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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1888-11-15 · Heft 46 (15.11.1888) · p. Seite 729

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
52 (1888)
Issue
Heft 46 (15.11.1888)
Date
1888-11-15
Page
Seite 729 (sequence 9)
Language
German
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729 Marburg fielen die Antisemiten schmählich durch; in Kassel brachte es vr. Paul Förster bis zu — zwei Stimmen. Dagegen kamen Cremer und Wolff in Teltow abermals durch. Es werden also im Hause drei Antisemiten vorhanden sein: Stöcker, Cremer und Wolff. Allerdings sind auch Hainmerstein, Rauchhaupt und andere verbissene Cvnservative wieder gewählt, welche Stöcker kaum nachstehen. Allein von allen diesen haben wir nichts zu befürchten: sie möchten wohl, aber sie können nicht. Berlin, 6. Nov. Für die Errichtung einer neuen Synagoge in der Lindenstraße war unter den Mitgliedern des Architectcnvereins eine Bewerbung ausgeschrieben worden, in welcher die Architecten Cremer und Wolfenstci» den ersten Preis (von 4000 Mark) erhalten haben. Abgesehen von der unregelmäßigen Gestalt des Grnndstücks war die Jnnehaltung aller polizeilichen Vorschriften zur Bedingung gemacht, auch dadurch eine weitere Schwierigkeit geschaffen worden, daß man die Errichtung eines Vorderhauses als wünschenswerth hingestellt hatte. Da nach jüdischem Ritus die Synagogen in einer bestimmten Mindestentfernung von der Straße errichtet zu werden pflegen, war es sehr Wohl möglich, ein Vorderhaus mit Schule an der Straße anzulegen, indessen ergab sich bei dieser Lösung der Fehler, daß die Synagoge selbst von der Straße aus nur wenig oder gar nicht sichtbar war. Die genannten Architekten nun haben de» Ausweg gewählt, die Schule zu trennen, so daß an der Straße zri beiden Seiten eine kleine Baugruppe entstand, dazwischen aber über den geräumigen Vorhof hinweg die Synagoge in voller Charakteristik künstlerisch ivirksam hcrvortritt. Den zweiten Preis von 2500 Mk. erhielt der in der letzten Zeit auf allen Gebieten der Baukunst .siegreiche Architcct Bruno Schmitz für eine höchst gediegene Arbeit, die von dem Referenten Professor Wolff als eine künstlerische Meisterleistung bezeichnet wurde. Zum Ankauf empfohlen wurde des vortrefflichen Grundrisses wegen ein Entwurf des Regierungsbaumeisters Dilewsky, ein Vereinsandenken erhielten schließlich die Architecten Beruh. Schring und Höniger. Die sämmtlichen cingegangenen Entwürfe, deren Zahl 12 beträgt, werden acht Tage lang im Architektenverein (Wilhclmstr. 92) ausgestellt bleiben. Kassel, 2. November. Der «Franks. Ztg." schreibt man von hier: „Wie sauer es den hiesigen Antisemiten geworden ist, eine Vorschlagsliste für die am 30. Octvber vollzogene Wahl der Wahlmänner zusammen zu stoppeln, geht wohl am besten daraus hervor, daß sie sogar einen längst verstorbenen Schneidermeister als Wahlmann-Candidaten ausgestellt hatten. Also nicht einmal die Ruhe der Tobten wird bei den Wühlereien dieser Unholde mehr rcspectirt! Am Wahltage war die Entrüstung über das Gebühren derselben groß, hatte» sie sich doch nicht entblödet, die Namen einer großen Anzahl von achtbaren Bürgern ihrer Liste einzuverleiben, welche vom Antisemitismus absolut nichts wissen wollen. Dem „Kasseler Tagebl." ging beispielsweise folgende Erklärung zur Veröffentlichung zu: „Unter den Mitgliedern der hiesigen katholischen Gemeinde hat es gerechten Unwillen erregt, daß man ihre Namen mißbraucht und ohne ihr Wissen und Willen in die von der hiesigen „Reformpartei" ausgestellte Liste zur Wahl der Wahlmänner ausgenommen hat. Es soll hier besonders bemerkt werden, daß Geistliche und Lehrer der Gemeinde der „Reformpartci" vollständig fern stehen." — Im Uebrigen enthält das genannte Blatt eine lange Jnseratenspalte voller Einzelprvteste aus anderen Kreisen gegen das willkürliche Vorgehen der Antisemiten bei der Zusammenstellung ihrer Liste. Selbst ein hiesiger Bierwirt, dessen Local mit Vorliebe von „Reformern" frequentirt und deshalb im Volksmnnde „Antisemitenwirthschaft" genannt wird, hat eine energische Verwahrung — gegen seine Ernennnng als Wahlmann ohne sein Vorwissen — vom Stapel gelassen. Man sieht aus alledem, wie schlecht die sich so breit machenden wenigen Antisemiten Kassels mit ihren den socialen und religiösen Frieden untergrabenden Bestrebungen bei der Bürgerschaft angeschrieben stehen. (Trotzdem hat es der Antisemit vr. Paul Förster nur bis zu 5 Wahlmännern gebracht!) Stuttgart, 28. Oktober. (Privatinitth.) Der Verein zur Unterstützung von Wittiven und Waisen armer israelitischer Lehrer und Vorsänger Württembergs ist in sein zweites Viertcljahrhnndert eingetreten, der Rechenschaftsbericht z>ro 1887/88 beweist, das; die Leitung in guten Hände» ist. Sieben Witiwen mit Kindern, zwei elternlose Waisen und ein kranker Lehrer sind im ganzen mit 1425 M. unterstützt tvorden, auch wurde noch ein Beitrag an den allgemeinen christlichen Lehrer- Unterstütziingsvcrei» verabreicht. Ihre Majestäten der König und die Königin haben dem Verein ihre fortgesetzte Huld und Unterstützung angedeihen lassen. In den Grundstock wurde» 690 M. gestiftet. In Folge Rücktritt des Vorstandes L. Licbmann, hat Bankier Sonthcimer in Stuttgart die Agentur für den Platz übernommen, und seiner Thätigkeit : verdankt der Verein besondere Förderung. Das Vereinsvrr-! mögen ist ans 32,817 M. angewachsen; aber mit dem Bermögenszuwachs sind auch die gerechten Ansprüche an den Verein gestiegen. Die Zahl der Mitglieder betrügt 53, die der Ehrenmitglieder 153, diese sämmtlich von hier. Oesterreich-Ungarn. Wien, 31. Oktober. Die heutige Gemcinderaths-Sitzung verlief — was jetzt beinahe schon ausdrücklich conftatirt werden muß — ohne Scandalscenen. Nur zwischen dem! Gemeinderath Mayer (Lcopoldstadt) und dem Antisemiten! Vetter wurden einige erregte Worte gewechselt. Elfterer 46

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