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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1888-11-22 · Heft 47 (22.11.1888) · p. Seite 741

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
52 (1888)
Issue
Heft 47 (22.11.1888)
Date
1888-11-22
Page
Seite 741 (sequence 5)
Language
German
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741 matik eifert, ist mindestens um ein halbes Jahrhundert zu spür gekommen. Damals wollte man allerdings allgemeine Sprachwissenschaft, Poetik, Metrik, Weltgeschichte und Geographie und was sonst noch immer in den Bibelunterricht Hineinpressen. Daran war auch Mendelssohn in einem gewissen Sinne schuld. Beginnt er ja einen Absatz seiner Einleitung zur Thora mit der Auseinandersetzung über das, was unter Consonanten, Vokalen und Sylben zu verstehen ist. Sein Schüler Bensew giebt in seiner hebräischen Grammatik, die ja lange Zeit hindurch ein Schulbuch gewesen ist, und aus welcher viele deutsche Bearbeiter der hebräischen Grammatik zu Schulzwecken ihre ganze Weisheit geschöpft haben, ebenfalls Auseinandersetzungen allgemein sprachwissenschaftlicher Natur und dringt dem Gedächtnisse der Schüler neben den von Kimchi erfundenen Begriffsbezeichnungen auch noch neue auf, die unserer Schuljugend die ganze Grammatik verleiden mußten. Zu dem Allen pflegt er noch die traurige Manier seiner Zeit, Alles in selbsterdachte, erkünstelte Regeln einzuzwängen, statt verschiedenartige Erscheinungen auf ihre einheitliche Ursache zu prüfen. Diese unselige Methode war es, welche die Schüler mit der hebräischen Grammatik eine Wissenschaft lehren wollte, statt ihnen ein Hilfsmittel zum Verständniß des biblischen Urtextes zu verschaffen. Welchen Zweck hat es z. Bwie das bei Bensew geschieht, die Consonanten in Wurzel-, Bedienungs- und überflüssige Buchstaben einzutheilen oder, um eines einzigen Verbums willen, eine besondere Klasse zu construiren, z. B. nr^pn ^on, oder endlich das neu-hebräische Wort für Sylbe den Kindern einzuprägen. Hier herrschte, mit einem Worte, die Zopfpädagogik, welche glaubte, das Kind müsse sich Alles merken, was man von ihm verlange, statt, aus dem Interesse des Schülers heraus, dessen Gesichtskreis zu erweitern. Heute ist diese Klasse von Lehrern so ziemlich ausgestorben und, wo sie vorhanden ist, noch nicht des Bekämpfens werth. Der vernünftige Lehrer wird immer nur darauf sehen, aus der Lectüre heraus den Schülern so viel Sprachkenntnisse beizubringen, daß sie übersetzen lernen, er wird aber nie das Ziel vor Augen haben, aus seinen Schülern Philologen zu machen. Allerdings muß gerade der hebräische Unterricht am meisten den localen Bedürfnissen Rechnung tragen. In der Mehrzahl moderner Gemeinden wird er sich darauf beschränken müssen, den Schülern die Kenntniß des Gebetbuches zu vermitteln; Andere wieder werden die Kenntnisse der Thora, soweit sie für Kinder nicht anstößig ist, erzielen wollen, und in manchen Orten wird noch das Bedürfnisz vorliegen, die Bibelkenntniß soweit auszudehnen, daß die Schüler nenhebräische Texte, besonders die wichtigeren Theile unsrer Festgebete, verstehen lernen. Die Bibel selbst, nach ihrem poetischen Merthe, für die ganze Schuljugend zum Unterrichtsgegenstande zu machen, ist in den Gemeinden Deutschlands und Oesterreichs heute schon eine Unmöglichkeit. Hiob, Koheleth und die kleinen Propheten, welche man noch vor zwanzig Jahren in den Bereich des Schulunterrichts zog, sind schon längst weggefallen. In dem Lehrplan für die Brünner Schulen, den ich seiner Zeit ausgearbeitet habe, und welchem Grünfeld in seinem Aufsatze folgt, habe ich nach den dort obwaltenden Verhältnissen einen vierstufigen Unterricht festgesetzt. Auf der ersten Stufe war der gesetzliche Inhalt der Thora, hauptsächlich aus dem 2, und 5. Buch Mose, aus der zweiten das Buch der Sprüche, auf der dritten die Psalmen, zumeist nur soweit sie in unser Gebetbuch ausgenommen sind, und im vierten Curse Jesaja, besonders die darin vorkommenden Haphtorot, das Lehrziel. So sehr es mich freut, diesen Lehrplan beibehalten zu sehen, so muß ich doch sagen, daß ich bei seiner Aufstellung mehr den vorhandenen Wünschen, als meiner eigenen Ueberzeugung Rechnung trug. Die große Mehrzahl der Jugend, besonders die in der Hauptstadt ausgewachsene, brachte in den meisten Fällen nicht einmal die Geläufigkeit im Hebräisch-Lesen mit, die nothwendig ist, ehe mit dem Nebersetzen vernünftiger Weise begonnen werden kann; einzelne Kinder hatten nicht einmal das Alphabet inne. Von einer solchen Kenntniß des Wortschatzes, daß nur die häufigsten Stämme ihnen bekannt gewesen wären, war schon überhaupt nicht die Rede. So mußte ich mich denn begnügen, an der Hand des Textes, der großen Mehrzahl nur die Mittel zum Verständnisse der Bibel überhaupt zu bieten, und hatte die Erfolge, daß die Gesetze und besonders die Sprüche das geistige Eigenthum so ziemlich aller Schüler wurden. Trotzdem aber sah ich, daß das Ziel des Unterrichts dahin gehen muß, die Kenntnisse des sachlichen Theils der Religion ohne die Fessel der hebräischen Sprache zu erreichen, und darauf, glaube ich, muß heutzutage der Unterricht überhaupt lossteuern, wenn er gedeihlich wirken soll, denn die staatliche Fürsorge für die Ertbeilung des Religionsunterrichts hat neben den vielen Vortheilen, die sie bietet, doch den einen Nachtheil, daß das Publikum sich mit dem begnügt, was in der kurzen Zeit von zwei wöchentlichen Stunden geleistet werden kann, und das ist begreiflicher Weise sehr wenig im Vergleiche zu dem, was mit den Schülern geleistet werden konnte, die, aus der confessionellen Volksschule hervorgegangen, durch fleißige Uebung im Beten und häusliche Anregung unterstützt, in die höheren Schulen ungleich tüchtigere Bockenntnisse mitbrachten. Damals konnte der Lehrer darauf rechnen, daß die Schüler bereits die Thora und die ersten Propheten bewältigt hatten, er konnte daher auch den Unterricht in der biblischen Geschichte leichter nehmen und in Folge dessen den Unterricht in den poetischen und prophetischen Theilen der Schrift sofort beginnen. Heute hingegen muß er froh sein, wenn er mit den Schülern der

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