Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 52 (1888)
- Issue
- Heft 46 (15.11.1888)
- Date
- 1888-11-15
- Page
- Seite 730 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3224737-3227717-3227764--45757-3265289- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
730 erklärte, er versage jedem professionellen Antisemiten auch das geringste Maß von Achtung und Letzterer erwiderte, daß er mit Rücksicht auf die Person des Sprechers nur hierauf stolz sein könne. Er habe noch nicht denuncirt, das sei eine Eigenschaft der Juden. (Tumult! Rufe: Das dulden wir nicht!) S.-A.-Ujhely, 28. October. Es dürfte sehr Bielen unbekannt sein, daß der im Jahre 1830 in Pelejte (bei Gülßöcs) verstorbene schlichte jüdische Gutspächter Rdfael Kästenbaum — einer der redlichsten und zugleich sonderbarsten Menschen — der Gründer der hiesigen, im Monat October 1838, also vor 50 Jahren eröffneten jüdischen Volsschule, sich durch seine Stiftungen ein bleibendes Denkmal in den Herzen aller Confessionen dieser Gegend gesetzt hat. „Um mich einem hochlöblichen Comitate von Zemplin" — so heißt es in dem vom 26. August 1825 datirten ungarischen Testament Kästenbaums „unter dessen Schutz ich 40 Jahre lang gelebt habe, dankbar zu zeigen, vermache ich mein ganzes Vermögen zu wohlthätigen Zwecken und will, daß ein hochlöbliches Comitat mein Vermögen überwache." Von den namhaften Stiftungen K.'s wollen wir hier nur einige registriren. Damit sein Vermögen in Ordnung verwaltet werde, bestimmt der Testator in erster Reihe dem jeweiligen Ober- und Viceeurator die Zinsen des Capitals von f>()000 Gulden W. W. Der Jrrenabtheilung des hier bestehenden allgemeinen Krankenhauses des Zempliner Comitats vermachte er die Zinsen von 20000 Gulden W. W., trotz des Umstandes (dies wird im Testament betont), daß es ihm nicht bekannt war, ob in dieser Anstatt bisher auch Israeliten ausgenommen wurden. Am interessantesten ist wohl der 0. Punkt des merkwürdigen Testaments. Hier erklärt er, daß er „die volle und klare Ueberzeugung gewonnen habe, daß Menschen, die in Unwissenheit und ohne Erziehung ausgewachsen sind, größtentheils viel Schlechtes thnn und treiben." Und deshalb vermachte er die Zinsen von 100 000 Gulden W. W. zur Errichtung einer jüdischen Volksschule in S.-A.'Ujhely in der Weise, daß die Hälfte der Zinsen zur Honorjrung der Lehrer, die andere Hälfte für Kost, Kleidung und Erziehung der diese Anstalt besuchenden Kinder seiner armen Verwandten verwendet werde. Die hiesige jüdische Muttergemeinde erhält deshalb jährlich von der Kästenbaumschen Masse — deren eifriger Kurator gegenwärtig der angesehene Grundbesitzer Herr Fr. Kirn ist — eine entsprechende Schulsubvention. Ter subftituirende Schulinspector der diese Schule besuchenden Kästenbaunr'schen Kinder ist Herr Jakob Wolfs, der sowohl die körperliche als geistige Erziehung der ihm anvertrauten Kinder mit Sorgfalt überwacht. Zur Unterstützung seiner größtentheils in Galizien wohnenden armen Verwandten, bestimmte K. die Zinsen von weiteren 100000 Gulden. Sollte aber einer der Erben wegen eines Vergehens bestraft werden, so soll derselbe seines Antheils verlustig werden, da er „die Schlechtigkeit nicht unterstützen mag". Kästenbaum wohnte in Pelejte in einem Bauernhause, in welchem die größte Einfachheit herrschte. Und Einfachheit herrschte auch in der Wirthschast. Nur ein Verwalter stand dem Gutsherrn zur Seite und alle Befehle gingen von diesen: aus. Kenntnisse, selbst im Hebräischen, mangelten Kästenbaum gänzlich. Und doch liebten ihn die Magnaten und Grundherren dieser Gegend wegen seiner Redlichkeit. Kästenbaum war kinderlos und kränklich, und als er sein Ende herannahen fühlte, erschien er im Jahre 1825 im besten Mannesaller vor der Comitats-Congregation und legte sein versiegeltes Testament, ohne ein Wort zu reden, nieder. Der damalige Bicegespan von Zemplin rief beim Verlesen des Testaments tief gerührt aus: „Wir stehen beschämt da, wenn wir uns den Inhalt eines so großartigen Testaments nochmals im Geiste vor die Seele führen und machen uns heute Borwürfe, eine so edle Seele im Leben verkannt zu haben." Am fünfzigsten Jahrestage der Eröffnung der hiesigen jüdischen Volksschule, einer Schöpfung Kästenbaum's, erachteten wir es für angemessen, des längst Entschlafenen liebend zu gedenken, der sich für alle Zeiten bleibende Verdienste erworben hat. Belgier!. Brüssel, 1. Nov. (Privatmitth.) Die Incköpeackaneo beige enthält in ihren Nummern vom 27. 28. und 20. October ausführliche Artikel über „Fürst Bismarck und die deutsche Nation." Mit gewisser Befriedigung können wir sagen, daß der Verf. dieser Artikel von aller feindlichen Gesinnung sowohl gegen den Reichskanzler als gegen Deutschland fern ist, vielmehr die Verdienste Bismarcks willig anerkennt und sich eines objectiven Urtheils befleißigt. Er findet, daß im Laufe der Entwickelung vier Uebelstände eingetreten seien: die Social, demokratie, der Culturkampf, der Antisemitismus und das Schwinden selbständiger Charaktere aus den maßgebenden Schichten der deutschen Nation. Wie sich der Berf. die Urheberschaft oder Beförderung dieser Uebelstände denkt, ist an dieser Stelle zu prüfen nicht der Ort. Wir heben vielmehr nur aus dem zweiten Artikel heraus, was der Verf. über den Antisemitismus sagt, um wieder einmal eine vorurtheitslose Stimme aus dem Auslande zu hören. Er sagt: Sicherlich wäre es übertrieben, wollte man den Antisemitismus für eine ernste Gefahr in Deutschland ansehen. Die Meinungsverschiedenheiten dieser Art, die der Vernunft wie dem gesunden Menschenverstände, dem menschlichen Gefühl sowohl wie den erhabensten Lehren des Christenthums widersprechen, sind eine wahre Gefahr nur unter halb civilisirten Völkern, wie unter denen des orientalischen Europas, im südlichen Rußland, in den Bälkankändern, in gewissen Theilen der österreichisch-ungarischen Monarchie, aber, nicht unter den