Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 52 (1888)
- Issue
- Heft 46 (15.11.1888)
- Date
- 1888-11-15
- Page
- Seite 728 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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728 Organe der nationalliberalen Partei, die „Nationalzeitung" äußert sich hierüber, folgendermaßen: „In Herford-Bielefeld wird das Resultat wie folgt angegeben: 326 konservative, 149 nationalliberale und 213 deutschfreisinnige Wahlmänner. Die Nationalliberalen haben es also auf alle Fälle in der Hand, die Wiederwahl des Herrn Stöcker zu verhindern, sei es, daß sie den Verzicht auf dieselbe zur Bedingung eines Kompromisses mit den Konservativen machen, sei es, daß sie mit den Deutschfreisinnigen Zusammengehen, oder die Entscheidung in der Stichwahl nach ihrem Ermessen geben. — Was nach den dortigen Verhältnissen richtiger ist, darüber maßen wir uns kein Urtheil an; aber die Hoffnung darf ausgesprochen werden, daß die Nationalliberalen des Wahlkreises den Gegnern dieser Partei nicht ermöglichen werden, in Zukunft zu behaupten, daß Herr Stöcker mit nationalliberaler Hilfe im Abgeordnetenhaus sitze. In Berlin haben selbst die Freikonservativen und die gemäßigten Elemente der konservativen Partei eine Kandidatur dieses Herrn abgelehnt." Letzteres ist richtig, denn selbst die freikonservative „Post" bespricht die Wahl in Bielefeld-Herford und plädirt für die Beseitigung Stöckers. Sie räth zu einem Kompromiß der Nationalliberalen und der Konservativen auf gemäßigt konservative Kandidaten. Für den Fall aber, daß die Kmyervativen dies ablehnen sollten, erklärt sie sich für ein Zusammengehen der Nationalliberalen mit den Freisinnigen. Ebenso sprechen sich in Berlin die Wahlmänner des Kartells, d. h. der gemäßigten Konservativen und der Nationalliberalen aus; denn sie beschlossen, sich bei der Wahl am Dienstag der Stimme zu enthalten, weil es das Interesse der Kartellparteien und die fernere erfolgreichere Bekämpfung der Deutschfreisinnigen gebieterisch fordert, nicht unter dem Kommando der ,,Kreuz-Zeitung" und der christlich-socialen Partei zu stehen, als deren ausschließliche Kandidaten die Herren Stöcker und Bellermann betrachtet werden müssen. Indes; ist diese Fraction des Kartells in Berlin äußerst geringzählig, und Stöcker sieht ihre Absage recht gern, weil er sich um so bestimmter als Führer der streng conservativen Partei fühlt. Auch dürfen wir uns nicht verhehlen, daß, so lange ein Kartell zwischen den Conservativen, Freiconservativen und Nationalliberalen besteht, wir selbst der letzteren durchaus nicht sicher sind. So wird ans Breslau berichtet, daß der freieouservative Professor von Stengel in einer Wahlversammlung der Kartellparteien eine antisemitische Hetzrede gehalten, und, um das Centrum zu gewinnen, daran erinnerte, daß „Hunderte von päpstlichen Decreten den Umgang mit den Juden verböten, die katholische Presse von je einem zielbewußten Kampf gegen die Ueberwucherung des Judenthums geführt habe, welches letztere seinerseits die Einrichtungen der katholischen Kirche in der Presse systematisch angreife u. s. w." Bekanntlich ist es leider inmitten des wüsten Parteihaders mit der deutschen Wissenschaft so weit gekommen, daß Professoren in ihrem blinden Borurtheil unverfroren Behauptungen aufstellen, denen jede wissenschaftliche Begründung fehlt und die zu beweisen ihnen sehr schwer fallen würde. Zwischen Professoren und gewöhnlichen Sterblichen findet da kein Unterschied mehr statt, den die Herren von den Lehrstühlen doch sonst so eifrig aufrecht zu hallen suchen. Herr von Stengel würde schwerlich eine große Auslese von Beispielen heranbringen können, wo Juden die Einrichtungen der katholischen Kirche angegriffen haben. Das war zu aller Zeit sehr gefährlich für Juden. — Es fehlt auch schon, wie nach jeder Wahl, nicht an der Klage der Freisinnigen, daß auch Juden für die conservativen Wahlmänner gestimmt hätten. Die freie Selbstbestimmung bei den Wahlen ist eben jeder Partei zuwider. So läßt sich die Franks. Ztg. aus Berlin schreiben: „Die Heeresfolge der Beamten für die Regierung geht so weit, daß an ihr selbst die Behauptung der conservativen Blätter von der oppositionellen Gesinnung der Juden zu Schanden wird. Der „jüdische Referendar", dieses vielgeschmähte Wesen, wählt in Berlin zum guten Theil auch schon conservativ. Er fühlt sich auch bereits als Beamter und fürchtet die Ungnade seiner Vorgesetzten. Herr Stöcker wird, wenn er dies erfährt, vielleicht einen neuen Beweis dafür erblicken, daß die Jugend ihm gehöre, selbst die jüdische. Ich weiß nicht, wie weit er Recht hat. Der jüdische Referendar aber, der neben mir seine Stimme etwas verschämt für einen conservativen Wahlmann abgab, erklärte mir gewissermaßen entschuldigend, er wolle Slaatsanwalt werden. Er schien seine Abstimmung als eine Art Befähigungsnachweis für diese Laufbahn aufzufassen." Nun, diesem ganzen Getreibe wird bald wieder einmal die Ruhe folgen. Bonn, 7. November. (Privatmitth.) So weit sich heute schon die Ergebnisse der gestrigen Wahl der preußischen Abgeordneten übersehen lassen, wird das Berhältniß der Parteien in dem auf fünf Jahre gewählten Hause sich nicht wesentlich verändern. Die Conservativen und National liberalen haben ein paar Sitze gewonnen, die Dentschfreifinnigen einige verloren. In Berlin fielen die Wahlen mit den bekannten Majoritäten zu Gunsten sämmtlicher freisinnigen Candidaten aus. Stöcker, den die Parteiführer als Candidaten aus dem ersten Wahlkreise in den dritten versetzt hatten, fiel auch hier durch. Dagegen wurde er im dritten Wahlgang mit geringer Mehrheit in Bielefeld wieder gewählt. Es hatten daselbst die Naiionalliberalen und die Freisinnigen für zwei Wahlgänge gegen Stöcker einen Compromiß geschlossen. Da aber beide Wahlgänge unentschieden blieben, wurde der Compromiß aufgehoben und die Mehrzahl der Naiionalliberalen wandten sich Stöcker zu. In Kassel und