Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 52 (1888)
- Issue
- Heft 46 (15.11.1888)
- Date
- 1888-11-15
- Page
- Seite 734 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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734 Lied davon Zu erzählen, bis er selbst nichts mehr hatte. In diesen Briefen begegnen wir auch einer Aeußernng Wagner's über seine berüchtigte Abhandlung „das Judenthum in der Musik." Sie tuar anonym erschienen, und Liszt fragte an, ob Wagner der Verfasser sei. Aus der Antwort geht so recht klar hervor, daß keine Ueberzeugung, keine bessere Erkenntnis, kein allgemeiner Zweck Wagner zur Abfassung dieses Pamphlets bewogen hatte, sondern Neid und Mißgunst. Wagner sah Meyerbeer das Repertoire der Oper, Mendelssohn den Coneertsaal und die Gesaugswelt beherrschen; dies war ihm zu viel, er konnte es nicht ertragen und so wollte er die beiden Componisten stürzen. Die bequeme Handhabe war ihm, daß sie beide von jüdischer Abstammung waren, obgleich Mendelssohn schon als Christ geboren war und in seinen Compositionen den protestantischen Geist zum Ausdruck zu bringen gestrebt hat, was ihm schon Heinrich Heine vorhält. Bei Meyerbeer kam hinzu, daß ihm Wagner ans früherer Zeit Dank schuldig war, was gewisse Geister um so mehr zum Hasse anspornt. Wagner antwortet: „Du fragst mich wegen des „Judenthums", Gewiß weißt Du, daß der Artikel von mir ist: was fragst Du mich erst? Nicht aus Furcht, sondern um zu vermeiden, daß von den Juden die Frage in das nackte Persönliche verschleppt würde, erschien ich pseudonym. Ich hegte einen lang verhaltenen Groll gegen diese Judenwirthschaft, und dieser Groll ist meiner Natur so notwendig, wie Gatte im Blute. Eine Veranlassung kam, in der mich ihr verfluchtes Geschreibe am meisten ärgerte, und so platzte ich denn endlich einmal los; es scheint schrecklich eingeschlagen zu haben, und das ist mir recht, denn solch' einen Schreck wollte ich ihnen eigentlich nur machen. Denn — daß sie Herr bleiben werden, ist so gewiß, als daß jetzt nicht unsere Fürsten, sondern die Bankiers und die Philister die Herren sind. Mit Meyerbeer hat es nun bei mir eine eigene Bewandtniß: ich hasse ihn nicht, aber er ist mir grenzenlos zuwider. Dieser ewig liebenswürdige, gefällige Mensch erinnert mich, da er sich noch den Anschein gab, mich zu protegiren, an die unklarste, fast möchte ich sagen, lasterhafteste Periode meines Lebens; das war die Periode der Connexionen und Hintertreppen, in der wir von den Prolectoren zum Narren gehalten wurden, denen wir innerlich unzugethan sind. (I., 124.)" Darin hat sich Wagner nicht geirrt, daß die beiden Juden durch seine Polemik ihre Stellung in der modernen musikalischen Welt nicht verloren haben. Mag man über die Schöpfungen Wagner's urtheilen wie man will, in den musikalischen Momenten, in welchen Meyerbeer und Mendelssohn eine so bedeutende Stellung einnehmen, vermochte sie Wagner nicht zu ersetzen. Wir kennen also nun aus dem eigenen Munde Wagner's die Triebfedern seiner Jnvectiven. Vermischtes. Aus Sadagora. Im Feuilleton des „Pester Lloyd" vom 27—29. September giebt ein Herr Porzo eine „Reiseerinnerung" aus Sadagora: „Der Wunderrabbi und sein Hof." Der gut geschriebene, feuittetonistisch geschmückte Bericht bringt nichts Neues über den chassidischen Wunderrabbi, was nicht schon häufig erzählt worden. Selbst die Unterredung, die der Reisende mit dem Rabbi gehabt haben will, ist von keiner Bedeutung. Nur folgende ethnographische Bemerkung ist uns ausgefallen. Porzo schildert die Leute, die um das Haus des viel verehrten Wunderthäters geschaart waren: Wie ich mich so umsehe in dem Gewimmel dieser Leute, vermag ich den semitischen Typus an ihnen nicht zu entdecken. In der Majorität sind die gerade, zuweilen stumpfe Nase, blaue Augen, das straffe blonde Haar, dessen Stirnlocken erst durch fortgesetztes Winden und Drehen in die Spirale gezwängt worden sind. Es scheint, daß wir es hier eher mit einem sarmatischen Stamme zu thun haben, den, gleichwie unsere Sabbatharier, irgend eine mächtige religiöse Gegenbewegung dem mosaischen Bekenntnisse zugeführt haben mag. Selbst die Gewandung der Leute ist altslavisch. Die verbrämte Mütze ist nichts Anderes, als die kosakische Kucsma, der bis an die Fersen reichende Rock ist russisch, der Gürtel desgleichen. Und was die Schläfenlocken anbelangt, so sind dieselben offenbar eine allgemeine asiatische Tracht. Wenigstens in meinem Heimathsdorfe trug die ältere Männerwelt — durchwegs echte, hartköpfige ungarische Calviner — allgemein dicht geringelte Haarbüschel an den Schläfen. Oder zeigt etwa der seitwärts getragene Haarzopf des hunischen Kriegers nicht genau dasselbe Motiv? Und was noch )veit mehr auf sarmatische Abstammung der russisch-polnischen Judenschaft schließen läßt, das ist ihr ausgesprochener Hang zu abenteuerndem Leben. Mehr als eine glänzende Erscheinung in den Salons der vornehmen europäischen Welt hat sich nachmals als ein ganz gewöhnlicher Judenjunge aus Podolien entpuppt; in den fünfziger Jahren machte ein armenischer Fürst ungeheures Aufsehen und später stellte sich heraus, daß er der Sohn eines jüdischen Schankwirthes in Smolensk sei. Seine ritterliche Erscheinung, sein vornehmes Auftreten blendete selbst einige Höfe, so daß sie ihm ihre guten Dienste zur Wiederelangung seiner rechtlichen Ansprüche anboten; seine bezaubernden männlichen Eigenschaften aber brachten ihm beispielloses Glück bei den Frauen; mehr als eine reizende Prinzessin weinte sich nach ihm die schönen Augen roth, als sie erfuhr, daß „Leo" nunmehr in irgend einem sibirischen Bleibergwerke den Förderkarren schiebe — denn das war das jämmerliche Ende der glanzvollen Prätendentenlaufbahn. — Man kann nicht sagen, daß diese Beobachtung anders