Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 52 (1888)
- Issue
- Heft 46 (15.11.1888)
- Date
- 1888-11-15
- Page
- Seite 723 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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723 gefähr faßt man in den verschiedenen Staaten den Religionsunterricht auf, und so ist auch hier der Weg gewiesen, den man beschreiten sollte. Der Religionsunterricht bleibt obligatorisch, nur daß es den Eltern gestattet ist, auf Dispensation davon für ihre Kinder anzutragen, wenn sie zugleich den Nachweis führen, in welch' andrer Weise für den Religionsunterricht derselben gesorgt ist.- Schon jetzt — und später wird es immer öfter geschehen — drängt sich die Frage auf: wie und wodurch ist es gekommen, daß in Deutschland der Antisemitismus in so Helle Flammen aufschlagen konnte? Wie in allen das Leben betreffenden Fragen sind da verschiedene Gründe anzugeben. Wir haben in dieser Nummer eine Reihe von Artikeln der Iväeponännee belZs erwähnt, in deren einem ausgesprochen ward, daß der Antisemitismus eine wesentliche Nahrung dadurch erhalten habe, daß die Regierung keinerlei Mißbilligung desselben kundgethan, vielmehr ihn gern zu sehen geschienen habe. Jetzt begegnen wir in einem eben erschienenen Buche: „Aus der Wilhelmsstraße, Erinnerungen eines Offieiösen" (Berlin, Eckstein), einem besonderen Abschnitt „Bismarck und der Antisemitismus" (S. 157—183). Diese Schrift ist eine, wenn auch besonnen und mäßig gehaltene, Apologie des großen Staatsmannes und will diesen in mehrfachen kritischen Situationen und Verhältnissen darstellen. Wenn sie vieles längst Bekannte enthält, so bringt sie doch auch mannigfaches, dem größeren Publikum Unbekanntes und interessirt deshalb jedweden Leser. Dem gedachten Abschnitt liegt, ohne es auszusprechen, die Frage zu Grunde, die wir oben aufgeworfen, und der Verf. sucht sie insofern zu beantworten, als besonders die maßgebenden Faetoren des Staates dabei in Berührung kommen. Er berichtet deshalb zuerst über eine Audienz, welche Kaiser Wilhelm I. am 21. März 1882, also am Tage vor seinem Geburtsfeste, einer „Deputation des conservativen Central-Comitos" gewährte. Dieselbe bestand aus Graf Behr-Bandelin, Hofprediger Stöcker, Professor Wagner und Kaufmann Rudolph Hertzog. Es war also in der That eine Deputation der antisemitischen Agitatoren und bezeugte also, wie der Verf. selbst bemerkt, daß damals die conservative Partei Berlins sich mit den Antisemiten verschmolzen, daß sich die Antisemiten an die Spitze der Conservativen gestellt hatten. Stöcker hielt eine Anrede an den Monarchen und verlas daun die phrasenreiche, aber gedankenarme Adresse, in welcher besonders auf die kaiserliche Botschaft vom 17. November 1881 und den Erlaß vom 4. Januar 1882 hingedeutet wurde. Der Kaiser antwortete einfach und herzlich, wies aus die Frevelthaten der Umsturz- Partei an dem russischen Kaiser und dem Präsidenten der Bereinigten Staaten hin und betonte die Nothwendigkeit des „lebendigen religiösen Sinnes". „Für den Antisemitismus war aus dieser Antwort des Kaisers kein Kapital zu schlagen." Der Kaiser schätzte Stöcker, besonders weil „die Kirche durch sein Auftreten in den Volksversammlungen nicht leerer geworden." JmVorsaale war der Fürst Reichskanzler, „begrüßte die Herren der Deputation mit der größten Liebenswürdigkeit und äußerte seine besondere Genugthuung, den Herren vom conservativen Central-Comits im Palais des Kaisers zu begegnen." Hierauf erwähnt der Verf. der Verurtheilung, welche der Kronprinz über den Antisemitismus ausgesprochen. Im April 1881 veröffentlichte der Abg. vr. Baumgarten eine Broschüre „Wider Herrn Hofprediger Stöcker, eine christliche Stimme über die Judensrage", in welcher Stöcker nach allen Seiten hin verurtheilt ward. Er sandte die Broschüre auch dem Kronprinzen zu und dieser sprach ihm seinen Dank „für diese willkommene Sendung" ans, die „er mit besonderem Interesse" empfangen habe. — Hierauf geht der Vers, auf die kirchlichen Kreise über und führt besonders den „Evangelischen Kirchlichen Anzeiger" an, der das Verhalten Stöcker's in schärfster Weise tadelte, so wie den bekannten Erlaß des evangelischen Oberkirchenraths vom Februar 187!) über die Pflicht der evangelischen Geistlichkeit, von allen politischen Parteizwecken und Agitationen sich fern zu halten. — Nun erst wendet sich der Verf. zu der Stellung des Reichskanzlers zum Antisemitismus. Er übergeht hierbei den damals als von großer Bedeutung geschätzten Umstand, daß der Fürst die Telegramme der antisemitischen Comites und Versammlungen stets annahm und mit größter Höflichkeit erwiderte. Der Verf. sagt: „Ursprünglich war Fürst Bismarck von der Stöcker'schen Agitation, soweit sie eine rein christlich-sociale war, eingenommen." Nur schade, daß im großen Publikum eine Unterscheidung zwischen dieser und der antisemitischen Hetze nicht gemacht werden konnte. Entschiedener trat dies in der Aeußerung des Fürsten gegen den Fabrikanten Behrend hervor. Er sagte: „Ich mißbillige ganz entschieden diesen Kampf gegen die Juden, sei es, daß er auf eonfessioneller oder gar auf der Grundlage der Abstammung sich bewege. Mit gleichem Rechte könnte man eines Tages über Deutsche von polnischer oder französischer Abstammung hersallen wollen und sagen, es seien keine Deutschen. Daß die Juden mit Vorliebe sich mit Handelsgeschäften befassen, nun, das ist Geschmackssache; durch ihre frühere Ausschließung von anderen Bernfsarten mag das wohl begründet sein. Aber sicherlich berechtigt es nicht, über ihre größere Wohlhabenheit jene aufreizenden Aeußerungen zu thun, die ich durchaus verwerflich finde, weil sie den Neid und die Mißgunst der Menge erregen. Ich werde niemals darauf eingehen, daß den Inden die ihnen verfassungsmäßig zustehenden Rechte in irgend einer Weise verkümmert werden. Die geistige Organisation der Juden im Allgemeinen macht sie zur Kritik geneigt und so findet man sie wohl vorzugsweise in der Opposition, aber ich mache keinen Unterschied 46*