Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 52 (1888)
- Issue
- Heft 46 (15.11.1888)
- Date
- 1888-11-15
- Page
- Seite 735 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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735 als in selteneren Fällen an den nach Deutschland kommenden polnischen Juden gemacht werden kann. Bisweilen fällt! an einzelnen Subjekten eine sarmatische Gesichtsbildung aller-! dings auf. Die Erfahrung aber, die man aus verschiedenen Ländern, z. B. an den orientalischen und hinwiederum an den echt englischen Juden macht, erweist, daß der semitische Typus während eines längeren Zeitraumes in den verschiedenen Ländern nach dem daselbst ansässigen Volksstamme sich modificirt. *) Eine Scene au§ dem heutigen Palästina. Die „National-Ztg" enthält aus Jaffa v. 24. Sept. einen Bericht über „ein arabisches Volksfest", das uns interessirt wegen des Gegenstandes, der gefeiert wird, und weil es zur Scenerie des gegenwärtigen Palästina gehört. Stuben, der Sohn Jacobs, der nach der biblischen Erzählung seinen Bruder Joseph vor dem Tode behütete, als ihm die anderen Brüder nach dem Leben trachteten, wird von den Arabern als Heiliger verehrt. Sein Grab befindet sich etwa drei Stunden von Jaffa an einem Flusse, dem der Name Rubin gegeben wurde. In neuerer Zeit wurde bei dem Grabe Ruben's ein Thurm errichtet, int Uebrigen ist die Gegend eine sandige Wüste, welche jährlich um diese Zeit zu einem Schauplatz wird, wie seinesgleichen kaum einer sonst noch existirt. Wohl 20,000 Menschen sammeln sich attmählig auf diesem Platze an, um theilweise durch die einen ganzen Monat dauernde Festlichkeit einem fröhlich beschaulichen Leben sich hinzugeben. Man sieht da ganze Strafen durch Zelte entstehen, dann wieder Wohnungen, bestehend aus vier in die Erde gesteckten Pfählen, die mit Mattem umzogen sind. Letztere werden von den ärmeren Klassen bewohnt, es giebt aber auch eine ärmste Klasse, die keinerlei Obdach besitzt und im Freien campirt, das sind die Fellachen, die arabischen Bauern, welche als das ewige Anssaugungsobject der Regierungsorgane das Mitleid der ganzen Welt verdienen. Denkt man sich diese bunten Qnartiere mit ihren Fahnen auf den Zelten, dem Geschrei der Verkäufer von Lebensmitteln mit ihren wandernden Tischen, dem unaufhörlichen Gewoge der Menschenmenge in den Gangen und vor den zahlreichen Buden i) Zur Bekräftigung dessen, was wir oben bemerkt, weisen tuir auf „Tagebuchblütter aus Murokko von Heinz Hoffmeister" in der „Voss. Zlg." vom 4. Dct. hin, wo es ans Tanger hetßt: „Hier ist es nicht leicht, einen Juden oder eine Jüdin zu erkennen; auch m Tunis, Aegypten und Palästina bringe ich es schwer fertig. Entweder ihr Kostüm oder die langen bocken an den Schläsen tnilffen es mir sagen, daß ich Israeliten vor mir habe. Es ist eilt völlig anderer Typus, als wir ihn zu sehen gewohnt sind. Die Jnbiimeu haben runde, ich möchte säst fageu deutsche Gesichter, häufig mir einem (Ltnlpnäschen so keck, als wollten sie damit in den Himmel schatten. Die Männer habm meist schon geschnittene Züge und diele erinnerten inich an Büsten aus der griechischen Blüihezeil. Nur in der Haltung und im Gang scheinen sich Alle zu gleichen." Nun, wo bleibt da d«e Hypothese des Herrn Porzo, die übrigens schon Renan aufgestellt hat? der Fleischer, Bäcker und der Kaufleute, dazu die fortgesetzten Begrüßungen durch Küssen und Umarmungen der wundersam gemischten Gesellschaft, die sich Tag und Nacht hin und her bewegt, so hat man eine ungefähre Vorstellung von dem Treiben, das sich dreißig Tage lang am Rubin abspielt. Die Araber ziehen meist auf Camelen aus allen Gegenden des Landes herbei, man sieht ganze Haushaltungen aufgepackt auf den geduldigen Thieren, die niemals fehlenden gesteppten Decken und farbigen Teppiche, Wasserkrüge, Kochtöpfe und Zeltstangen, ganz oben auf sitzen die verschleierten Frauen, welche zum Harem des Herrn gehören. So zog auch aus Jaffa ein großer Theil der Einwohner hinaus zum Rubin, das Geschäft ruht, die Moslem wollen ihr Vergnügen haben. Jede Stadt, jeder Ort hat sein eigenes Quartier, wodurch es verhältnißmäßig leicht ist, Bekannte aufzusuchen, einen Kaffee mit ihnen zu trinken und die Neuigkeiten während des Rauchens einer Nargli auszutauschen. Besondere Allfmerksamkeit erzielen die Kampfspiele und Reiterkttnststückchen der Beduinen auf ihren oft sehr werthvollen Pferden, und andere, „Phantasia" genannte Schaustücke. Da legt sich z. B. ein „Säbelfester" auf den Rücken, setzt den Säbel mit der Spitze auf die nackte Brust und nun wird ein Manu von mehreren anderen auf den Säbelgriff quer aufgelegt. In der That geschah das Wunder, daß der ans diese. Weise belastete Säbel kein Unheil anrichtete zum großen Erstaunen der Zuschauer, die nicht bemerkten, daß die Mitspielenden mit dem Säbelhelden im Einverständnis; waren und eine allzu schwere Belastung der Waffe geschickt zu vermeiden wußten. Interessant ist auch die tägliche Speisung von zweihundert Armen. Die anfgelragenen riesigen mit, Reis und Fleisch gefüllten Holzschüsseln sind in wenigen Minuten vollständig geleert, denn mit Messer und Gabel geben sich die Moslem nicht ab, die Hände — und was für Hände! — genügen vollkommen zu diesem Weltfraß. Das Land am Rubin ist Bakus, die Beduinen, welche es zum Theil anOauctt, zahlen „den Fünften" an einen Pächter, dessen Sitz in Ramle ist. Dieser Pächter-Effendi nmß nun die tägliche Armenspeisnng während des Rnbinfestes bestreiten, ebenso hat er die Versorgung hoher Besuche, wie des Kaimakam von Jaffa und der andern Beamten der Regierang zu übernehmen, welchen täglich eine hübsche Anzahl Schafe geschlachtet werden müssen. Natürlich sind auch die zahrcichen Gäste dieser Herren zu versorgen, indessen sagt man, daß trotz alledem der Pächter- Effendi von Ramle ein reicher Mann wird. Auch wenn man Gast des Kaimakam war und an irdischen Genüssen hatte, was das Herz begehrt, so verläßt man doch wieder gerne dieses in seiner Art einzige Fest. Der Kopf schwirrt von dem Lärm der Pauken und dem unbeschreiblichen Geräusch dieser Volksmenge, dann aber ist es hauptsächlich die weit umher durch die Anhäufung des Unraths verpestete Luft, welche den Europäer mit dem stärksten Bedenken erfüllt und davonjagt.