nicht dabei sagt, daß es für Maimonides, unfern größten Systematiker, darauf ankam, sich die Vorbereitung zu schaffen für sein großes Gesetzbuch des Judenthums, welches er aus religiösem Eifer in der zu seiner Zeit frommen und berechtigten Absicht schrieb, für alle Zukunft das Judenthum in Lehre und Gesetz endgiltig abzuschließen, und wenn man nicht dabei erklärt, daß die Zahl der 613 Gebote, welche der Talmud aufstellt, für Maimonides und seine Zeitgenossen als eine mosaische Tradition galt, und wenn man ferner nicht an einzelnen Beispielen zeigt, wie schwierig die Bestimmung dessen, was in der Thora als Gesetz zu betrachten sei, für den Forscher wird. Auf diese Weise wird das religiöse und nicht das geschichtswisseuschaftliche Moment hervortreten, so daß der Schüler erfahren kann, was ein Mann wie Maimonides dem Judenthum geworden ist, indem er es in sich klären und zugleich mit der Bildung seiner Zeit in Einklang bringen wollte. Hingegen werden Fragen über das Zeitalter und die Heimath des Verfassers des Josippon für die Wissenschaft wohl einen Werth haben; für die Schule und die religiöse Erziehung aber sind sie vollkommen gleichgiltig, ebenso gleichgiltig wie die Frage nach dem Verfasser der

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