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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1888-11-22 · Heft 47 (22.11.1888) · p. Seite 738

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
52 (1888)
Issue
Heft 47 (22.11.1888)
Date
1888-11-22
Page
Seite 738 (sequence 2)
Language
German
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738 sehen nun davon, daß auch hier sofort die confessionelle Tendenz in einer rein menschlichen Sache sich geltend macht, so muß man erstaunen, welche Unkenntniß der wirklichen Verhältnisse der genannte Cardinal bekundet, wenn er mit einer Million Francs und einigen hundert jungen Leuten den afrikanischen Sklavenhandel zu unterdrücken für genügend hält. Jedoch wie immer kommen materielle Interessen dem großen Zwecke zu Hilfe. In den der deutsch-ostafrikanischen Gesellschaft zugehörigen Gebieten ist ein Aufstand ausgebrochen und die bewaffneten Eingeborenen haben die Beamten der Gesellschaft vertrieben oder ermordet. Arabische Sklavenhändler sollen die Urheber sein. Da sich der Aufstand auch nach den englischen und portugiesischen Landstrichen verpflanzt, so kann die gesammte Ostküste den Europäern verschlossen werden. Die Regierung des deutschen Reiches sieht sich deshalb veranlaßt, nachdrückliche Maßnahmen zu treffen und trat deshalb mit der englischen Regierung in Verhandlungen. Diese blieben nicht ohne Erfolg. Am 6. November gab in der Sitzung des Oberhauses der Minister des Auswärtigen, Lord Salisbury, die Erklärung ab: „In Folge der jüngsten Ereignisse in Ostafrika hätte Deutschland beschlossen, wirksamere Maßnahmen zu ergreifen, und die Ausfuhr von Sklaven sowie die Einfuhr von Waffen in Ostafrika zu verhindern. England habe sich entschlossen, mit Deutschland Hand in Hand zu gehen, soweit Maßnahmen nur maritimer Natur in Frage kamen, und Frankreich habe zu dieser Blokade an der Küste von Ostafrika seine Zustimmung zu erkennen gegeben. Diese Anerkennung gebe England das Recht, jedes Schiff, welcher Flagge es auch immer sei, zu durchsuchen. Frankreich werde an der besagten Küste ein Schiff stationiren und mit Deutschland und England zu diesem Zwecke zusammen wirken." Das Erfreuliche hieran ist besonders die Theilnahme Frankreichs, welcher die Portugals folgen wird. Die Blokade der Ostküste wird also den Sklavenhandel von dieser aus beseitigen. Jndeß ist vielleicht die Verhinderung der Einfuhr von Waffen und Munition das wichtigste Moment. Denn der Sklavenkrieg und Sklavenhandel im Innern Afrikas wird durch diese Blokade wenig berührt. Der Sklavenhandel durch die Araber geht wesentlich nach Norden und findet in dem jetzt dem europäischen Einfluß entzogenen Sudan seine Unterstützung und Straße. Es ist demnach nur der erste, aber auch leichteste Schritt der europäischen Mächte auf dem Wege zu dem großen Ziele, das natürliche Menschenrecht, die Anerkennung der persönlichen Freiheit auf dem ganzen Erdball durchzuführen. Erst durch die Erreichung dieses großen Zieles wird dieses Princip zur unbedingten Anerkennung gelangen und damit ein Fortschritt in der Entwickelung der Menschheit constatirt werden, welcher den unzweideutigsten Beweis für diese Anschauung abgeben wird. Wo sich eine erhabene Idee mit materiellen Interessen vereinigt, ist der Sieg nicht zweifelhaft, so viele Zeit und Opfer er auch kostet.- Man schreibt uns aus Brüssel: „Die hiesigen Liberalen sind tief bedrückt. Bei der jüngsten Stichwahl in Brüssel selbst sind die Radicalen auf die Seite der Ultramontanen getreten und haben dadurch den Wahlsieg eines Günstlings von Woest, also eines Erzclericalen bewirkt. Von einer Aenderung zu Gunsten der Liberalen kann daher auf eine lange Reihe von Jahren nicht die Rede sein. Alles wird hier clericalisirt. Denn man weiß ja, wie eine große Menge der Menschen sich immer der Sonne zuwendet, die am Himmel steht." Fragt man nach der Ursache des Sturzes des belgischen Liberalismus, der über 12 Jahre lang das Steuer des Staates geführt hat, so gewinnt man dieselbe Antwort wie in den anderen Ländern, in Deutschland, Oesterreich, Frankreich. Die Schuld liegt an den Spaltungen der liberalen Partei, an dem Mangel von Verständigung innerhalb derselben, an den tief gehenden Zerwürfnissen, an dem bitteren gehässigen Kampfe, der sich zwischen den Fractionen der liberalen Partei immer heftiger entwickelt. Dies macht die Liberalen nicht allein regierungsunfähig, sondern untergräbt auch innerhalb des Volkes ihr Ansehen, ihren Einfluß. Sie mögen es einsehen, jedoch immer zu spät: die Brücke ist unterdeß abgebrochen. Vergebens ruft ihnen die Geschichte ihre Lehren zu. Nicht allein die Partei, auch die Völker gehen an den inneren Spaltungen und den Kämpfen der Parteien zu Grunde. Wodurch schwanden jene hellenischen hoch entwickelten Staaten so schnell vor einem Philipp dem Macedonier und vor den Römern, um sich niemals wieder zu erholen? Der Bürgeczwist, der Parteikamps, der sie zum blutigen Streite unter einander und innerhalb der eigenen Mauern gebracht! Was bewirkte die Ohnmacht von Byzanz, wenn nicht die blutigen Zwistigkeiten zwischen den Parteien, die noch dazu auf theologischem Fanatismus beruhten. Und wenn wir auf unsere specielle Geschichte zurückgehen, was hat den Untergang Jerusalems verursacht, den Bestand des jüdischen Volkes vernichtet, wenn nicht die inneren Zerwürfnisse, die blutigen Fehden, welche die Parteien auf den Märkten Jerusalems gegen einander noch führten, als der Feind ihre Mauern schon umstürmte. Seit dem Bruderzwist der Hasmonäer, welcher zuerst die Römer ins Land rief und ihnen Judäa zu leichter Beute machte, hatte die Feindschaft der Parteien, der Secten und Kasten, die sich auf dem Boden eines der bürgerlichen Gleichheit und Einigkeit angehörenden Volkes gebildet hatten, gewülhetl — Wie viele solcher Beispiele könnten wir noch anführen, aber sie bewiesen doch nur dieselbe Erfahrung, daß, wenn Haß und Feindseligkeit aus Meinungsverschiedenheit entstehen, sie kein Maß kennen, keine Verständigung zulaffen; Jeder

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