Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 52 (1888)
- Issue
- Heft 46 (15.11.1888)
- Date
- 1888-11-15
- Page
- Seite 731 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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731 Deutsche», die, wenn sie auch nicht das cwilisirteste Volk der Welt sind, doch wenigstens den ersten Rang unter den cioilisirten Völkern einnehmen, und welche auf jeden Fall das unterrichtetste Volk sind. Aber doch hat der Antisemitismus, der sich nicht ohne die geheime Zustimmung der Regierung entwickeln konnte, Deutschland um ein halbes Jahrhundert zurückgebracht und in den Volksclassen gewisse Glaubensansichten wieder erstehen lassen, welche man ganz entwurzelt glaubte, wie z. B. den Glauben an die Hexen. Wenn es sich beim Antisemitismus nur um mehr oder weniger gegründete Antipathie gegen eine Kategorie von Mitbürgern handelt, welche, neben hochbegabten Männern, die mit muthiger Energie den Kampf ums Leben verfolgen, auch eine gewisse Anzahl von unangenehmen Persönlichkeiten besitzt, wie alle gesellschaftlichen Elasten, brauchte man sich nicht weiter damit zu beschäftigen. Aber der Antisemitisnius ist schlimmer als dies: er ist ein Zusammenfluß von Lastern, von Fehlern, von Lügen, von Jrrthümern, von falschen soeialen Principien, er ist eine Art religiöser Fanatismus mit seiner üblichen Begleitung von Brutalitäten, von bestialischen Leidenschaften, von geistigen Monstrositäten. Wer sie nicht energisch bekämpft, hat direct dazu beigetragen, in der Nation die ganze Reihe von sociale» Lastern, welche ich soeben aufgezählt habe, aufrecht zu halten und zu entwickeln. Die erste Folge und nicht die wenigst ernste von dieser traurigen Geistesepidemie war, daß in der deutschen Gesellschaft eine ganze Classe von Enterbte» entstand, und andererseits wurde einer Menge von Leuten, die Ruf und Ehre verloren hatten, manchmal sogar bestrafte Verbrecher waren, Beschäftigung und eine Art Rehabilitation gegeben, diese brauchten nur einen eifrigen antisemitischen Proselhtismus zu zeigen, u»r sich beliebt zu machen und einen Rang wieder zu erobern." — Wie wir schon bemerkt, wir übergehen, wie der Vers, der Artikel das Aufkommen des Antisemitismus in Deutschland erklärt, und zwar aus leicht erkennbaren Gründen. Holland. Aus dem Haag, oO. October. Zu dem jüngsten Geburtstag der königlichen Prinzessin, der zukünftigen Königin von Holland, wurde auch eine Anzahl Schülerinnen der israelitischen Schulen eingeladcn, von der Prinzessin empfangen und den ganzen Tag festlich bewirthet. Es war dafür Sorge getragen, daß die Speisen dem jüdischen Gesetze entsprachen. Rußland. Petersburg, 3. November. Meldung der „Pol. Korr.": Demnächst wird auf besonderen Befehl des Czars eine aus höheren Beamten aller Ministerien bestehende Commission zusammentreten, um über Abänderungen der in den letzten Jahren getroffenen gesetzlichen Verfügungen zu berathen, welche eine Beschränkung der den Juden unter der Regierung Alexander's II. gewährten Rechte zum Gegenstände hatten. Insbesondere soll die Beschränkung der jüdischen Universitätshörer auf fünf Procent der Gesammtzahl der Studenten eine Erweiterung erfahren und auch die Freizügigkeit der inländischen Israeliten soll insofern erweitert werden, als ihnen die Ansiedlung in sämmtlichen Marktflecken des Reiches gestattet werden dürfte. Von der russischen Grenze, im Oktober. Russische Blätter berichten ausführlich über einen Gottesdienst, welcher am jüngsten Rosch-haschanah-Feste von russischen Soldaten auf freiem Felde abgehalten worden. Wir erinnerten uns dabei an einen ähnlichen Gottesdienst, der 1870 bei der Belagerung von Metz von deutschen Soldaten von jüdischer Religion unter Leitung des jetzigen Großrabbinen Blumenstein von Luxemburg, damals Feldprediger im deutschen Heere, veranstaltet wurde. Der Bericht über die Feierlichkeit lautet folgendermaßen: „Die großen Manöver sielen iit diesem Jahre in Polen wie in manchen anderen Ländern, mit den Festen im Tischri zusammen. Nun, wenn auch die israelitischen Soldaten »ach den Verordnungen des russischen Heeres jedwede Erleichterung zur Erfüllung ihrer religiösen Pflichten erhalten sollen, so werden doch diese Privilegien während der Dauer der Manöver aufgehoben. In dem Ariueekörper in den Umgebungen Bilna's befanden sich viele Jsraeliteu, welche verhindert Fein sollten, die großen Feste zu feiern. Unser eifriger Glaubensgenosse, der Hofbanquier Rabbinowitz aus Brvbruisk, der sich schon so manches Mal durch seinen religiösen Eifer ausgezeichnet hat, suchte dieser Lage abzuhelsen unv ging zum Geiieraleommaudantcn in Wilna, uni ihn um die Erlaubuiß zu bitten, daß die jüdischen Soldaten, die zu den vier in Brvbruisk garnisonirenden Regimentern gehörten, während der Festtage in ihren Garnisonen bleiben dürften. Der General bemerkte, daß, wenn er seine Bitte erfüllte, die Manöver desorgauisirt sein würden, da 650 Israeliten sich in den besagten Regimentern befänden. Er fügte hinzu, daß er sehr gerne die religiösen Bedürfnisse besagter Soldaten erfüllen möchte und daß er mit seinen Collegen eonfcriren wolle, um ein Mittel ausfindig zu machen, den jüdischen Soldaten die Ausübung ihrer religiösen Pflichten zu ermöglichen. Das Resultat dieser Conferenz war, daß die jüdischen Soldaten die Erlaubniß haben sollten, den Gottesdienst auf dem Manöver-Terrain abzuhalten. So fanden sich am Morgen des Rosch-Haschauah die 650 jüdischen Soldaten in der Ebene von Michalowo versammelt, mit dem Talis bekleidet. Auf einer kleinen Anhöhe hatte ein Vorbeter Platz genomuren, neben sich einen Tisch, auf dem ein Sepher Torah lag, das eine benachbarte Ge- 46*