Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 52 (1888)
- Issue
- Heft 46 (15.11.1888)
- Date
- 1888-11-15
- Page
- Seite 733 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3224737-3227717-3227764--45760-3265292- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
wurde der Verblichene zu Grabe getragen. — Bon fern und 1 nah waren die zahlreichen Freunde und Verehrer des allbej liebten Mannes —- ohne Unterschied der Confession — herbei-! geeilt, um ihm die letzte Ehre zu erweisen. An seinem Grabe sprach H. Mach aus Gudensberg treffliche Worte, in denen er das Leben und Wirken des Dahingegangenen zeichnete. — Der Verstorbene war am 11. Juni 1805 zu Frielendorf geboren und hatte sich, ohne je eine ordentliche Schule besucht zu haben, auf autodidaktischem Wege ein sehr gediegenes Wissen erworben. Er bekleidete zuerst eine Lehrerstelle in Ungedanken, dann in Nentershausen und^'zuletzt in Zierenberg, wo er nach langem segensreichen Wirken im Jahre 1871 sein 50 jähriges Dienstjubiläum feierte. Im Jahre 1879 wurde er in den wohlverdienten Ruhestand versetzt. An seiner Bahre trauerte seine Gattin, mit der er 53 Jahre in glücklicher Ehe gelebt und die ihrem Gatten am 23. d. Mts. iu's Grab gefolgt ist. Sie hinterlassen zwei Söhne, von denen der ältere Lehrer in Cassel, der jüngere Lehrer an der Jacobson-Schule zu Seesen ist. — Bonn, 6. November. (Literarische Notizen.) Herr Dr. Gustav Karpeles, der geistreiche' Verfasser der Geschichte der jüdischen Literatur, der seit längerer Zeit dem Studium der Schriften Heinrich Heine's seine Kräfte gewidmet, hat soeben „Heinrich Heine's ausgewählte Werke in vier Bänden" herausgegeben. (Berlin, Alfred Fried). In der Einleitung sagt er über die vorliegende Schrift: „Die Ausj wähl, die ich getroffen, verfolgt zunächst das Princip, ein! klares Bild von Heine's dichterischem Schaffen zu geben. Ich meine, daß dies möglich ist, auch wenn man die Giftblumen mit beherzter Hand ausreißt und nur die Perlen sorgsam aueinanderreiht. Ein großer Theil von Heine's Schriften! ist vergänglich und hat für die Zukunft nur noch kulturge-! schichtlichen Werth; was ewig bleiben und dauernde Geltung behaupteu wird, das ist zugleich das Beste, Reinste und Tiefste seines Schaffens. Sage darum Niemand, daß es nicht der ganze, echte und volle Heim sei, den wir hier in alleil seillen Vorzügen und Fehleru vorführen, wenn wir auch keinen Anstand genommen haben, Vieles, was nach irgend einer Richtung hin sittlich, religiös oder politisch anstößig wirken könnte, soweit es irgend möglich war, auszuschließen." — Wer eine solche Auswahl zu treffen hat, schifft gewissermaßen stets zwischen der Scylla und der Charybdis, von der einen Seite nichts Bedeutendes und Genießbares weg-, von der anderen nicht Häßliches und Anstößiges stehen zu lassen. Im Ganzen können wir sagen, daß Herr Karpeles seine Aufgabe glücklich gelöst hat. Es kommt natürlich hierbei auf den Geschmack an, den man an der Muse Heine's findet. So dauernd auch auf dem Gebiete der Dichtung^Vieles aus der Feder dieses „ungezogenen Lieblings der Muse" sein wird, so ist doch die ganze Tendenz desselben, seine Empfiudnngswelt und Empfindungsweise nicht mehr die unsrer Zeit. Die Gegenwart ist durchaus ernster, düsterer geworden und versenkt sich nicht gern mehr in die Gefühlsschwelgerei, loelche zu einer Zeit ihreu^besonderen Spielraum hatte, als die politischen und socialen Verhältnisse unter dem Drucke des Absolutismus zum Schweigen verdammt waren. So sind es hauptsächlich Reminiscenzen, die uns aus den Schöpfungen Heine's entgegenkommen, und mit denen wir uns nur noch befreunden können, so weit sie mit Schönheit und Sittlichkeit übereinstimmen. Unser Herausgeber hat es uns nun durch seine Auswahl leichter gemacht, das aus Heine's Werken herauszufinden, was dem fühlenden Menschenherzen gefällt. — Der ehrwürdige 77jährige Rabbiner, Herr Dr. A. Wiener in Oppeln, hat zum 18. Oktober, ^dem Geburtstage des sel. Kaisers Friedrich III., seine beiden Gedächtnißreden auf Will Helm I. und Friedrich III. unter dem Titel „Saul und Jonathan (1. Sam. 1, 23.)" — die David beide in einem Trauerliede gefeiert hat — herausgegeben. Die Beredsamkeit Wiener's ist eine gesunde, welche mit jedem Worte die Wahrhaftigkeit der Gefühle und die überzeugungstrene Gesinnung zu eindringlichem Ausdruck bringt. In Anmerkungen hat der Vers, nicht unterlassen, einige polemische Streifzüge zu unternehmen, was wir an der Seite von Kanzelvorträgeu nicht billigen. Diese müssen durch die Erhabenheit ihrer Anschauung und die Lauterkeit ihrer Empfindung allein wirken und jede polemische Discussion schwächt jene ab. — Ieuitteton. Noch einmal Nichard Wagner. ' an allem Berständniß seiner selbst und des Lebens. Selbst- Jm vorigen Jahre erschien der Briefwechsel zivischeu! schätznng seines Genius und völlige Verzweiflung an feinem Nichard Wagner und Franz Liszt. Man erlangt aus diesen i Können wechseln mit einander ab, unerschütterliche Zuversicht Briefen eine genauere Kenntniß der Seelenzustände Wagner's, mit Selbstmordgedanken. Was die Geißel seines Lebens war, seiner geistigen Persönlichkeit. Allerdings gewinnt diese dadas war sein Hang zur Verschwendung, zur Prunksucht und durch nicht, denn im Gemüthe Wagner's herrscht eine schran- - zum Genuß und da ihm hierzu die Mittel fehlten, so hört kenlose Verwirrung, ein Mangel an aller sittlichen Harmonie,! sein Anpuinpen und Anbetteln nicht auf. Liszt weiß ein