Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 52 (1888)
- Issue
- Heft 47 (22.11.1888)
- Date
- 1888-11-22
- Page
- Seite 740 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3224737-3227717-3227765--45768-3265301- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
740 Nun, im ganzen Preußischen Staate zeigte sich bei den stattgefundenen Wahlen eine solche Partei nur an sehr wenigen Punkten, und auch da waren es nur begünstigende Umstände, die ihr einen an sich geringen Erfolg gewährten. Dicht vor den Thoren Berlins, im Teltower Wahlkreise, wurden Cremer und Wolfs wieder gewählt, und zwar durch die Cartetlparteien als Conservative. Cremer ist jedoch mit Stöcker zerfallen, und diese früher eng verbundenen siamesischen Zwillinge bekämpfen sich heftig. Eine kleine Partei, die unter einander in Zwist geratheu ist, erweist hierdurch schon ihre Ohnmacht. Im Hessenlande hatten die Antisemiten Anklang gefunden. In Kassel bildete sich eine sog. „Reformpartei", d. h. Antisemitenschaar; in Marburg wurde Böckel in den Reichstag gewühlt. Diesmal aber zeigt dieselbe Landschaft eine völlig andere Physiognomie. Paul Förster vereinigte in Kassel nur zwei Stimmen auf sein stürmisches Haupt. In Marburg hatte zwar der Antisemit Di-. Winkler unter 154 Stimmen im ersten Wahlgang 39, im Zweiten 33 für sich, beim dritten verschwand er, und der conservative v. Stierenberg erhielt die Mehrheit. Derselbe Winkler unterlag im Wahlkreise Frankenberg gegen den conservativen Riesch. Wir sehen also hier die Conservativen im Streite mit den Antisemiten; die letzteren erfahren aller Orten eine Niederlage und sind demnach als Partei nicht mehr zu erachten. So bleiben im ganzen preußischen Staate nur zweiOertlichkeiten übrig: Breslau, wo ein conservativer, ein sreicouservativer und ein antisemitischer Hetzredner gewählt wurden — nach einem lüstündigen Wahlkampfe, so daß die. gedachten nur mit geringer Mehrheit durch die Stimmenthaltung der Wahlmänner des Centrums siegten, und Bielefeld, wo Stöcker durch die Stimmenthaltung der Ratio nalliberalen die Mehrheit erhielt — die letzteren und die Freisinnigen hatten ein Compromiß geschlossen, jedoch erst nach der Wahl der Wahlmänner, und bei dem dritten Wablgang entfernte sich der rechte Flügel der Nationaltiberaleu. An beiden Orten ist es also nur gewissermaßen ein Zufall, der die Wahl entschied. Aehnliche Dinge werden sich wohl 1890 bei den Reichstagswahlen wiederholen; immerhin aber sind die Antisemiten als Partei vom Schauplatz abgetreten. Möge es in Oesterreich, namentlich in den Bororten Wiens, sich bald ebenso Verhalten. Brüx, im November 1888. Was tljut dem Religionsunterricht an höheren Schulen am meisten noch? Bon Rabbiner Dr. Deutsch. III. Der Unterricht im Hebräischen. Unsere alte jüdische Religionsschule hat statt Religionsunterricht eigentlich nur theologisches Studium gekannt, höch- - stens wurde noch, besonders für Mädchen, der Unterricht in i der praktischen Liturgie gepflegt. Bei Knaben überließ man - auch das Letztere zumeist der Synagoge. Für den Lehrstoff , im Unterrichte der Knaben gab es keine andere Begrenzung, , als die, welche Talent und Erwerbsbedürftigkeit des Kindes i nothwendig machten. Als Mangel wurde diese Systemlosig- : feit seit alter Zeit gefühlt. Jesaja Horowitz, der bei seiner pietistischen Richtung mit der streng rabbinischen Anschauung * seiner Zeit einigermaßen in Widerspruch gerieth, ohne freilich daß er und seine Zeitgenossen etwas davon gemerkt : hätten, spricht sich schon im siebzehnten Jahrhundert gegen die unvernünftige Methode aus, welche die Kinder auf der frühesten Stufe, ehe sie die primitivsten Begriffe der Religion überwunden haben, in das Labyrinth talniudischer Casuistik führt. An sein Beispiel haben sich viele Männer, welche die Dämmerung einer neueren Zeit aufblitzen sahen, angeschlossen. Ich nenne unter ihnen Josef Spiro, welcher als Rabbiner von Habern in Böhmen ein Werk unter dem Titel “|n Prag 1810, erscheinen ließ, welches heute sehr selten geworden ist. In diesem Buche, welches zahlreiche Anfeindungen erfahren hat, erkärt er sowohl die Ueberfrömmigkeit der Chassidim, als die zu seiner Zeit schon beginnende Freigeisterei für eine Frucht der eben geschilderten wahnsinnigen Methode. Diese Anregung eines begeisterten Anhängers des rabbinischen Judenthums ist ungehört verhallt. Die alte Jeschiba war schon so todtkrank, daß kein künstliches Heilmittel sie mehr am Leben zu erhalten vermochte. Der Religionsunterricht mußte sich ein ganz neues Gebiet urbar machen, um seine Pflanzung zu beginnen. Man mußte, um es knrz zu sagen, mit der Anschauung, daß jüdischer Religionsunterricht identisch sei mit Theologie, brechen und die Grenzen des allgemeinen Religionsunterrichts selbständig abstecken. Das ist gelungen, nur hat man leider mitunter gar zu schnell mit dem Alten aufgeräumt. Man hat, selbst in dem conservativen Wien, das Hebräische aus dem'höheren Schulunterricht ganz entfernt oder es höchstens per nefas geduldet. Leider übersah inan zweierlei, erstens, daß das jüdische Publikum sowohl die Kenntniß des „dawenen“, wie die eines Stückchens „Chumesch", für nothwendige Bestandtheile des Religionsunterichts ansah, und daß zweitens diese Kenntnisse thatsächlich nöthig sind, wenn ein Kind an dem synagogalen Leben Antheil nehmen soll, und daß man in Folge dessen im Publikum den modernen Religionsunterricht vielfach! ebenso als Spielerei und behördliche Quälerei ansah, wie die 1 vormärzliche Prüfung der Brautleute aus dem Bne Zion, welches den Woll- und Tuchhändlern die Creditgewährung zur religiösen Pflicht macht. So muß man eher ein Zuwenig, als ein Zuviel in der Behandlung des Hebräischen durch die heutige Religionsschule constatiren. Wer daher gegen das zu starke Betonen der biblischen Wissenschaft in der Gram-