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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1888-11-22 · Heft 47 (22.11.1888) · p. Seite 739

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
52 (1888)
Issue
Heft 47 (22.11.1888)
Date
1888-11-22
Page
Seite 739 (sequence 3)
Language
German
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739 will Recht behalten. Jeder die Herrschaft an sich reißen, sollte darüber auch Volk und Staat zu Grunde gehen. Wohl, so muß auch von uns diese Warnung wohlbeachtet werden. Kein köstlicheres Gut besitzt die jüdische Gemeinde als den Frieden, die Eintracht. Sie allein gewähren uns die Kraft des Bestandes und des gemeinsamen Schaffens in Synagoge, Schule und wohlthätigen Werken. Darum bei Meinungsdifferenzen den Geist der Verständigung bewahren, billigen Forderungen gerecht werden, nur keine Persönlichkeiten, keinen Ehrgeiz, immer nur des höchsten Gebotes unserer Religion: der Liebe zum Nächsten, wie zu sich selbst eingedenk sein. Aach den Wahlen in Preußen. Man schreibt uns aus Berlin: „Der Antisemitismus hat seine Rolle völlig ausgespielt!" Die Aeußerung kommt von einem zuverlässigen, unparteiisch beobachtenden Manne. In der That haben die Conservativen mit allen möglichen Anstrengungen und mit Hilfe aller Beamten im dritten Wahlkreise für Stöcker nur rund 330 Stimmen erlangt, gegen rund 1030 Stimmen für Birchow. Und hierzu rechne man, daß Stöcker hierbei durchaus nicht als Vater des Berliner Antisemitismus, sondern als orthodoxer Geistlicher und Leiter der inneren Mission auf den Schild erhoben worden. Hiermit ist es erwiesen, daß die Antisemiten keine Partei, ja nicht einmal eine Fraction einer Partei zu bilden nicht im Stande sind, und bekanntlich verliert auf dem politischen Boden derjenige, dessen Ohnmacht erwiesen ist, jeden Einfluß. Wir haben also Stöcker jetzt nicht als Antisemiten, sondern als Conservativen der Kreuzzeitungsrichtung zu betrachten. Der Ausspruch, den wir oben mitgetheilt, scheint auch uns für Berlin völlig gerechtfertigt zu sein. Die ganze Bewegung hat den Verlauf genommen, den wir, an der Hand der Geschichte und der realen Verhältnisse, vorausgesagt. Hiervon wird man sich überzeugen, wenn man unsere Artikel von 1879 an verfolgt. Zwei tatsächliche Momente waren es, auf welche wir uns stützten. Zuerst, daß die Behauptungen der Antisemiten Uebertreibungen und Verleumdungen waren. Das alte Vorurtheil griff diese Hetzreden auf, aber schließlich sieht sich doch ein Jeder nach der Begründung um, und findet sich dieselbe in der Wirklichkeit nicht oder nur in geringem Maße, so wird ihm die ganze Aufregung verdächtig. Die Antisemiten behaupteten, die Juden befehdeten und beschimpften das Christenthum; aber wenn dieser Angriffspunkt erwiesen werden sollte, mußte selbst Stöcker immer wieder nach einigen längst vergessenen Phrasen des „Börsen-Couner" greifen. Man beschuldigte die Juden der „Ausbeutung des Volkes" und griff baniit nur die gesammte Industrie und den Handel an, an welchen die Juden nur einen bescheidenen Antheil haben, und welche doch außer der Landwirthschaff die einzigen Mittel der Ernährung des Volkes sind. Man hob die Herrschaft der Juden über die Presse hervor, und schließlich sind es doch nur einige ganz wenige Tagesblätter, welche Juden unter ihren Redacteuren zählen. Sogar dahin verlor man sich, den Juden als Parlamentariern den entschiedensten Einfluß auf die Gesetzgebung zuzuschreiben, und doch war die Zahl der jüdischen Mitglieder der gesetzgeberischen Körperschaften eine nur sehr geringe, und jetzt sind sie fast ganz aus denselben geschwunden. Und so erwies es sich dem Volke, wie nichtig dieAngriffe und Anschuldigungen der Antisemiten, sobald das Volk nach den factischen Zuständen sich umsah. Es war dies ja natürlich, denn es gehört ja zu den Unmöglichkeiten, daß ein Hundertstel der Bevölkerung, das die Juden im deutschen Reich ausnrachen, einen so überwiegenden und entscheidenden Einfluß auf die anderen Neunundneunzigstel derselben üben solle! Es war Alles eitel Dunst, welchen nur der Haß als eine Wirklichkeit ausgeben konnte. Die zweite Thatsache war, daß schließlich der Antisemitismus keine Mittel anzugeben vermochte, um die vorgeschützte Gefahr zu bekämpfen. Er brachte es in Preußen nicht zu einem einzigen Anträge bei der Gesetzgebung, welchem wrrklich Folge gegeben werden konnte. Er versuchte es, den Janhagel zu Gewaltthätigkeiten zu veranlassen — dem mußte die staatliche Behörde entgegentreten. Er versuchte es mit Anklagen auf gerichtlichem Wege — mußte aber hierin an der Unparteilichkeit der Gerichtshöfe, an der Falschheit der Beweisführung und Zeugenaussagung scheitern. Er versuchte, das Princip der Gleichberechtigung zu beseitigen, Rechtsbeschränkungen, ja selbst Confiscation und Vertreibung in Anregung zu bringen; hiermit waren aber die Interessen der ganzen Gesellschaft, die Fundamentalgrundlage des jetzigen Staates angegriffen, so daß auch dies entschieden abgewiesen werden mußte. Was kann nun eine Partei gelten, deren Bestand nur auf willkürlichen Behauptungen und Lügen beruhte und welche einen Weg der Aenderung nicht anzugeben vermag? Hierzu kam schließlich, was wir stets betont haben, daß die ewige Wiederholung derselben Reden und Gründe das Publicum endlich langweilen mußten, und die Langeweile ist der gefährlichste Feind jeder nur auf Aufregung und leidenschaftliche Bewegung berechneten Richtung. — Sehen wir uns nun im deutschen Reiche um. ob der Ausspruch, daß der Antisemitismus seine Rolle ausgespielt habe, auch außerhalb Berlins richtig sei? Vorauszuschicken ist selbstverständlich, daß die antisemitische Gesinnunug, wie sie in der Tiefe der Geister auch vor der antisemitischen Agitation vorhanden und nur von der liberalen Richtung des Zeitgeistes verhüllt und verdrängt war, auch noch weiterhin bestehen bleiben möchte, daß es eben nur um den Bestand einer antisemitischen Partei sich handelt. 47*

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